Kinderarzt in Nidderau findet keinen Nachfolger

Dr. Michael Schwenger aus Heldenbergen ist seit zwei Jahren vergeblich auf der Suche

Hört Ende Februar auf: Dr. Michael Schwenger, Kinderarzt für Nidderau und Schöneck, will seine Praxis im „Straubelhaus“ in Heldenbergen übergeben.
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Hört Ende Februar auf: Dr. Michael Schwenger, Kinderarzt für Nidderau und Schöneck, will seine Praxis im „Straubelhaus“ in Heldenbergen übergeben.

Die medizinische Versorgung ist nicht erst seit dem zurückliegenden Bürgermeisterwahlkampf Thema in Nidderau. Mehrfach hatte unsere Zeitung über die erfolglosen Bemühungen berichtet, die Nachfolge der Hausarztpraxis in Erbstadt zu sichern. Nun sorgt eine weitere Nachricht für Verunsicherung bei Familien in Nidderau und Schöneck: „Ich werde meine Praxis aus gesundheitlichen Gründen definitiv zum 28. Februar 2021 aufgeben“, bestätigte Kinderarzt Dr. Michael Schwenger am Freitag gegenüber dem HA.

Nidderau - Auf der Liege im Arztzimmer liegt ein weihnachtlich geschnürtes Päckchen. „Es hat sich unter den Patienten herumgesprochen, dass ich aufhöre“, erklärt Schwenger. „Die Kinder und Eltern haben schon begonnen, sich bei mir zu verabschieden, und bringen kleine Geschenke mit. So sehr ich es auch bedaure, aber meine Gesundheit spielt einfach nicht mehr mit.“

Seit fast zwei Jahren sei er nun auf der Suche nach einem Nachfolger, berichtet der Mediziner, der im Februar 66 Jahre alt wird. Er habe Gespräche mit der Kassenärztlichen Vereinigung geführt, die die Suche in ihren Medien publik gemacht habe. Er habe eine Firma aus Büdingen angesetzt, die auf die Anwerbung von Ärzten spezialisiert sei. „Wir sind sogar selbst in Kliniken nach Aschaffenburg und Frankfurt gefahren, wo Kinderärzte ausgebildet werden, und haben dort Plakate aufgehängt und mit leitenden Ärzten gesprochen“, berichtet Schwenger von seinen intensiven Bemühungen. Jedoch ohne Erfolg.

Auch Bürgermeister Schultheiß und designierter Nachfolger Andreas Bär involviert

Dabei sind die Konditionen für einen Nachfolger für die Praxis im „Gesundheitszentrum Straubelhaus“ im Ortskern von Heldenbergen durchaus lukrativ: „Ich selbst habe damals vor 29 Jahren, als ich mich niedergelassen habe, noch mehrere tausend Euro Abstand für die Praxisübernahme gezahlt“, erläutert Schwenger. „Jetzt bin ich bereit, die Praxis samt Patientenstamm kostenlos zu übergeben.“ Der designierte Bürgermeister Andreas Bär (SPD), der Schwenger bei der Nachfolgesuche unterstützt, hat Gespräche mit ansässigen Ärzten geführt und macht Hoffnung auf Zuschüsse des Main-Kinzig-Kreises, wie er im Internet mitteilt. Im Januar will er mit der Koordinatorin für die ärztliche Versorgung beim Kreis, Julia Fock, weitere Schritte beraten. Parallel dazu ist auch Bürgermeister Gerhard Schultheiß (SPD) in Kontakt mit dem Kinderarzt. „Schon im Oktober 2018 gab es ein Gespräch mit Dr. Schwenger“, erklärt Schultheiß am Freitag gegenüber dem HA. „Doch damals hatte er noch keinen Handlungsbedarf für die Suche nach einem Nachfolger benannt.“

Woran genau es liegt, dass sich bisher niemand gefunden hat, könne er nur vermuten, so Schwenger. „In der Pädiatrie sind heute zu 80 Prozent Frauen tätig, die lieber stunden- oder tageweise im Angestelltenverhältnis tätig sind, um Familie und Beruf zu vereinbaren. Ich arbeite von 8 bis 19 Uhr. Das ist wohl für viele nicht möglich.“

Ortsansässige Ärzte bieten Unterstützung an

Dr. Bruno Wegerich, der in Windecken eine Privatarztpraxis für Kinder- und Jugendmedizin führt, hat die gleiche Vermutung. „Viele Frauen sind zwischen Praxis und Familie hin und hergerissen. Nidderau braucht jemanden, der sich hier niederlässt.“ Er selbst könne für einen neuen Kollegen allenfalls mal ein paar Stunden aushelfen, einen Notfall oder Ultraschalluntersuchungen übernehmen. „Ich habe Arbeit genug.“

Dr. Henrik Schumann, der in Eichen ein Medizinisches Versorgungszentrum aufbauen will, bietet derweil strukturelle Hilfe an. „Wenn jemand lieber im Angestelltenverhältnis arbeiten möchte, dann könnten wir den Sitz in unserem Versorgungszentrum aufnehmen. Meine Mitarbeiterinnen könnten die Praxisorganisation, Bestellungen und Terminvereinbarungen übernehmen. Ich wäre auch bereit, den oder die Kollegen über mein kassenärztliches Netzwerk zu unterstützen. Denn man könnte die Stelle ja auch teilen.“

Dr. Ralf Petereit: Bisher alle Angebote zur Zusammenarbeit abgelehnt

Dr. Ralf Petereit, der zusammen mit den beiden Dermatologen Dr. Rindermann und Dr. Wetz sowie der Hausärztin Regina Mick in Nidderau tätig ist und zum 1. Januar 2018 mit seinem Team in der Neuen Mitte in ein Ärztezentrum gezogen ist, zeigt sich von diesem plötzlichen und vielfältigen Engagement überrascht. „Ich habe in den vergangenen Jahren bereits mehrfach mit den ansässigen Kollegen das Gespräch gesucht und Herrn Dr. Schwenger auch Vorschläge unterbreitet. Auch wir verfügen über einen halben Kinderarztsitz und hätten alle möglichen Modelle zur Verbesserung der medizinischen Versorgung in unserer Region unterstützt. Doch bislang wurden alle Angebote abgelehnt oder ignoriert.“

In der Vergangenheit habe er vertrauensvoll mit Bürgermeister Schultheiß zusammengearbeitet, so Dr. Petereit. Der designierte Bürgermeister Bär habe bei seinen aktuellen Bemühungen jedoch nicht daran gedacht, ihn in die Gespräche um eine Lösung der Versorgungslücke mit einzubeziehen.

Runder Tisch vorgeschlagen

Dr. Petereit könnte sich etwa eine überörtliche pädiatrische Praxisstruktur vorstellen, zum Beispiel in Kooperation mit der Kinderärztin Dr. Claudia Schramm aus Maintal. „Herr Dr. Schwenger hat viel geleistet und unglaublich hart gearbeitet. Aber das Modell einer Einzelpraxis ist für jüngere Kollegen nicht mehr zeitgemäß“, analysiert Dr. Petereit. „Modernere Organisationsstrukturen mit mehreren Kinderärzten in Kooperation ermöglichen Arbeitsteilung oder Teilzeittätigkeit und wären daher auch für Kolleginnen und Kollegen mit Kindern attraktiv.“

Ein runder Tisch mit allen Beteiligten könnte die Sache im Sinne der Patienten eher voranbringen, „als unausgegorene Posts in sozialen Netzwerken“, so der Mediziner.

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