Geschichte

Nidderau: 143 Jahre belieferte die Windecker Glockengießerfamilie Bach die Kirchen der Umgebung

Die Bach-Glocke aus Lindheim hat seit 1991 einen prominenten Platz in einem massiven Glockenstuhl am Dreispitz in Windecken.
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Die Bach-Glocke aus Lindheim hat seit 1991 einen prominenten Platz in einem massiven Glockenstuhl am Dreispitz in Windecken.

Sie erklingen heute noch in vielen Kirchen in der näheren und weiteren Umgebung – die Glocken der Familie Bach, die in Windecken gegossen worden waren. In Hungen, dem Ursprungsort der Dynastie Bach, erinnert eine Gedenktafel am ehemaligen Wohnhaus an diese Familie, in Windecken sucht man eine solche Erinnerung an die Familie Bach (bislang) vergebens.

Nidderau - Johann Peter Bach, Enkel von Mathias Bach und Sohn von Johann Georg Bach, beide von Beruf Spritzenmacher, begründete die Tradition der Glockengießerei noch in Hungen, wo er 1741 im Alter von gerade 19 Jahren seine erste Glocke für eine Kirche in Lämmerspiel goss. Vier Jahre später führte ihn ein Auftrag für die Reinhardskirche (wurde 1834 abgebrochen) nach Windecken, wo er Anna Katharina Spielmann, die Tochter eines begüterten Ratsmitglieds, kennen und lieben lernte. Ein Jahr später wurde geheiratet und im Jahr 1748 erwarb das Paar den Pflücksburger Hof, zog nach Windecken und Johann Peter Bach errichtete im Garten das erste kleine Gießhaus.

Als die Geschäfte immer besser liefen, verlegte Bach die Produktionsstätte seiner Glocken vor das damalige Kilianstädter Tor, der heutigen Kreuzung von Eugen-Kaiser-Straße und Konrad-Adenauer-Allee. Die Qualität der Glocken aus dem Hause Bach hatte sich schnell herumgesprochen.

Großauftrag im Jahr 1757

Einer der größten Aufträge, ein Geläut aus vier Glocken, erhielt die Windecker Gießerei im Jahr 1757. Allerdings konnte der Großauftrag erst nach der Überwindung verschiedener Hürden ausgeführt werden, denn beim Vertragsabschluss war festgehalten worden, dass die vier Glocken erst nach einem erfolgreichen Probeläuten bezahlt werden sollten. Bach hatte zum Kauf des Materials Geld aufnehmen müssen und der Hanauer Münzmeister erlaubte die Auslieferung erst, als dieser Kredit zurückgezahlt war. Deshalb geriet Johann Peter Bach in eine Liquiditätskrise, die von der Gießerei aber überstanden wurde.

Nach dem Tod von Johann Peter Bach im Jahr 1780 führte Johann Georg Bach das Werk seines Vaters fort. Der regierende Erbprinz Wilhelm, später Landgraf Wilhelm IX., förderte den jungen Glockengießer und schickte ihn auf Staatskosten zur Weiterbildung in größere Gießereien und sogar in Nachbarländer.

Schicksalsschläge überschatten Leben von Johann Georg Bach

Allerdings stand das Leben des Johann Georg Bach unter keinem guten Stern, denn alle seine Kinder aus erster Ehe sowie seine Ehefrau starben früh, von den sechs Nachkommen mit der zweiten Gattin, die er mit 46 Jahren heiratete, überlebte nur ein Kind. Johann Georg Bach starb 1814. Seine Nachfolge trat Philipp Bach an, der 1798 geboren wurde und bereits mit 16 Jahren die Geschäfte übernahm. Unterstütz wurde er anfangs von seinem Onkel, der in Hungen weiterhin Glocken goss. Unter der Leitung von Philipp Bach blühte das Geschäft, mindestens 170 Glocken verließen die Windecker Gießerei.

Der letzte Gießer der Dynastie war Philipp Heinrich Bach II., geboren 1829, der zusammen mit seinem Vater und seinem für Verhandlungen zuständigen Bruder Karl Heinrich Andreas die Firma Bach und Söhne erfolgreich führte. Zollbeschränkungen und der Ausbau der Eisenbahnstrecken Kassel-Friedberg-Frankfurt und Friedberg-Windecken-Hanau, der den Konkurrenten den Transport ihrer Glocken deutlich erleichterte, erschwerten den Geschäftsbetrieb erheblich.

Als dann im Jahr 1871 zuerst Philipp Heinrich Bach und später auch noch Karl Heinrich Andreas Bach starben, führte Philipp Heinrich Bach II. die Firma bis 1891 und goss im letzten Jahr ihres Bestehens noch zwei Glocken für die Windecker Stiftskirche. Er starb 1906 in Fechenheim im Haus seines Sohns Heinrich Karl Bach, der die Laufbahn eines Lehrers eingeschlagen hatte.

Heimatforscher entdeckt Bach-Glocke in Lindheim

Rolf Hohmann, 2008 verstorbener Heimatforscher und Vorsitzender des nicht mehr existierenden Geschichtsvereins Windecken 2000, hat intensiv nach dem Verbleib der Bach-Glocken geforscht. Dessen Angaben zufolge wurden in den 150 Jahren von vier Bach-Generationen etwa 400 Glocken gegossen. Eine davon wurde 1962 in Lindheim ausfindig gemacht und für 704 Mark von den Heimatfreunden Windecken erworben. Ein Glockenstuhl wurde für einen Festzug gebaut und danach stand die 175 Kilo schwere Glocke vor der Kurt-Schumacher-Schule. Nachdem der Glockenstuhl wegen Baufälligkeit abgerissen werden musste, fristete die Glocke ein kaum beachtetes Dasein in den Museumsräumen im alten Rathaus. Nachdem der Platz am „Dreispitz“ für die 700-Jahr-Feier verschönt worden war, baute Zimmermann Willi Vollmann einen neuen Glockenstuhl und die Glocke wurde 1991 schließlich an ihren jetzigen Standort gebracht. tse

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