Hinter dieser Tür geht’s tierisch zu

HA-Adventskalender Heute sind wir auf dem Bauernhof von Familie Jost zu Gast

Flauschig und neugierig sind diese Charolais-Rinder, die sich für den Fotografen extra in Position gebracht haben.
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Flauschig und neugierig sind diese Charolais-Rinder, die sich für den Fotografen extra in Position gebracht haben.

Über den Dezember hinweg haben wir in jeder Ausgabe hinter eine andere Tür geschaut. Für Heiligabend haben wir uns die Stalltür der Familie Jost ausgesucht.

Nidderau – Sie heißen Lili, Anette und Bertha und stehen im Stall der Familie Jost. Gerade ist die Freude besonders groß, denn der Radlader hat vor ein paar Minuten einen Ballen Stroh gebracht. Das verteilt Christoph Jost und muss aufpassen, dass die Rinder ihm vor lauter Glück nicht über die Füße rennen.

Vor einigen Wochen sind die 30 Tiere von der Weide in den Stall gezogen, nach Hause sozusagen. Ein großer Anhänger hat sie abgeholt. „Nur eine wollte nicht“, sagt der 40-Jährige und lacht. Drei Tage und am Ende immerhin acht Leute hätten sie gebraucht, um das Tier einzufangen. Bis Ende April sind die Rinder jetzt im Stall, dann geht’s wieder zurück auf die Weide.

Kinder helfen sehr gern auf dem Bauernhof

Die Josts betreiben ihren Bauernhof mit viel Herzblut. Drei Generationen leben und arbeiten hier unter einem Dach: Die Großeltern Gerhard und Sigrid, deren Sohn Christoph mit seiner Frau Katja sowie die Kids Nils und Naja. Die Zehnjährige und ihr zwei Jahre älterer Bruder würden am liebsten jeden Tag im Stall und auf dem Hof helfen.

Das Tor zum Stall: Hier sind seit einigen Wochen wieder die Mastrinder von Familie Jost zu Hause. Ende Oktober ziehen sie von der Weide in den Stall um.

„Im ersten Lockdown haben sie alle Hausaufgaben der Woche direkt am Montag erledigt, um genau das zu tun“, erzählt Katja Jost. Die 35-Jährige ist auf einem Bauernhof in Ostheim aufgewachsen. Dass sie mal was mit Landwirtschaft machen würde, war ihr schon als junges Mädchen klar. Heute ist Jost Diplom-Agrarwirtin, ihr Mann, wie dessen Vater auch, Landwirtschaftsmeister.

Umstellung auf Bio begann 2019

Seit Ende der 40er Jahre haben die Josts ihren Hof an der heutigen Wehrstraße. Damals waren sie ganz allein. Ein Aussiedlerhof. Scheune. Haus. Der Großvater von Gerhard Jost hatte sich seinerzeit für den Neubau entschieden. Früher habe jeder parallel zur Arbeit Tiere gehalten und Landwirtschaft betrieben, „sogar der Pfarrer“, erinnert sich Gerhard Jost. Seine Familie hält an der Landwirtschaft fest, sattelt aktuell auf Bio um, ein Prozess, der nicht von heute auf morgen geht. „Da braucht man einen langen Atem und auch ein finanzielles Polster“, erklärt Sohn Christoph, der versteht, dass dieser Prozess für viele kleine Betriebe eine hohe Hürde darstellt.

Drei Generationen unter einem Dach: Gerhard, Sigrid, Nils, Katja, Naja und Christoph Jost (von links) mit Hund Leyla.

2019 haben die Josts begonnen, zwei Jahre dauert die Umstellung. Sie dürfen keinen Kunstdünger mehr einsetzen, keinen chemischen Pflanzenschutz. Die Pflanzkartoffeln, die nächstes Jahr in die Erde kommen, sind Bio, das Futter für die Rinder ist zu 100 Prozent selbst produziert und verarbeitet.

120 Weidetage sind Pflicht für ein Bio-Rind

Veränderung ist in der Landwirtschaft ein Muss, das wissen die Josts nur zu gut. Bis zum Februar 2019 hatten sie 40 Milchkühe. „Dann ist der Milchpreis eingebrochen; es hat sich einfach nicht gerechnet“, erinnert sich Katja Jost. „Am Ende haben wir sogar drauf gelegt.“ Also haben sie auch hier umgestellt: auf Mastrinder. 120 Weidetage sind Pflicht, sonst ist ein Biorind kein Biorind. Charolais, Limousin, Blonde d’Aquitaine, Angus und Fleckvieh heißen die Rassen, die die Josts aktuell halten.

Da ist Muskelkraft gefragt: Christoph Jost beim Futter verteilen.

Zwei bis zweieinhalb Jahre leben die Tiere im Stall und auf der Weide, dann werden sie auf einem genossenschaftlichen Schlachthof in Büdingen geschlachtet. Die Verarbeitungskette danach ist kurz: der Metzger im Nachbarort zerlegt die Rinder, die Josts verpacken sie im Küchencontainer zum Direktverkauf an die Kunden. Alle vier Wochen wiederholt sich dieses Prozedere.

Kindergartengruppen pilgern zu den Weiden

Seit Corona sei die Nachfrage rasant gestiegen. „Die Menschen haben wieder ein Bewusstsein dafür entwickelt, wo die Lebensmittel herkommen“, glaubt die Diplom-Agrarwirtin. Negative Schlagzeilen aus Großmetzgereien hätten ihren Teil dazu beigetragen. Derzeit nehmen sie wegen der großen Nachfrage keine Neukunden mehr für Rindfleisch an.

Nachwuchs am Radlader-Steuer: Nils darf heute den Strohballen bringen.

Die Rinder sind längst ein zusätzliches Standbein. Und ein Publikumsmagnet. Im Sommer pilgern regelmäßig Kindergartengruppen zur Weide, um die Tiere anzuschauen. Auch im Stall schauen regelmäßig Kinder vorbei. Katja Josts Tochter Naja hat öfter eine Bürste im Gepäck, um Lili, Anette, Bertha und die anderen schön zu machen.

Hoflädchen bietet Fleisch, Eier, Kartoffeln und mehr

Arbeit gibt es immer genug auf Hof und Feldern. Auf den Ackerflächen, die zum größten Teil gepachtet sind, bauen die Josts Weizen und Dinkel, Acker- und Sojabohnen, Zuckerrüben, Mais, Kleegras, Speisehafer und Kartoffeln an. Gerade hat Gerhard Jost die Pflanzkartoffeln für die Überwinterung eingelagert. Bei vier Grad warten sie aufs Frühjahr, werden dann langsam „aufgeweckt“ und danach gepflanzt. Im Hoflädchen der Josts gilt das Prinzip Selbstbedienung. Hier gibt es Fleisch, Eier, Kartoffeln, selbst gemachten Apfelsaft und eine Kasse des Vertrauens. Vermarktet werden die Waren normalerweise auch über die Gastronomie und Supermärkte, ein Altenheim in Windecken beliefern die Josts und verschiedene Dorf- sowie Hofläden.

Katja Jost mag diese Zeit im Jahr. „Es ist schön, dass die Rinder wieder zurück im Stall sind. Irgendwie gehören sie einfach dazu.“ Und so ein leerer Stall, nein, das sei nichts. Dass die Tiere am 24. Dezember und auch an Weihnachten gefüttert werden müssen, „ist eben so“, sagt Christoph Jost. „Die nehmen keine Rücksicht auf Feiertage.“ (Von Yvonne Backhaus-Arnold)

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