Auf den Fäldern

Landwirte und Jagdpächter klagen über Fraßschäden durch Nutrias an der Nidder

Die Ostheimer Landwirte Achim Dahlheimer, Bernd Förter (von links) und Klaus Mehrling (rechts) bekommen die Schäden an ihren Feldern nicht ersetzt. Jagdpächter Heinz Ross (Zweiter von rechts) will etwas dagegen tun.
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Die Ostheimer Landwirte Achim Dahlheimer, Bernd Förter (von links) und Klaus Mehrling (rechts) bekommen die Schäden an ihren Feldern nicht ersetzt. Jagdpächter Heinz Ross (Zweiter von rechts) will etwas dagegen tun.

Nidderau – Für die einen sind es possierliche Tierchen, die am Wärtchen in Windecken die Aufmerksamkeit der Passanten auf sich ziehen. Für andere sind es Plagegeister, die erhebliche Schäden verursachen.

„Schauen Sie sich das an“, sagt Jagdpächter Heinz Ross und deutet auf einen Tunnel, der am Ufer der Nidder nahe Eichen in die Böschung gegraben wurde. „Das waren Nutrias. Hier vor dem Loch liegen noch die abgefressenen Maishalme, die sie bis hierher geschleift haben.“

Das ganze Ausmaß des Schadens wird bei einem Blick über den angrenzenden Acker deutlich: Auf einem etwa 15 Meter breiten Streifen entlang der Nidder liegen die Maishalme kreuz und quer auf dem Boden verteilt. Die unregelmäßig abgefressenen Pflanzenstummel, die in diesem Bereich aus dem Erdboden ragen, unterscheiden sich deutlich von den kurz abgehäckselten Reihen auf dem restlichen Acker.

„Auf diesen etwa 5000 Quadratmetern habe ich einen Ernteausfall von rund 25 Tonnen Mais“, erklärt der Ostheimer Landwirt Achim Dahlheimer. Seine Berufskollegen Bernd Förter und Klaus Mehrling, die benachbarte Flächen bewirtschaften, hatten in den vergangenen Jahren ähnliche Schäden zu beklagen. Da die Fläche an der vom Weg abgewandten Seite an der Nidder liegt und von den hochwachsenden Pflanzen verdeckt war, ist der Schaden erst bei der Ernte aufgefallen. Der Landwirt hatte den Wildschaden bei Heinz Ross gemeldet. Doch anders als bei Wildschweinen oder anderem Schalenwild, steht den Landwirten in diesem Fall keine Entschädigung zu.

Attraktion: Am „Wärtchen“ in Windecken sind die Nutrias sehr zutraulich und werden sogar – verbotenerweise – ab und zu von Passanten gefüttert.

„Das Problem ist, dass das Jagdfenster für die Nutrias erst am 1. September aufgeht“, erklärt der Jäger. „Aber das ist viel zu spät, wie man hier sieht.“ Ross hat die Tiere selbst mehrfach beobachtet, wie sie auf dem Acker ihr Unwesen trieben. Die invasive Art, die ursprünglich aus Südamerika stammt, wurde Ende des 19. Jahrhunderts in Europa als Pelztier eingeführt und hat sich bald auch in der freien Natur ausgebreitet. Neben den Fraßschäden verursachen die sogenannten Biberratten auch Schäden am Ufer der Nidder. Durch ihre Tunnelbauten in der Böschung wird das Ufer bei Hochwasser unterspült und bricht ab.

Landwirt Bernd Förter hat bei der Heuernte in den Nidderwiesen sogar schon einen Achsbruch mit einem Arbeitsgerät erlitten, als er beim Überfahren eines Nutria-Tunnels eingesackt ist. Auch auf diesem Schaden blieb er sitzen.

„Ich hatte vor zwei Jahren mal eine Sonderabschussgenehmigung beantragt“, berichtet Jagdpächter Ross. „Es folgte ein monatelanges bürokratisches Verfahren. Mitte August kam dann die Genehmigung – zwei Wochen, bevor die reguläre Jagdzeit sowieso losgeht.“

Fußabdrücke und die Schleifspur des Schwanzes eines Nutrias sind auf dem Maisfeld deutlich zu sehen.

Nidderaus Umweltdezernent Rainer Vogel (Grüne) kann den Ärger der Landwirte nachvollziehen. Seine Frau und er sind selbst betroffen: Auch sie bewirtschaften vom Hof Buchwald in Windecken aus Wiesen im Vogelschutzgebiet am Hessenjakobsgraben. Und als Dezernent muss er sich um die Uferschäden an der Nidder kümmern. Allerdings sind für ihn die Probleme ein Stück weit auch hausgemacht. „Wenn ich um die Problematik an der Nidder weiß, muss ich überlegen, ob es sinnvoll ist, dort Mais anzubauen“, meint der Erste Stadtrat. „Die Nutrias haben dadurch lange Deckung und bis in den Spätsommer eine höchst nahrhafte Futterquelle, wodurch die Population natürlich weiter anwächst.“

Auch eine ganzjährige Bejagung macht für ihn, der selbst Jäger ist, nur wenig Sinn. „Nutrias gelten als sehr standorttreu und lassen sich nicht vergrämen. Und sobald die Feldfrüchte hoch gewachsen sind, haben die Tiere Deckung.“

Jagdpächter Ross zeigt am Nidder-Ufer einen Nutria-Tunnel. Davor liegen verschleppte Maishalme.

Jagdpächter Heinz Ross sieht das anders. Er ist überzeugt, dass er mit einer frühzeitigen Bejagung in der Saison größeren Schaden verhindern könnte. „Doch vonseiten des hessischen Umweltministeriums ist da wohl nichts zu erwarten“, befürchtet er. Immerhin: Auf Klage der FDP-Landtagsfraktion hat der Hessische Staatsgerichtshof im März dieses Jahres die Jagd auf junge Waschbären, Füchse und Marderhunde wieder ganzjährig zugelassen. Ross wünscht sich das auch für Nutrias. „Wenn die ganzjährige Jagd schon nicht erlaubt ist, dann müssen die Landwirte wenigstens entschädigt werden“, fordert der Jäger. „Wenn das beim Wolf funktioniert, warum dann nicht auch bei Nutrias?“

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