Themenschwerpunkt: Zeit zum Erinnern

Familie Hemp verfolgte den Angriff auf Hanau am 19. März 1945 von Eichen aus und bangte um den Vater

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Lebhafte Erinnerung: Karl-Ernst Hemp (links), Jahrgang 1928, lebt heute in Langenselbold. Die Kriegsjahre, in denen er auch als Flakhelfer eingesetzt war, sind ihm noch sehr präsent. Sein jüngster Bruder Gerhard (Mitte), Jahrgang 1938, hat auf dem Wohnzimmertisch in Mittelbuchen viele Fotos aus dieser Zeit ausgebreitet.

75 Jahre ist es her, dass Bomben auf die Brüder-Grimm-Stadt hernieder gingen. Anlässlich des Jahrestages am 19. März sprechen wir mit Zeitzeugen, die diese Nacht erlebt haben. So auch mit Familie Hemp.

 Es ist ein idyllisches Bild: Zwei Jungs, ordentlich in Hemd und kurzer Hose gekleidet, stehen im Sonnenschein in einem Garten und blicken etwas scheu in die Kamera. Der größere hat die Hand auf die Schulter des jüngeren gelegt. Es sind Gerhard Hemp und sein großer Bruder Dieter. Die Aufnahme ist im heutigen Nidderauer Stadtteil Eichen entstanden. 

Einblicke in die Vergangenheit: Die HA-Redakteure versuchen, die zahlreichen Eindrücke und Erlebnisse der Zeitzeugen schriftlich festzuhalten.

Was das Foto nicht erzählt: Familie Hemp ist zu jener Zeit bereits gespalten. Im Sommer 1944 waren die Schulklassen von Dieter und Gerhard aufs Land evakuiert worden, um die Kinder vor Luftangriffen in Sicherheit zu bringen. Die Mutter hatte ihre beiden jüngeren Söhne, damals acht und sechs Jahre alt, nach Eichen begleitet. Der Vater, Jahrgang 1892, besuchte die Familie regelmäßig. Er war in der Hanauer Wohnung am Hasenpfad/Ecke Jahnstraße geblieben, um weiter zur Arbeit gehen zu können. Der älteste Bruder Karl-Ernst war mit gerade einmal 15 Jahren eingezogen worden und befand sich zu dieser Zeit als Flakhelfer in der Nähe von Rüsselsheim in Stellung, um die Opel-Werke vor Luftangriffen zu schützen. 

„Wir sind in gewissem Sinn begeistert gewesen von der Technik und den Fliegern“, schildert der 91-Jährige, der heute in Langenselbold lebt. „Wir haben uns damals keine großen Gedanken darum gemacht, was wir tun. Es war eben Krieg.“ Während dessen bewohnte die Mutter mit den beiden jüngeren Brüdern ein „Behelfsheim“ am Ortseingang von Eichen, an der heutigen Bundesstraße 521. 

In den Baracken lebten auch Vertriebene aus dem Sudetenland

In den 50ern zogen die Hemps in die Stresemannstraße. Hier ihr Opel Olympia vorm Gebäude der heutigen Tanzschule Berné.

Die Brüder Gerhard und Karl-Ernst erinnern sich noch gut an diese Zeit. Sie sitzen zusammen in der Wohnung des jüngeren Bruders in Mittelbuchen und betrachten alte Aufnahmen in einem Fotoalbum. „In der Baracke in Eichen lebten wir auf etwa 25 Quadratmetern“, beschreiben die Brüder. „Einige Möbel hatten wir aus der Hanauer Wohnung mitgebracht. Es gab einen Blechofen, und das Dach war mit poröser Teerpappe gedeckt. Wir haben ein Loch gebohrt, um das durchsickernde Regenwasser wenigstens gezielt mit einer Schüssel auffangen zu können.“

Von diesen Baracken habe es vier oder fünf gegeben. Neben den Evakuierten aus Hanau lebten dort auch Vertriebene, etwa aus dem Sudetenland. Wasser zapften die Bewohner an einem Hydranten über ein Standrohr. Die Jungs halfen bei den Bauern, um sich ein Mittagessen zu verdienen. Die Mutter, eine Weißzeugnäherin, verdingte sich mit Handarbeiten. „Ich habe in der Nidder schwimmen gelernt“, erinnert sich Gerhard Hemp versonnen. „Aber ich frage mich heute oft, wie Mutter es geschafft hat, uns durchzubringen. Das würde ich heute gern mal aus ihrem Mund hören.“

 Im Fotoalbum gibt es aber auch Aufnahmen aus besseren Zeiten: die Familie am Ufer der Kinzig am Sandeldamm oder beim Spaziergang im Hanauer Schlosspark. Später zogen die Hemps vom Hasenpfad in die Stresemannstraße. Eines der Fotos aus den 50er Jahren zeigt den Opel Olympia der Familie vor einer vom Krieg zerstörten Häuserfassade. Heute hat die Tanzschule Berné dort ihr Domizil. An die frühen Morgenstunden des 19. März 1945 kann sich vor allem der ältere der beiden Brüder, Karl-Ernst, nur zu gut erinnern. Ende Februar war er aus dem Flakdienst in Rüsselsheim zunächst nach Eichen entlassen worden, um sich für die Endphase des Krieges beim „Volkssturm“ zu melden. „Der dunkle Himmel dröhnte von den Motoren der herannahenden Bomber“, schildert Karl-Ernst Hemp. Doch anstatt aus ihrer Baracke in einen der Keller der benachbarten Bauernhäuser zu flüchten, richtete die Familie im Freien ihre bangen Blicke in Richtung Hanau. „Wir zitterten und hofften, dass unserem Vater, der in Hanau war, nichts passieren würde. Wir hörten die Detonationen. Wenig später war der Himmel rot erleuchtet von den brennenden Häusern.“ 

Erst nach sechs Jahren kehrte Familie Hemp nach Hanau zurück

Gegen sieben Uhr morgens stieg Karl-Ernst Hemp auf sein Fahrrad und machte sich auf den Weg nach Hanau, um den Vater zu suchen. „Überall waren Straßenkontrollen. Irgendwie habe ich mich durchgeschlagen. Die Stadt war ja gesperrt. Die Feuerwehr versuchte, so gut es ging zu löschen. Überall lagen Schläuche, die Leute bildeten Eimerketten.“ Auf der Bruchköbeler Landstraße versperrten Trümmer den Weg. Auch auf vielen anderen Straßen gab es kein Durchkommen. Vorbei an Polizei und Militär findet Hemp dennoch einen Weg bis in den Hasenpfad. „Bis auf geborstene Fensterscheiben war unser Haus verschont geblieben“, erzählt Hemp. „In unserer Wohnung waren bereits ausgebombte Nachbarn untergekommen. Der Vater war zwar nicht zu Hause, aber er lebte. Er half bei den Löscharbeiten.“ Die Familie war also unversehrt. Im Gegensatz zu tausenden anderen, die in dieser Nacht ihr Leben ließen oder verletzt wurden. „Eine meiner Klassenkameradinnen kam nach dem Angriff ebenfalls nach Eichen“, berichtet Hemp. „Sie hatte ganz versengte Haare, weil sie durchs Feuer geflüchtet waren.“ 

Sonntagsausflug: Die beiden jüngeren Söhne Gerhard und Dieter Hemp mit ihren Eltern um 1940 an der Kinzig am Sandeldamm in Hanau.

Zum Einsatz beim Volkssturm kam es für Karl-Ernst Hemp nicht mehr. Ende März war er zwar mit anderen Jugendlichen und einigen älteren Männern in Richtung Vogelsberg gezogen, wo sie sich sammeln sollten. Doch sie kamen nur bis Kefenrod. Dort wurden sie von Soldaten auf dem Rückzug wieder nach Hause geschickt. Auch rund um Eichen habe es noch einige Scharmützel gegeben, als wenige Tage später die Amerikaner eintrafen. Vor allem die Tiefflieger hätten mit ihrem Beschuss der Niddertalbahn noch einmal für Schrecken gesorgt. Erst 1950, nach sechs Jahren, verließ Familie Hemp das „Behelfsheim“ in Eichen und kehrte nach Hanau zurück.

Quelle: Hanauer Anzeiger

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