Stadtgeschichte

Nidderau: Historiker Bus und Schmidt legen Abhandlung zu 500 Jahre Windecker Rathaus vor

500 Jahre Stadtgeschichte hat das historische Rathaus am Marktplatz in Windecken auf seinem Stufengiebel. Die Historiker Erhard Bus und Dr. Frank Schmidt, beide stammen aus Windecken, haben nun eine Abhandlung über das geschichtsträchtige Gebäude verfasst.
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500 Jahre Stadtgeschichte hat das historische Rathaus am Marktplatz in Windecken auf seinem Stufengiebel. Die Historiker Erhard Bus und Dr. Frank Schmidt, beide stammen aus Windecken, haben nun eine Abhandlung über das geschichtsträchtige Gebäude verfasst.

Wie so Vieles in Zeiten der Pandemie sind auch die geplanten Veranstaltungen zu 500 Jahre historisches Rathaus Windecken im vergangenen Jahr ins Wasser gefallen. Dennoch wird das Jubiläum nun gewürdigt.

Nidderau – Historiker Erhard Bus aus Windecken hat zusammen mit Co-Autor Dr. Frank Schmidt eine Abhandlung zu dem repräsentativen Bau verfasst, die neben bislang unbekannten Fakten auch historische Bilder und Fotos enthält. Veröffentlicht wurde die Abhandlung im MKK-Mitteilungsblatt des Zentrums für Regionalgeschichte.

Für Verstimmung hatte im Juni 2020 der Artikel „Sinnbild der Windecker Stadtgeschichte“ in unserer Zeitung gesorgt, in dem Historiker Bus moniert hatte, dass das 500-jährige Jubiläum der Erbauung des historischen Rathauses in Windecken bei der Stadt „offenbar niemand auf dem Schirm gehabt hat“. Die Stadtverwaltung konterte diesen Vorwurf mit der Feststellung, dass auf Vorschlag der Heimatfreunde Windecken bereits vereinbart sei, dass der ehemalige Windecker Dr. Frank Schmidt, Mitautor der historischen Festschrift „700 Jahre Stadt Windecken“, im Rahmen des Tages des offenen Denkmals Führungen durch das Gebäude übernimmt. Zudem sei für diesen Tag eine Lesung in der im historischen Rathaus beheimateten Stadtbücherei geplant gewesen.

Feierlichkeiten für Jubiläum nicht absehbar

Bis heute sind entsprechende Feierlichkeiten nicht absehbar, wie der neue Bürgermeister Andreas Bär (SPD) auf Nachfrage erläutert. „Aufgrund der Corona-Pandemie erachte ich es als schwierig, für dieses Jahr Veranstaltungen zu planen. Daher richte ich den Fokus auf das Jahr 2022: Ich werde die Gespräche mit Erhard Bus, den Heimatfreunden Windecken und dem Arbeitskreis Stadtgeschichte fortführen mit dem Ziel, das Jubiläum angemessen zu feiern. Eventuell in Zusammenarbeit mit dem städtischen Jubiläum, dessen Feiern ebenfalls ausfielen.“ So es die Corona-Lage zulasse, sollen am Tag des offenen Denkmals am 12. September Führungen mit Dr. Frank Schmidt stattfinden.

Erhard Bus, Historiker aus Windecken

Nun also haben Bus und Schmidt auf eigene Initiative einen siebenseitigen Aufsatz mit dem Titel „500 Jahre Windecker Rathaus – Ein steingewordenes Sinnbild der Stadtgeschichte“ für das Mitteilungsblatt des Zentrums für Regionalgeschichte verfasst, der mit vielen, bislang unbekannten Details zum Rathausbau und der Geschichte des Bauwerks und der Stadtentwicklung von Windecken aufwartet. Aus Bürgermeisterrechnungen der Jahre 1475/1476 sei zum Beispiel ableitbar, dass vor dem Rathaus an selber Stelle am Windecker Marktplatz ein so genanntes Spielhaus gestanden haben muss. Dabei handele es sich um einen Bau, der nicht nur der Verwaltung diente, sondern auch den Bürgerinnen und Bürgern zu Vergnügungen zur Verfügung stand und als Markthalle genutzt wurde.

Gebäude ist „Ausdruck bürgerlichen Selbstbewusstsein und Wohlstands“

Als Folge der Stadterhebung Windeckens im Jahr 1288 und als „Ausdruck bürgerlichen Selbstbewusstsein und Wohlstands“ wurde während des Rechnungsjahr 1519/1520 das Rathaus gebaut. Für die Kommune sei das ein finanzieller Kraftakt gewesen, der 60 Prozent des Gesamtetats verschlang und ein Defizit von nahezu 100 Gulden verursachte.

Bus und Schmidt beschreiben sehr detailliert, welche Handwerker an dem Bau beteiligt waren, woher das Material stammte und welche Anstrengungen nötig waren, um den im spätgotischen Stil geplanten und ausgeführten Repräsentationsbau zu errichten. Handwerker und Lieferanten aus Büdingen, Marköbel, Lindheim, Rendel, Rückingen, Rodenbach, Hanau, Frankfurt, Rinderbügen, Bleichenbach, Offenbach und Engelsdorf führt die Bürgermeisterrechnung auf. Die Steine zum Beispiel wurden auf Rhein und Main per Schiff und Fuhrwerken von Kaub nach Windecken transportiert.

Anlässlich des Richtfests zeigte sich die Stadt äußerst spendabel und die am Bau Beteiligten ließen es sich über mehrere Tage bei 129 Pfund Rindfleisch, sechs Pfund Schweinefleisch, einem Hahn, zwei Gänsen, Brot, Sauerkraut, verschiedenen Fischsorten und 150 Litern Bier sowie 260 Litern Wein so richtig gut gehen.

Vergleichbare Bauwerke zu dieser Zeit selten

Da die Windecker bis zum Dreißigjährigen Krieg – im Gegensatz zu anderen Untertanen der Grafschaft Hanau-Münzenberg – vor allem vom Handwerk und Handel lebten, konnte die Stadt sich dieses repräsentative Rathaus leisten, das als „kunstgeschichtlich herausragendes Bauwerk“ angesehen werden müsse, „das in der Umgebung seinesgleichen sucht“, stellen die Historiker fest. Im Gegensatz zu vielen anderen Rathäusern aus der damaligen Zeit ist das Windecker Rathaus kein Fachwerkbau, sondern massiv aus Steinen errichtet, betonen die Autoren. So hebt es sich bereits von anderen Repräsentationsbauten ab. Ähnliche Bauwerke habe es in der großräumigen Kulturlandschaft lediglich noch in Friedberg, Wetzlar, Worms und Speyer sowie in Gelnhausen gegeben. Dieses sei nach einem Brand 1736 jedoch vollständig umgebaut worden.

Durch Platzanlage und Straßenführung entstehe mit Blick auf die Giebel- und Längsseite eine „effektvolle Wirkung“, die von der „baukünstlerischen Leistung“ zeuge, das Rathaus so in die gegebene Bebauungsstruktur einzupassen, loben Bus und Frank die damaligen Planer. Und sie gehen in dem Aufsatz detailliert auf viele bauliche Besonderheiten des Windecker Rathauses im Vergleich zu anderen Bauten in der näheren und weiteren Umgebung ein. Sie erwähnen auch die Umbauten der Jahre 1654 sowie 1772 bis 1774, bei denen Bauelemente der Renaissance umgesetzt worden seien.

Rathaus diente als „Mädchen für alles“

In weiteren Abschnitten des Aufsatzes widmen sich die Autoren ausführlich den noch erhaltenen Inventarlisten der Ausstattung des Rathauses aus verschiedensten Epochen mit „punktuellen Bestandsaufnahmen“. Während das Parterre für Markt- und Handelszwecke reserviert war, befanden sich in den Stockwerken darüber die Räume der Verwaltung. Und im Inventarium von 1756 sind eine Küche und ein Dachboden beschrieben. Erwähnt wird 1686 auch der ehemalige Ratsbecher der Stadt, der im Bestandsverzeichnis von 1744 fehlt, dann 1827 wieder auftaucht und später verkauft wurde, stellen die Wissenschaftler fest. Ihr Fazit: „Wie diese Inventarien zeigen, diente das Windecker Rathaus über Jahrhunderte hinweg als ‘Mädchen für alles’ oder Multifunktionsgebäude.“ (Thomas Seifert)

Zentrum für Regionalgeschichte

Das Zentrum für Regionalgeschichte ist die Informations- und Veranstaltungsplattform für Geschichtsinteressierte im Kreis. Neben unregelmäßig erscheinenden monographischen Schrifterzeugnissen entstehen im Zentrum für Regionalgeschichte jährlich verschiedene Periodika, die der Main-Kinzig-Kreis herausgibt. Eines ist das „Mitteilungsblatt des Zentrums für Regionalgeschichte“ (45. Jahrgang, 2020), in dessen aktueller Ausgabe die Abhandlung von Erhard Bus und Dr. Frank Schmidt erscheint. Das Heft kann zum Preis von sieben Euro plus Porto bestellt werden unter christine.readler@mkk.de. (tse)

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