Themenschwerpunkt: Zeit zum Erinnern

Die Ostheimerin Else Faber war 1945 Lehrmädchen bei der Klebstofffabrik Dekalin in Hanau

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Der Ostheimer Georg Brodt hat Videointerviews mit einer Reihe von älteren Dorfbewohnern geführt, um kommenden Generationen zu vermitteln, wie das Landleben früher war. Die damals 94-jährige Else Faber war im Jahr 2017 die erste Zeitzeugin. Im April 2018 verstarb sie im Alter von 95 Jahren.

 Vor 75 Jahren, als Hanau von den Bombern der Alliierten zerstört wurde, machte Else Faber eine kaufmännische Lehre bei der Klebstofffabrik Dekalin in Hanau. Der Betrieb an der Bruchköbeler Landstraße galt als Rüstungsbetrieb und wurde schwer getroffen.

Die Ostheimerin, die vom 18. auf den 19. März 1945 glücklicherweise nicht zur Nachtwache eingeteilt war, eilte am Morgen in die Firma, um ihren Kollegen Hilfe zu leisten. In unserer Reihe „Zeit zum Erinnern“ konnten wir Else Faber nicht mehr persönlich zu den Ereignissen rund um die Bombardierung Hanaus befragen. Denn sie verstarb am 29. April 2018 im Alter von 95 Jahren. Dem Ostheimer Georg Brodt und seinem Zeitzeugenvideo-Projekt ist es zu verdanken, dass Else Fabers Erinnerungen für die Nachwelt erhalten sind. 

Else Faber wird am 3. Februar 1923 in Ostheim geboren. Ihr Vater Wilhelm Faber stammt aus Bruchköbel. Ein als geheilt geltender Lungenschuss, den er im Ersten Weltkrieg erlitten hatte, wird ihm zum Verhängnis. Er stirbt mit 32 Jahren an einer Virusgrippe und hinterlässt seine 25-jährige Frau Elisabeth mit den kleinen Töchtern Else und Wilma. Der bankrotte Staat verweigert eine Kriegerwitwenrente. Elisabeth Faber zieht mit den Kindern zurück auf den elterlichen Hof in der Kirchgasse. „Wir waren geringe Leut'“, sagt Else Faber rund 90 Jahre später im Videointerview. Ein Begriff, der nach Georg Brodts Einordnung in seiner damaligen Bedeutung an Abschätzigkeit kaum zu überbieten war. 

Else Faber überwacht während der Nachtschicht den Funk der Alliierten 

Fabers Mutter findet Anstellung als „Zugehfrau“ im Haushalt von Dorfpfarrer Friedrich Karl Fink, der mit seiner Familie im gegenüberliegenden Pfarrhaus lebt. Trotz der Anstellung der Mutter bleiben die Verhältnisse äußerst bescheiden. Der Vater fehlt. Dennoch geht Else Faber tapfer und klaglos ihren Weg. Ihr Ostheimer Schullehrer Dr. Keller, selbst Sohn einer Kriegerwitwe, erkennt den wachen Geist seiner Schülerin und überzeugt die Mutter, dass aus der Tochter etwas werden kann. Mit 14 Jahren geht Else ins Landjahr in einem Erziehungsheim in der Nähe von Flensburg. Zurück in Ostheim beginnt Faber eine kaufmännische Lehre bei der Klebstofffabrik Dekalin in Hanau. 

Nachtwache in der Klebstofffabrik Dekalin an der Bruchköbeler Landstraße: Else Faber (rechts) hört mit Kollegen die Funksprüche der Wehrmacht über feindliche Flugbewegungen ab. Dekalin galt als Rüstungsbetrieb


Als die Alliierten mit ihren Luftangriffen auf Deutschland beginnen, wird Else Faber neben ihrer täglichen Arbeitszeit auch zur Nachtwache eingeteilt. Jeden zweiten Tag sitzt sie am Funk. „Da mussten wir die Meldungen von der Wehrmacht über die feindlichen Flugbewegungen abhören, die Koordinaten und Lufträume“, erklärt Faber im Videointerview. 

Else Faber: „Ich musste rein in die Feuerwand.“

Wenn Flieger in die Nähe von Hanau kamen, flüchtete die Nachtschicht in den Keller. Mit 17 Gramm Margarine und zwei Blättern Weißkraut müssen sich die fünf Personen in der Nachtwache ihr Abendessen kochen. Die Kollegen freuen sich, wenn die „Pfarr-Else“ Dienst hat. Denn die junge Frau vom Land bekommt von ihrer Mutter immer mal zwei Kartoffeln oder gelbe Rüben mit, um die Suppe etwas anzureichern. Am Morgen nach dem verheerenden Angriff auf Hanau klopft in aller Frühe eine Kollegin von Else Faber, ein Lehrmädchen aus Eichen, an die Haustür. „Ganz Hanau brennt“, schildert sie verzweifelt. „Darf ich kurz noch mal zu dir ins Bett? Ich bin von Hanau aus gelaufen und will noch heim. Du musst schnell sehen, dass du nach Hanau kommst.“ 

Im Interview wirft Georg Brodt eine Erinnerung seines Vaters ein. Der sei bei der Feuerwehr in Ostheim gewesen und mit seinen Kameraden nach Hanau gefahren, um zu helfen. Dort sei eine Feuerwand gewesen. Else Faber entgegnet lakonisch: „Ich musste rein in die Feuerwand.“ Das britische Unternehmen Dunlop sei nicht bombardiert worden. Aber die Lazarette, obwohl diese mit Kreuzen gekennzeichnet gewesen seien. Verwundete liefen auf der Straße herum. Wohin im Hemd und mit Krücken? Wer mit dem Fahrrad unterwegs war, hatte platte Reifen wegen der Glassplitter überall.

Haus in Ostheim (Nidderau) wird 1977 gebaut

Starke Frauen: Elisabeth Faber (Mitte) mit ihren beiden Töchtern Else (rechts) und Wilma vor dem Wohnhaus in der Ostheimer Kirchgasse. Das Fachwerkgebäude gegenüber dem Pfarrhaus steht heute noch.

„Da kam ich dann ins Geschäft“, erinnert sich Else Faber. „Ich hatte ja auch Dienst. Es hat alles gebrannt.“ Das Lehrmädchen war im Löschdienst am Schlauch ausgebildet. Die junge Frau hilft, wo sie kann. „Ich wurde zu einer verwundeten Kollegin ans Bett geschickt. Sie hatte einen Splitter am Kopf abgekriegt. Ich sagte: 'Was ist denn mit dir? Hast du schlimme Schmerzen?' Sie sagte: 'Es ist schon besser. Die Schmerzen werden immer weniger, immer weniger.' Auf einmal war sie tot.“ Manche Kollegen seien heimgelaufen, um zu sehen, ob ihre Angehörigen noch leben. 

Ein Kollege hatte bereits Nachricht von seiner Familie: „Meine Mutter, die haben sie schon auf die Straße geschleift. Die ist nur noch so groß. Die sind alle verschmort. Sie liegt auf dem Trottoir. Man darf sie nicht beerdigen“, zitiert Else Faber den Mann im Videointerview. Ein anderer Kollege habe daraufhin angeboten: „Ich nehme sie aufs Fahrrad und fahre sie heim zu uns nach Steinheim.“ Nach dem Krieg geht Else Faber ihren Weg. Sie wechselt zur Krupp-Tochter Horbach und Schmitz in Frankfurt, bildet sich fort und bringt es zu einer ansehnlichen Stelle. 1977 bauen die Schwestern mit ihrer Mutter gemeinsam ein großes Haus in der Weiherstraße in Ostheim, wo Else Faber bis zu ihrem Tod lebt. Geheiratet hat sie nie.

Quelle: Hanauer Anzeiger

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