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Nidderau: Festival-Fans genießen bei „Hock den Acker“ in Erbstadt endlich wieder Livemusik

Einen Vorteil hatte das Konzept: Statt dicht an dicht gedrängt in der Menge zu stehen und gegen den Hinterkopf des Vordermanns zu schauen, konnte man die Musik entspannt im Liegestuhl genießen.
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Einen Vorteil hatte das Konzept: Statt dicht an dicht gedrängt in der Menge zu stehen und gegen den Hinterkopf des Vordermanns zu schauen, konnte man die Musik entspannt im Liegestuhl genießen.

Einmal auf Rock am Ring gehen oder sich in Wacken im Schlamm wälzen, für Rockfans ist das wie für andere dem Papst die Hand zu schütteln oder den Hauptgewinn im Lotto zu ziehen. Wer eines der begehrten Tickets haben will, muss tief in die Tasche greifen und schnell sein. Doch nach fast zwei Jahren Festivalpause scheinen Konzerte mit zehntausenden Besuchern wohl vorerst der Vergangenheit anzugehören, auch wenn viele Fans sehnsüchtig darauf warten, ihre Tickets endlich einlösen zu können.

Nidderau – Wer Gitarrenklänge nur noch aus dem Radio kennt und wem das Dosenbier alleine auch nicht mehr schmeckt, dem dürfte am vergangenen Wochenende das Rocker-Herz aufgegangen sein. Das Nidderauer Festival „Rock den Acker“ feierte nach einem Jahr Zwangspause unter neuem Namen als „Hock den Acker – Rocken im Quadrat“ und mit corona-konformem Konzept sein Comeback. Und das bei bestem Festival-Wetter mit Bands wie Buried in Smoke, Tinitus-Projekt oder Elfmorgen.

Veranstalter Jens Seifried konnte es selbst nicht so wirklich glauben, nachdem die Veranstaltung im letzten September aufgrund der steigenden Corona-Zahlen vier Tage vorher abgesagt werden musste. „Leider Gottes ist es ja inzwischen schon in Fleisch und Blut übergegangen, man spricht ja kaum noch über etwas anderes, aber nichtsdestotrotz ist es schön, auch mit Corona endlich mal wieder was live machen zu können“, sagt Seifried. Schon im Februar hatten er und sein Team beim Gesundheits- und Ordnungsamt ihre neuen Pläne vorgelegt, bis Ende Mai schließlich die Zusage kam, aber auch verbunden mit der Angst, man müsse das Festival wieder in der letzten Minute absagen. Sieben Wochen hatte Seifried Zeit, alles auf die Beine zu stellen.

Gleiche Kosten, weniger Einnahmen

Zwar wurde ein Teil des Programms vom letzten Jahr übernommen, aber alleine das Hygiene-Konzept bedeutete viel organisatorischen Aufwand. Hinzu kam, dass viele Besucher ihre Tickets vom letzten Jahr behalten hatten und so wegen der auf 200 begrenzten Besucherzahl pro Tag kaum noch neue Tickets verkauft werden konnten. „Die Kosten sind in etwa gleich geblieben, aber die Einnahmen betragen nur ein Viertel“, sagt Seifried, der deshalb froh war über die Unterstützung durch Sponsoren. „Wir sind völligst on fire, dass wir das jetzt planen konnten, und es auch stattfindet. Wir sind einfach nur happy. Nicht nur wir, sondern auch die Bands und die Zuschauer“, sagt der 38-Jährige.

Einer von ihnen war Thomas, dessen Jeans-Kutte mit den Trophäen der letzten Jahre verziert ist. Ozzy Osbourne, Led Zeppelin, AC/DC, dazwischen zahlreiche Autogramme. „Der Unterschied zu den anderen ist, meine ist nicht von H&M“, sagt Thomas und lächelt. „Auf dem Ticket steht noch 2020. Ich sag es ehrlich: Hauptsache, es ist was. Die meisten haben ja abgesagt und wieder um ein Jahr verschoben und er hat ja wenigstens diese Verschiebung vom letzten Jahr jetzt nachgeholt, das ist dann ok. Aber ein bisschen mehr, ein bisschen richtiger, ein bisschen näher wäre schon schöner“, sagt der 58-Jährige, der sonst mindestens zehn Mal im Jahr auf ein Festival geht.

Fans nehmen Corona-Auflagen gelassen

„Die haben mich nur vorhin gefragt, ob ich die Luca App hätt – und so jemand wie ich hat die net, und da musste ich dann halt mal wieder den alten Zettel ausfüllen, obwohl wir uns ja eigentlich schon online registriert hatten“, sagt der 58-Jährige und lacht. Wie Thomas hätten wahrscheinlich viele gern in der Menge getanzt, statt in der abgesperrten Miniparzelle und im Campingstuhl Bier, Pommes und Livemusik zu genießen.

Die Fans ließen sich die Stimmung auch von den Corona-Auflagen nicht vermiesen.

Aber trotz Abstandsregeln nur wenige Meter von der Bühne entfernt zu sitzen, ohne dabei auf störende Hinterköpfe schauen zu müssen, das fühlte sich für manchen dann doch schon fast wie Luxus an. „Ich muss nicht dicht auf dicht dran. Ich bin eigentlich ein Mensch, der nicht so Menschenmassen mag, auch wenn ich ständig zu Festivals gehe, aber eben wegen der Musik“, sagt Michelle aus Frankfurt, die mit ihren Freunden Kerstin und Hadi aus Nidderau eine der Parzellen gebucht hat.

„Wir haben weltweit schon ziemlich viele Festivals mitgenommen, aber es ist eins der geilsten überhaupt – es ist mit unglaublich viel Liebe gemacht. Als ich gestern hergekommen bin und den ersten Klang gehört hab – ich bekomm jetzt noch schmerzhafte Gänsehaut“, sagt Hadi und strahlt übers ganze Gesicht. „Wir müssen da jetzt durch und es wird auch nie wieder so sein wie vorher. Wir haben neulich Bilder von Rock am Ring 2019 gesehen, Da haben wir in der ersten Reihe gestanden und wir haben uns an fremden Menschen gerieben – um Gottes Willen! Kannst dir ja heute überhaupt net mehr vorstellen“, fügt er lachend hinzu. (Mike Bender)

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