Praxis ohne Anschluss

Nidderau: Hausarzt Dr. Gornowitz kämpft seit Wochen mit Telekom um Telefon und Internet

Patienten können ihren Hausarzt derzeit nur schwer erreichen. Das Praxisteam versucht in den Abendstunden von zuhause aus, die Arbeit zu bewältigen. Symbol
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Patienten können ihren Hausarzt derzeit nur schwer erreichen. Das Praxisteam versucht in den Abendstunden von zuhause aus, die Arbeit zu bewältigen. Symbol

Es sollte ein Neuanfang werden. Nach einem Wasserschaden in seiner Windecker Hausarztpraxis zog Dr. Michael Gornowitz vor sechs Wochen in die frisch renovierten Räume der ehemaligen Kinderarztpraxis Dr. Schwenger im Straubelhaus in Heldenbergen. Doch was er und sein Praxisteam seitdem dort durchmachen müssen, gleicht einem Albtraum.

Nidderau – „Wir haben weder Internet noch Telefon oder Fax. Arztbriefe, Rezepte, die Übermittlung von Laborwerten – alles müssen mein Team und ich abends nach der Arbeit am Rechner von zuhause aus erledigen“, schildert Dr. Gornowitz. „Auch für die Patienten sind wir telefonisch kaum zu erreichen. Den Praxisanschluss haben wir auf unsere Privathandys umgeleitet, was dazu führt, dass wir rund um die Uhr Anrufe erhalten.“

Hinzu kommt die Mehrbelastung durch die Corona-Impfungen. 70 bis 90 Patienten kommen deswegen derzeit pro Woche zusätzlich in die Praxis. „Das alleine sorgt derzeit in anderen Praxen bundesweit für Ausnahmezustände, und bei uns ist zusätzlich noch die Koordination über das fehlende Praxistelefon extrem erschwert“, erklärt Gornowitz.

Anrufe auf Privathandys umgeleitet

Grund für die Misere ist offenbar eine technische Besonderheit, gepaart mit Serviceversagen der beteiligten Telekommunikationsdienstleister. „Ich wollte den Telefonanschluss der Windecker Praxis, den ich über die Firma M-Net störungsfrei hatte, an den neuen Standort der Straubelgasse 1 verlegen lassen“, erklärt Gornowitz.

„Doch das ist so nicht möglich, da die Praxis direkt an die Hauptverteilung der Telekom am Schwimmbad angeschlossen ist. Diese Leitungen können von M-Net nicht übernommen werden. Außerdem ist der Anschluss bei der Telekom unter Straubelgasse 1A geführt, das ist eine Adresse, die in der Realität nicht existiert.“

Telekom unternimmt trotz Beschwerde wochenlang nichts

Doch diese Informationen hat der Mediziner nicht etwa offiziell über die Telekom erhalten. Er musste dafür eigens einen privaten Telekommunikations- und Kundenberater einschalten, der über persönliche Kontakte bei der Telekom die technischen Hintergründe in Erfahrung brachte. Dabei hatte Dr. Gornowitz bereits am 13. Mai seinen Fall beim Beschwerdemanagement der Telekom vorgebracht. Passiert ist seither jedoch nichts.

Da hatte er noch gut lachen: Dr. Michael Gornowitz (links) zur Praxiseröffnung Mitte Mai mit Nidderaus Bürgermeister Andreas Bär.

Als wäre die Situation bisher nicht schon nervenaufreibend genug, ist inzwischen sogar der Praxisbetrieb von Dr. Gornowitz bedroht. „Ich muss bis zum 30. Juni die Quartalsabrechnungen an die Kassenärztliche Vereinigung übermitteln. Dafür brauche ich eine stabile und sichere Internetverbindung. Wenn das nicht bis zum Monatsende klappt, drohen mir massive finanzielle Schwierigkeiten.“

Erst HANAUER ANZEIGER bringt Bewegung in die Sache

Inzwischen hat der Hausarzt sogar die beiden heimischen Landtagsabgeordneten Max Schad (CDU) und Christoph Degen (SPD) eingeschaltet. Doch erst als unsere Zeitung auf Bitten des Arztes am Mittwoch bei der Telekom mit Nachdruck nachhakte, kam Bewegung in die Sache. „Wir sind guter Dinge in Zusammenarbeit mit dem vom Kunden gewählten Wettbewerber den gewünschten Telekommunikationsanschluss sehr zeitnah bereitzustellen“, so die Nachricht am Donnerstagabend von der Telekom. „In Zusammenarbeit mit dem Anbieter M-Net schaffen wir gerade die technischen Voraussetzungen hierfür.“

Sechs Wochen nach seiner ersten Beschwerde klingt diese Nachricht wie Hohn. Immerhin: Am Freitag erschien ein Telekom-Techniker in der Praxis. Das Problem ist jedoch noch nicht behoben. Dr. Gornowitz glaubt erst daran, wenn tatsächlich alles funktioniert.

„Ich werde mich nie wieder über zu lange Arbeitstage beklagen, das habe ich mir geschworen“, gelobt der Hausarzt. „Lieber arbeite ich täglich unter normalen Umständen von 7 bis 22 Uhr, als dass ich so etwas noch einmal erleben muss.“

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