Panzer fährt ins Rathaus

Kriegsende vor 75 Jahren: Georg Brodt erinnert sich an den Einmarsch der Amerikaner in Ostheim

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Durchhalteparole an der Schule und beschädigte Häuser: Die letzten Tage des Zweiten Weltkriegs gingen auch an Ostheim (hier eine Stadtansicht vor 1945) nicht spurlos vorüber. Noch als die Amerikaner anrückten, glaubten einige Soldaten, der Krieg sei aus deutscher Sicht zu gewinnnen, die meisten waren jedoch bereit zur Kapitulation.

An den Tag, an dem die Amerikaner Ostheim besetzt haben, erinnert er sich noch genau: Georg Brodt war kurz vor dem Kriegsende am 8. Mai 1945 fast sieben Jahre alt und wuchs auf einem Bauernhof an der Ostheimer Vorderstraße auf.

Als Kind habe er den Krieg als nicht so bedrohlich wahrgenommen, erzählt er. „Wir haben Granatsplitter und Lametta gesammelt, so nannte man die Silberstreifen, die die Flugzeuge abgeworfen haben, um die Radargeräte zu stören. Damit haben wir dann gespielt.“

Einmal sah er einen abstürzenden Flieger, der seine Bomben am Ortsrand abgeworfen hat, bevor das Flugzeug am Boden zerschellte. An anderen Tagen war der Himmel phosphorrot und ein Tiefflieger habe sogar auf ihn und seinen Nachbarn gezielt, als sie auf dem Feld zusammen Futterrüben sammelten.

Fliegeralarm bei der Einschulung

Auch bei seiner Einschulung im Herbst 1944 gab es einen Fliegeralarm und die Kinder mussten in den Keller der Schule. „Dann kam der Angriff auf Hanau am 19. März, da wurde ich wieder nachts aus meinem warmen Bettchen gerissen und wir gingen in den kalten Keller“, sagt Brodt.

„Mein Vater war bei der Feuerwehr und wurde zum Einsatz gerufen und nach Hanau abkommandiert, um zu löschen. Dort angekommen standen er und seine Kameraden vor einer riesigen Feuerwand und konnten überhaupt nicht mehr in die Stadt.“

Ostheimer hissen weiße Flagge am Kirchturm

Neun Tage später, am 28. März, kamen dann die Amerikaner. „In der Zwischenzeit hatten Ostheimer Männer, unter anderem mein Vater, am Kirchturm die weiße Flagge gehisst. Das war das Zeichen, dass wir uns ergeben.“ Damit sollte verhindert werden, dass es zu militärischen Übergriffen auf die Bevölkerung kam. Doch das gefiel nicht jedem.

Kindheit im Zeichen des Krieges: Sogar am Tag von Georg Brodts Einschulung gab es einen Fliegeralarm.

Als einzelne deutsche versprengte Soldaten das sahen, kam es zu einer heiklen Situation, wie Brodt erzählt. „Sie haben gefragt, warum wir die weiße Fahne gehisst hätten, und da kam es zu einer verbalen Auseinandersetzung. Gerade als die Soldaten gehen wollten, hat ein Ostheimer, – ich kann mich noch genau an seinen Namen erinnern –, einem Soldaten einen Stein ins Kreuz geschleudert. Der hat sich dann nur kurz umgedreht und ist gegangen. Er hätte ja auch schießen können.“

Wenige Tage später berichtete ein Bekannter meinem Vater: „Heinrich, ihr hattet großes Glück. Am Flugplatz in Langendiebach konnte ich eine Liste mit Namen von zwölf Ostheimer Bürgern einsehen, die standrechtlich erschossen werden sollten.“ Wer die Namen weitergegeben hatte, darüber wird noch heute unter den Älteren im Dorf spekuliert.

Soldaten verbrennen ihre Uniformen

„Überall waren noch versprengte Landser (volkstümliche Bezeichnung für deutsche Soldaten, Anm. d. Red.). Die meisten hatten sich bereits ihrer Waffen entledigt, weil ihnen alles zu gefährlich geworden war. Die Soldaten haben ja schnell versucht, Zivilkleidung zu bekommen, haben ihre Uniformen vergraben oder verbrannt. Sie wären ja sonst wegen Fahnenflucht möglicherweise erschossen worden. Aber damit war das Ganze noch nicht zu Ende.“

Es habe einige Unverbesserliche gegeben, die bis zuletzt daran geglaubt hätten, dass der Krieg aus deutscher Sicht noch zu gewinnen sei. „Mein Vater sollte auch zum sogenannten Volkssturm einberufen werden“, berichtet Brodt. „In der Nacht vor der Einberufung hatte er sich aber beim Nachbarn in der Scheune versteckt und entging so der Gefahr, in den letzten Kriegstagen sein Leben zu riskieren.“

Ostheimer muss Parole übermalen

In den letzten Kriegsmonaten hatte ein übereifriger Ostheimer, so berichtet Brodt aus seiner Erinnerung, die Durchhalteparole „Deutschland erwache, Volk ans Gewehr“ an die Fassade der alten Schule in großen Lettern gepinselt.

„Nach dem Zusammenbruch musste er sein Gerüst wieder aufstellen und sein Werk überpinseln. Die Amerikaner, die inzwischen in die Schulräume einquartiert worden waren, haben sich köstlich amüsiert.“

Beim Einmarsch der Amerikaner im Bunker

Das Eintreffen der Amerikaner verfolgte der damals Siebenjährige zunächst nur akustisch. „Meine Eltern und ich saßen am 28. März in einem Bunker, der in die Böschung am Sportplatz hineingetrieben war. Draußen hat es gebrummt und es wurde natürlich auch geschossen.“

Auf dem rechten Foto ist der Ostheimer (rechts) mit seinem Vater und einem Freund bei der Feldarbeit abgebildet.

Der Großvater hingegen habe mit einem aus Hanau evakuierten Veterinärrat zu Hause im Keller gesessen. „Als mein Großvater gemerkt hat, dass die Amerikaner anrollen, wollte er uns Bescheid sagen und kam zu uns gelaufen. Da standen auf dem Bunker zwei Panzer. Unweit davon hatten sich auch noch mehrere versprengte deutsche Soldaten eingegraben.“

Großvater mit mutiger Aktion

Beinahe wäre der Großvater zwischen die Fronten geraten, ließ sich jedoch etwas einfallen. „Zu den deutschen Soldaten hat er gerufen: 'Seht zu, dass ihr wegkommt, das hat doch gar keinen Zweck mehr.' Dann zog er sein weißes Taschentuch heraus, ist in Richtung der Panzer gegangen und hat uns im Bunker informiert, dass die Amerikaner eingerückt seien“, erzählt Brodt.

Einige Landser hatten jedoch weiterhin mit Panzerfäusten auf die Amerikaner gezielt und auch einen Panzer getroffen. Zwei deutsche Soldaten ließen dabei ihr Leben, der dritte habe sich mit erhobenen Händen ergeben. „Der war erst 16 oder 17, also noch ein halbes Kind“, sagt Brodt. Das Verhalten seines Großvaters Georg, nach dem Brodt benannt wurde, hat ihn bis heute tief beeindruckt. „Mein Großvater war ein frommer Mann, kein Frömmler, und hat mich auch im späteren Leben sehr geprägt.“

Panzer fährt ins alte Rathaus

Am 28. März seien die Panzer noch stundenlang durch den Ort gefahren. „Wir hatten damals Kopfsteinpflaster und wenn die in die Kurve gefahren sind, dann sind die Steine rausgeflogen.“ Ein Panzerfahrer habe sein Gefährt dabei jedoch nicht richtig unter Kontrolle gehabt.

„Er bekam die Kurve nicht, stieß rückwärts ins alte Rathaus und hat dabei die Wand eingedrückt. Dann ist er in ein Haus, das etwas weiter vorstand, mit dem Panzerrohr ins Wohnzimmer gefahren“, sagt Brodt amüsiert. „Da war ein riesiges Loch in der Wand.“

Amerikaner quartieren sich in Wohnungen ein

Noch am selben Tag hätten die Amerikaner Wohnungen konfisziert und sich dort einquartiert. „Die Eigentümer mussten dann eng zusammenrücken und es gab eine Ausgangssperre und zwei GIs haben kontrolliert, dass sich keiner auf der Straße blicken lässt.“

Georg Brodt mit seiner Frau Karin.

Mit der Verständigung sei es allerdings gar nicht so leicht gewesen, deshalb musste eine Dolmetscherin gefunden werden. „Bei uns war neben dem französischen Kriegsgefangenen Armand, zu dem wir ein freundschaftliches Verhältnis hatten, auch eine Frau Busch aus Hanau evakuiert. Dass sie Englisch sprach, muss sich irgendwie herumgesprochen haben, denn auf einmal haben die Amerikaner bei uns im Wohnzimmer gesessen, ihre Gewehre und Stahlhelme abgelegt und sich mit ihr unterhalten. Mir haben sie Drops mitgebracht und den Erwachsenen Kaffee“, erinnert sich Brodt.

Kinder rauchen Zigaretten der GIs

Die Kinder hätten die GIs öfter um Kaugummis angebettelt und noch etwas anderes von den Amerikanern übernommen: „Die Amerikaner hatten die Angewohnheit, ihre Zigaretten nur bis zur Hälfte zu rauchen, da haben wir die noch brennenden Kippen aufgehoben und weitergeraucht“, sagt Brodt.

Nach dem Krieg kamen einige Bettler auch auf den Hof von Georg Brodts Familie, da viele nichts zu essen hatten. „Da ging niemand vom Hof, ohne, dass er etwas gekriegt hätte“, sagt er. „Meine Mutter hat immer darauf geachtet, dass jeder etwas bekommt, auch wenn es nur ein Stück Brot war.“ Bis heute ist der Hof im Familienbesitz von Georg Brodt, der mit seiner Frau Karin am Ortsrand vor einigen Jahrzehnten ein eigenes Haus gebaut hat, in dem das Paar bis heute lebt.

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