Start ins Amt

Nidderau: Bürgermeister Andreas Bär zeigt sich in seinen ersten 100 Tagen fleißig und vielseitig

Schlemmen für den guten Zweck: Der neue Bürgermeister zeigt in den ersten Wochen seiner Amtszeit eine hohe Präsenz und wirbt für allerlei Veranstaltungen -– so wie hier für die „Eisflatrate“ am 25. August in der Alloheim Senioren-Residenz.
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Schlemmen für den guten Zweck: Der neue Bürgermeister zeigt in den ersten Wochen seiner Amtszeit eine hohe Präsenz und wirbt für allerlei Veranstaltungen – so wie hier für die „Eisflatrate“ am 25. August in der Alloheim Senioren-Residenz.

Beobachtet man die Aktivitäten von Andreas Bär in den sozialen Medien, könnte man meinen, es wäre noch Wahlkampf: der Bürgermeister beim Ironman, beim Rock-Festival „Hock den Acker“, zum „Antrittsbesuch“ bei den Landfrauen oder bei einer Theaterpremiere auf Schloss Wonnecken. Dazu mehrere Treffen mit Landtagsabgeordneten und Kommunalpolitikern verschiedener Parteien sowie diverse Termine der Verwaltung, etwa zum Stadtradeln, dem Beitritt zum regionalen Netzwerk der Bibliotheken oder einer Fotoausstellung mit Stadtansichten im Tourismusbüro.

Nidderau – Trotz Sommerpause der politischen Gremien arbeitet Bär fleißig weiter an seiner Bilanz der ersten hundert Tage im Amt, die an diesem Sonntag, 22. August, erreicht sind. Immerhin hatte er versprochen, als Verwaltungschef stärker zu kommunizieren und zu erklären – auch in den sozialen Medien. Ob er dieses vorgelegte Pensum an persönlicher Öffentlichkeitsarbeit beibehalten kann, wird sich zeigen. Schließlich warten nach der Sommerpause im Parlament große Themen auf ihn, an denen er sich messen lassen muss und möchte, wie er im Interview mit unserer Zeitung zum Amtsantritt am 15. Mai erklärt hatte.

Bislang jedenfalls präsentierte sich der neue Bürgermeister in Gremien- und Parlamentssitzungen gut vorbereitet und sachkundig. Zu den bevorstehenden Herausforderungen gehört beispielsweise die Neugestaltung des Windecker Marktplatzes. Durch die anstehenden Kanalarbeiten ergibt sich hierfür eine große Chance. In einem umfassenden öffentlichen Beteiligungsprozess will Bär unter seiner Moderation die verschiedenen Interessen bündeln und nach Jahren vergeblicher Bemühungen endlich eine nachhaltige Lösung finden, die der Bedeutung des identitätsstiftenden Orts in seinem Heimatstadtteil gerecht wird. Erste Planungsentwürfe und Diskussionen zum Auftakt stimmen zuversichtlich.

Initiative und Transparenz bei Mittelzentrum und Mischgebiet

Ebenfalls seit über einem Jahrzehnt strebt die Stadt danach, den Status eines Mittelzentrums in der hessischen Raumordnung zu erlangen – und scheiterte bislang an politischen Interessen auf Landesebene. Um die Chancen zu erhöhen, hat Bär immerhin schnell den Auftrag des Parlaments umgesetzt und mit der Leitung der Bertha-von-Suttner-Schule die Perspektive für eine Erweiterung um eine gymnasiale Oberstufe erörtert. Denn dieses Infrastrukturmerkmal unterscheidet Nidderau von Bruchköbel, das bereits Mittelzentrum ist. Während sein Vorgänger Gerhard Schultheiß stets diesen Vergleich mit der Nachbarkommune vermied, hat Bär diese Konkurrenz-Situation bereits offen benannt.

Transparenz will der neue Rathauschef auch in der Diskussion um die Ausweisung eines Mischgebiets jenseits der B521 in Eichen walten lassen. So hat er gleich in seiner ersten Stadtverordnetensitzung als Bürgermeister Ende Mai vonseiten der Verwaltung erstmals Hintergründe für das lange Warten auf die Machbarkeitsstudie der Baulandoffensive Hessen genannt. Demnach sei eine grundsätzliche Klage gegen das Modell der Baulandoffensive des Landes anhängig. Es seien vergaberechtliche Fragen zu klären, da auch Privatunternehmen die vom Land Hessen in dem Programm offerierten Leistungen anbieten. Bis zu einer Klärung dürfe die Studie nicht veröffentlicht werden.

Teilerfolg bei Diskussion um Seniorenzentrum und Hausarzt

Bär entkräftete damit auch den schwelenden Vorwurf, die Studie könnte bis zur Kommunalwahl absichtlich zurückgehalten worden sein, um den rot-grünen Koalitionsfrieden nicht zu gefährden. Denn während die Grünen den „Sprung“ in Eichen strikt ablehnen, will die SPD die Ergebnisse der Studie abwarten. Andreas Bär sagte im Antritts-Interview zu diesem Punkt lakonisch: „Als Bürgermeister setze ich die politischen Beschlüsse der Stadtverordnetenversammlung um.“

Während ihm dieser Koalitionskonflikt als SPD-Fraktionschef also erspart blieb, hat er in einer weiteren aussichtslos erscheinenden Situation einen großen Teilerfolg errungen. Mit dem Vorschlag, dem Eicher Hausarzt Dr. Henrik Schumann den bislang für ein Seniorenzentrum vorgesehenen Standort an der Höchster Straße für den Bau eines Ärztehauses anzubieten, hat er zugunsten des Allgemeinwohls seinen ursprünglichen Standpunkt als SPD-Fraktionschef aufgegeben.

Neben den Koalitionsparteien SPD und Grünen haben sich auch bereits die Freien Wähler offen für diese Variante gezeigt, die nach der Sommerpause am ebenfalls von Bär vorgeschlagenen Runden Tisch detailliert besprochen werden soll. Dabei wird es zudem um einen neuen Standort für das Seniorenzentrum gehen. Es soll bereits Ideen für den Stadtteil Erbstadt geben. Eine Perspektive, der sich auch die CDU nicht verweigern dürfte.

Stolperfallen im Parlament

„Ich bin jetzt Bürgermeister für alle Bürgerinnen und Bürger und nicht mehr der SPD-Fraktionsvorsitzende“, sagte Bär zum Amtsantritt. „Diesen Anspruch stelle ich an mich selbst.“ Während ihm dies bei den großen Themen zu gelingen scheint, bergen die vermeintlich kleinen Debatten, die im Parlament aufkommen, offenbar noch Stolperfallen für den neuen Bürgermeister. So fielen ihm die im Rahmen seines Bürgermeisterwahlkampfes von Unternehmern gestifteten Bänke gleich zweimal vor die Füße. Einmal im Wahlkampf selbst, als der Eindruck entstand, Bär wolle bereits als Kandidat über Bauhofmitarbeiter und Aufstellungsorte verfügen. Ein zweites Mal in der Stadtverordnetenversammlung, als die CDU beantragte, Ruhebänke auf dem Friedhof in Heldenbergen aufzustellen.

Bär reagierte überraschend dünnhäutig auf diesen Vorschlag. Offenbar sah er im Ansinnen der CDU einen „Scheinantrag“, denn er verwies darauf, dass an der Gedenkstätte für die Sternenkinder bereits Bänke geplant seien. Der CDU ging es jedoch um einen ganz anderen Standort auf dem weitläufigen Gelände. CDU-Fraktionschef Thomas Warlich nahm die Gelegenheit wahr, Bär an seine Neutralitätspflicht als Bürgermeister zu erinnern.

Fingerspitzengefühl bei Debatte um Schwimmkurse gefragt

Auch die Debatte um Schwimmkurse für Kinder, für die im Nachgang der Pandemie nach allgemeiner Auffassung erhöhter Bedarf besteht, fordert von Bär Fingerspitzengefühl. Der CDU-Antrag auf kostenfreien Schwimmbadeintritt, der von der FWG noch um die Forderung nach von der Stadt finanzierten Kursen ergänzt worden war, wurde vor der Sommerpause von Rot-Grün im Parlament abgelehnt. Den Redebeitrag für die SPD hielt Bärs älterer Bruder Michael, der neu in der Stadtverordnetenversammlung ist und dem Haupt- und Finanzausschuss vorsteht. Als Bürgermeister stellte Bär inzwischen in Aussicht, das Hallenbad nach den Ferien früher als geplant zu öffnen und zusätzliche Kapazitäten für Kurse zu schaffen. Rot-Grün kündigte unterdessen einen eigenen Vorschlag zur finanziellen Unterstützung von Schwimmkursen an. Sehr zum Ärger der Freien Wähler und der CDU, die sich von der Koalition ihrer Idee beraubt sehen.

„Man muss auch gönnen können“, hatte SPD-Urgestein Bernd Reuter im November 2020 im Interview zu seinem 80. Geburtstag gesagt. Es war die Hochphase des Bürgermeisterwahlkampfs. Ein Rat, den sich alle politischen Akteure ab und an in Erinnerung rufen sollten. Die ersten 100 Tage seiner Amtsführung sind Andreas Bär insgesamt gelungen. Doch die sechsjährige Amtszeit hat gerade erst begonnen. Von Jan-Otto Weber

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