Museum Bürgerhof

1963 geschliffen: Kleinster Diamant der Welt kommt aus Ostheim

Horst Körzinger (vorn) und Heinrich Pieh an dem Diamantschleifstein, an dem 1963 der kleinste Diamant der Welt von Heinrich Östreich geschliffen wurde.
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Horst Körzinger (vorn) und Heinrich Pieh an dem Diamantschleifstein, an dem 1963 der kleinste Diamant der Welt von Heinrich Östreich geschliffen wurde.

Nidderau – Sie werden besungen und in der Werbung als Symbol für strahlenden Glanz herangezogen. Ihre Entstehungsgeschichte und ihr „Lebensweg“ werden verfolgt, als ginge es um Königshäuser oder Adelsgeschlechter. Dabei sind es „nur“ Diamanten. Und der Kleinste unter ihnen kommt dazu noch aus Ostheim.

Diamantschleifereien und Diamanthandel gab es in Hanau und Umgebung schon seit dem Ende des 16. Jahrhunderts. Mitte der 1920er-Jahre waren sogar 2000 Schleifer in 120 Betrieben mit der Bearbeitung der wertvollen Steine beschäftigt. Deshalb war es nicht verwunderlich, dass auch im nahen Ostheim sich im Jahr 1926/27 die Brüder Karl und Fritz Mehrling mit kleinen Diamantschleifereien selbständig machten. Im Laufe der Jahre folgten weitere sieben Schleifereien. Mit zusammen über 100 Beschäftigten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es nur noch wenige Personen, die in Heim und Lohnarbeit kleine Diamantschleifereien in Ostheim betrieben. Auch weil ein internationaler Boykottaufruf den Handel mit in Deutschland geschliffenen Diamanten stark einschränkte. Um dem Beruf in den 1960er-Jahren wieder zu mehr Popularität zu verhelfen, rief eine Hanauer Diamantenvertriebsgesellschaft zu einem besonderen Wettbewerb auf. Gesucht wurde der kleinste beschliffene Diamant. 1963 entstand der in der Werkstatt von Heinrich Östreich in der Kirchgasse 23 in Ostheim.

Im Museum sind weitere Originalwerkzeuge eines Diamantschleifers zu betrachten.

Nur gerade einmal 0,000173644 Gramm brachte der Mini-Brilli auf die Waage. Zum Schleifen, Wiegen und Messen dieser Kleinigkeit waren deshalb sogar Spezialgeräte notwendig. Die Leistung der Ostheimer Diamantschleifer sorgte in der Fachwelt damals für großes Aufsehen. Und sogar das Fernsehen rückte an und machte einen Beitrag darüber.

Den Meister-Schleifer gibt es zwar heute nicht mehr, aber sein Handwerkzeug kann im Ostheimer Heimatmuseum weiterhin betrachtet werden. „Der Motor läuft noch, und auch ein Teil der Originalwerkzeuge gibt es noch“, versichert Heinrich Pieh, Ehrenvorsitzender des Heimat- und Geschichtsvereins Ostheim.

Pieh, obwohl mittlerweile bereits 80 Jahre alt, ist nicht nur einer der Gründerväter des Heimat- und Geschichtsvereins, sondern auch des kleinen Dorfmuseums. Als der Heimatverein 1987 gegründet wurde, forderte Pieh die Mitglieder sofort auf, alles, was alt und geschichtsträchtig aussieht, zu sammeln und in einem ehemaligen Schweinestall zusammenzutragen.

„Bei vielen erregte dieser Aufruf nur mitleidiges Lächeln, weil nach deren Verständnis Altes in die Mülltonne gehörte“, erinnert sich Pieh noch heute. Doch er ließ nicht locker, sammelte und sorgte mit erstaunlicher Ausdauer dafür, dass die Stadt einen alten Bauernhof mitten im Ort kaufte und dem Verein einen Flügel für sein „Museum“ zur Verfügung stellte. Es seien viele dicke Bretter gewesen, die er dafür bohren musste, denn es gab in der Politik starken Gegenwind gegen sein Projekt.

Ein Archivbild aus den 1960er Jahren zeigt einen Diamantschleifer bei seiner Arbeit.

Zu teuer, kaum Interesse – Argumente dagegen gab es genug. Doch Pieh und sein Heimatverein gaben nicht nach. Erst holten sie den Bürgermeister mit auf ihre Seite und dann den Landtagsabgeordneten. Als dann auch noch Fördermittel in Höhe von 150 000 Euro zugesagt wurden, war der Knoten geplatzt. Inzwischen hat sich der ehemalige Bauernhof zu einem Bürgerhof gewandelt mit Begegnungsmöglichkeiten für Jung und Alt. Und auch das Dorfmuseum hat 2014 seinen Flügel im Anwesen öffnen können. „Momentan haben wir zwischen 1200 und 1300 Besucher im Jahr. Aber wir wollen mehr“, meint Pieh zuversichtlich.

Dazu müsste das kleine Museum mit seinen inzwischen rund 4000 Exponaten bekannter werden. „Und zwar nicht nur in Ostheim oder den anderen Stadtteilen von Nidderau, sondern in der umliegenden Region“, schaltet sich Horst Körzinger, Vorsitzender der Bürgerstiftung Nidderau und Mitinitiator der geplanten Werbeaktion der Stadt „Geschichtswege“ ins Gespräch. Das Ostheimer Dorfmuseum erhalte sicherlich einen der 70 QR-Codes, mit denen auf die Schönheiten Nidderaus hingedeutet werde und über die man sofort die notwendigen Informationen erhalten kann. „Hier in dem Ostheimer Dorfmuseum ist so viel Sehenswertes. Das ist schon eine Reise wert“, sind sich Körzinger und Pieh einig.

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