Amtsantritt

Nidderau: Neuer Bürgermeister Andreas Bär setzt auf Kommunikation

Mit einem bunten Willkommensgruß in seinem Büro wurde Andreas Bär (SPD) an seinem ersten Tag als Bürgermeister von Nidderau im Rathaus empfangen. Bunt sind auch die Themen, in die er sich für seine erste Magistratssitzung am Nachmittag einarbeiten musste.
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Mit einem bunten Willkommensgruß in seinem Büro wurde Andreas Bär (SPD) an seinem ersten Tag als Bürgermeister von Nidderau im Rathaus empfangen. Bunt sind auch die Themen, in die er sich für seine erste Magistratssitzung am Nachmittag einarbeiten musste.

Beinahe ein halbes Jahr ist vergangen, seit Andreas Bär (SPD) am 29. November 2020 zum Bürgermeister von Nidderau gewählt wurde. Am 15. Mai löste er nach 24 Jahren Gerhard Schultheiß (SPD) offiziell ab. Wir haben Bär an seinem ersten Arbeitstag am Montag im Nidderauer Rathaus zum Interview getroffen.

Guten Morgen, Herr Bär. Der erste Tag im Amt. Wie fühlen Sie sich denn?

Andreas Bär: Sehr glücklich und aufgeregt. Es prasseln an diesem ersten Tag viele verschiedene Dinge auf mich ein. Aber ich freue mich sehr auf die anstehenden Aufgaben.

Haben Sie denn gut geschlafen?

Tatsächlich habe ich nicht so gut geschlafen, was aber daran lag, dass heute Nacht eine meiner Katzen sehr unruhig war. Ich bin heute Morgen wie üblich um sechs Uhr aufgestanden, habe meinen Kaffee getrunken und war um 7.30 Uhr im Büro, wo mich eine Mitarbeiterin empfangen hat mit einem kleinen Willkommensgruß.

Wie ist der Ablauf heute an Ihrem ersten Arbeitstag als Bürgermeister?

Nach unserem Interview werde ich mich durch die Magistratsunterlagen arbeiten für die Sitzung heute Nachmittag und anschließend einige Mitarbeiter im Rathaus besuchen zur persönlichen Vorstellung und Fachgesprächen.

Ist das tatsächlich die erste Vorstellungsrunde oder waren Sie als designierter Bürgermeister nach Ihrer Wahl schon einmal hier?

Sowohl als auch. Einige Mitarbeiter der Stadtverwaltung kannte ich natürlich schon vorher, einige aus den letzten Wochen und einige Mitarbeiter lerne ich ab heute dann kennen.

Wie war denn überhaupt die Zeit der Amtsvorbereitung? Als SPD-Fraktionschef vor der Kommunalwahl durften Sie ja noch keine Einblicke in die Amtsgeschäfte nehmen.

Vor der Kommunalwahl habe ich mich in verschiedene Thematiken eingelesen. Nach der Kommunalwahl, als ich kein Stadtverordneter mehr war, habe ich mich mit Bürgermeisterkollegen aus der Region über Arten der Amtsführung ausgetauscht. Viele Gesprächsanfragen zu verschiedenen Anliegen haben mich schon erreicht, zum Beispiel von Vereinen. Aber zu verwaltungsinternen Sachverhalten kann ich mich eben erst jetzt einarbeiten.

Wie ist denn das Programm für die berühmten ersten 100 Tage?

Natürlich erst mal die Mitarbeiter und Abläufe im Rathaus kennenlernen und sich ein Bild machen von der Stadtverwaltung. Gleichzeitig möchte ich bei der Gelegenheit schon Ideen aufnehmen, wie Abläufe bei Bedarf modernisiert werden können. Politisch steht natürlich das Thema ärztliche Versorgung an, besonders in Eichen, sowie zum Beispiel die Umgestaltung des Marktplatzes.

Sie hatten ja angekündigt, das Gespräch mit Dr. Henrik Schumann in Eichen zu suchen, sobald Sie im Amt sind. Gibt es einen konkreten Termin?

Ich möchte mich in dieser Woche mit Herrn Dr. Schumann treffen, um mit ihm Standorte in Eichen zu diskutieren. Mein ausdrückliches Ziel ist es, dass Dr. Schumann sein Ärztehaus in Eichen errichten kann.

In Eichen gibt es ja noch weitere Konfliktthemen. Zum Alten- und Pflegezentrum hatten Sie als SPD-Fraktionsvorsitzender noch selbst einen Runden Tisch angeregt. Zum Mischgebiet jenseits der B521, dem „Sprung“, wird noch das Gutachten der Baulandoffensive Hessen erwartet. Das sind Themen, die Sie der SPD-Fraktion ungeklärt hinterlassen haben. Wie werden Sie sich da in Ihrer Rolle als Bürgermeister verhalten?

Beim Thema APZ setze ich nach wie vor auf den Runden Tisch. Das Thema „Sprung“ habe ich ja selbst geerbt. Ich werde die Studie veröffentlichen, sobald mir dies möglich ist. Es ist mir wichtig, dass die schon lange andauernden Themen auch bald zum Ende kommen. Das betrifft auch das Thema Sportanlage.

Die SPD will ergebnisoffen an die Studie zum Mischgebiet herangehen. Die Verwaltung muss eine Kosten-Nutzen-Abwägung treffen. Ein Investor steht bereit. Da müssen Sie nun objektiv bewerten…

Natürlich. Das gehört zur notwendigen Professionalität des Positionswechsels. Als Bürgermeister setze ich die politischen Beschlüsse der Stadtverordnetenversammlung um. Ich bin jetzt Bürgermeister für alle Bürgerinnen und Bürger und nicht mehr der SPD-Fraktionsvorsitzende. Diesen Anspruch stelle ich an mich selbst.

Sie hatten in Ihrer Antrittsrede gesagt, dass Sie versöhnen und den Zusammenhalt stärken wollen in Nidderau. All diese Themen sind jedoch konfliktbeladen. Hinzu kommt die Wiederwahl des Eicher Ortsvorstehers Sam Pfeifer, obwohl er weniger Wählerstimmen hatte als der CDU-Kandidat. In Erbstadt ist es anders gelaufen. Wie glücklich sind Sie darüber?

Ich weiß, dass die rot-grüne Koalition gesagt hat, die Ortsbeiräte sollen das selbst entscheiden. Und dies haben die Ortsbeiräte auch jeweils getan. Am Ende entscheiden vom Bundestag bis zum Ortsbeirat die Mehrheitsverhältnisse darüber, welcher Person sie zutrauen, das Gremium zu führen. Vor einigen Jahren wurde in Windecken der damalige CDU-Kandidat zum Ortsvorsteher gewählt, obwohl er weniger Stimmen hatte. Die konkrete Wahl in Eichen möchte ich daher nicht beurteilen. Ich hoffe auf eine gute Zusammenarbeit mit dem gesamten Ortsbeirat.

Sie hatten als Oberstudienrat an der Karl-Rehbein-Schule in Hanau, einem renommierten Gymnasium, eine erfolgreiche Laufbahn. Wie waren denn die Reaktionen dort auf Ihren Wechsel?

Die meisten konnten es nachvollziehen, weil sie wussten, dass Politik schon mein halbes Leben lang meine große Leidenschaft im Ehrenamt ist. Der Abschied war natürlich sehr emotional, weil im Laufe von 13 Jahren manche Kollegen auch zu Freunden werden. Mich hat sehr gefreut, dass Herr Scheuermann extra am letzten Tag noch einmal in die Schule kam, um sich von mir zu verabschieden. Auch die zahlreichen lieben Worte der Schülerinnen und Schüler haben mich sehr bewegt. Eine offizielle Verabschiedung soll im Sommer erfolgen, wenn die Pandemie-Lage es zulässt.

Im Wahlkampf gab es persönliche Angriffe auf Sie und auch auf Ihren Mitbewerber. Der gesellschaftliche Umgang verroht. Politiker werden immer öfter angefeindet. Der Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke wurde sogar ermordet. Was ist Ihre Motivation, sich für ein solches Amt zur Verfügung zu stellen?

Allein schon, weil die Hetzer nicht gewinnen dürfen! Das mag jetzt naiv klingen, aber ich glaube daran, dass am Ende die Wahrhaftigkeit obsiegt. Mir fällt im Übrigen auf, dass die, die im Internet die größten Beleidigungen schreiben, sich im persönlichen Gespräch zurückhalten oder schweigen. Es gibt eine zunehmende Verrohung der Gesellschaft. Umfragen bestätigen, dass Amtsträger mittlerweile in der Mehrzahl insbesondere über die sozialen Medien beleidigt und bedroht werden. Aber was wäre denn die Konsequenz daraus, wenn man dem nachgeben würde? Zu den Verletzungen im Wahlkampf: Man muss vergeben und auch vergessen können. Ich glaube, dass mancher einige Äußerungen selbst bereut, die er seinerzeit auch im Zuge der Emotion getätigt hat.

Wie wollen sie dieser Verrohung entgegentreten und den Zusammenhalt in Nidderau fördern?

Zumindest im politischen Diskurs will ich durch eine stärkere Kommunikation – auch in den sozialen Netzwerken – verhindern, dass bösartige Gerüchte und in der Folge Beleidigungen und Hetze überhaupt erst entstehen. Innerhalb der politischen Gremien werde ich dafür werben, dass lieber etwas langsamer, aber dafür einhelliger Beschlüsse gefasst werden. Ich will für den Kompromiss werben. Und zuletzt möchte ich die Arbeit der Verwaltung stärker darstellen und herausstellen, was sie tagtäglich leistet. Auch rechtliche Hintergründe, die hinter mancher schwer nachvollziehbaren Entscheidung stehen, muss man erklären. Ich bin selbst immer wieder überrascht über die doch sehr strengen Regularien in Deutschland, die hin und wieder dem gesunden Menschenverstand wiedersprechen.

Haben Sie ein Beispiel?

Dass zum Beispiel nicht mehr benötigte Container zur Flüchtlingsunterbringung nicht für eine kurzfristige Kita-Betreuung oder als Ersatz-Büro genutzt werden dürfen, weil Arbeitsschutzbestimmungen dem entgegenstehen.

Gerhard Schultheiß hinterlässt als gelernter Verwaltungsfachmann nach 24 Jahren im Amt große Fußstapfen. Was war eine besondere Stärke an seiner Amtsführung, und was wollen Sie anders machen?

Gerhard Schultheiß verfügt über ein unglaubliches Fach- und Detailwissen sowie über ein jahrzehntelanges Gedächtnis. Er hatte in Sekundenschnelle jeden Vorgang griffbereit. Wir beide haben natürlich ein anderes Naturell. Obwohl ich auch über ein solides Wissen verfüge und dieses vertiefen will, sehe ich mich stärker in der Rolle des Erklärers und Vermittlers, der jedoch am Ende eine Entscheidung herbeiführt.

Vielen Dank für das Gespräch und eine glückliche Hand.

Vielen Dank auch meinerseits.

Das Interview führte Redakteur Jan-Otto Weber.

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