Blick zurück

Vor 50 Jahren beschlossen die Gemeinden Erbstadt und Eichen die Fusion mit der Stadt Nidderau

„Mitgift“ von 3000 „Seelen“: Am 17. Juli 1971 berichtete der HANAUER ANZEIGER über den Beitritt der Gemeinden Erbstadt und Eichen zur Stadt Nidderau. Repro: Robert Giese
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„Mitgift“ von 3000 „Seelen“: Am 17. Juli 1971 berichtete der HANAUER ANZEIGER über den Beitritt der Gemeinden Erbstadt und Eichen zur Stadt Nidderau. Repro: Robert Giese

Das Zusammenwachsen der fünf Nidderauer Ortschaften ist auch gut 50 Jahre nach Gründung der Stadt noch ein Thema. Die Formulierung „fünftes Rad am Wagen“ hört man nach wie vor in politischen Debatten, vor allem wenn es um die kleinen Stadtteile Eichen und Erbstadt geht. Doch wo stünden die beiden Dörfer heute, wenn Sie sich damals anders entschieden hätten?

Nidderau – Gut anderthalb Jahre, nachdem sich Windecken und Heldenbergen zur Stadt Nidderau zusammengeschlossen hatten, wurde im Juli 1971 eine Vergrößerung der noch jungen Stadt immer deutlicher: Während sich Ostheim einer Fusion noch strikt verweigerte, brachten Eichen und Erbstadt den Zusammenschluss mit Nidderau auf den Weg, wodurch die Stadt um rund 3000 Einwohner wachsen sollte.

Ganz freiwillig erfolgte die Fusion freilich nicht, wie der damalige Eichener Bürgermeister Karl Kitz betonte: Seine Gemeinde würde gerne ihre Eigenständigkeit bewahren, unterstrich Kitz damals, doch dies sei für Ortschaften dieser Größenordnung in der territorialen Raumordnung nicht mehr möglich. Ähnliches galt auch für Erbstadt, und so blieb für die beiden Gemeinden im Norden Nidderaus nur die Wahl, ob sie sich dem nördlichen Nachbarn Niddatal anschließen oder aber zusammen mit Windecken und Heldenbergen künftig Nidderau bilden sollten.

Für Erbstadt war auch ein Zusammenschluss mit Niddatal denkbar

Die Gemeindevertretung in Erbstadt war in dieser Frage zwiegespalten und hielt deshalb eine bis auf den letzten Platz belegte Bürgerversammlung ab, um ein Meinungsbild der Bevölkerung zu erhalten. Dabei kristallisierte sich nach längerer Diskussion ein klares Bild heraus: Da es mit Nidderau mehr Berührungspunkte gebe – sei es zur Schule in Heldenbergen, sei es, weil dort viele Erbstädter Bürger ihre Arbeitsstelle hatten – bevorzugten rund 90 Prozent der Anwesenden einen Anschluss an den südlichen Nachbarn.

Die Fusion mit Nidderau stand in Erbstadt und Eichen auch deswegen hoch im Kurs, weil die beiden Gemeinden dadurch im Kreis Hanau verbleiben konnten – hätten sie für einen Anschluss nach Niddatal votiert, hätten sie künftig dem Kreis Friedberg angehört. Der Hanauer Landrat Martin Woythal jedenfalls versicherte den Erbstädter Bürgern auf der entscheidenden Bürgerversammlung, dass er sich über einen Verbleib der Gemeinde in seinem Landkreis freuen würde und machte damit reichlich Werbung für einen kommunalen Zusammenschluss mit Nidderau.

Finanzielle Anreize gaben den Ausschlag

Dass allerdings vor allem handfeste finanzielle Gründe den beiden bisher eigenständigen Kommunen die Fusion schmackhaft machten, verhehlte damals keiner der Beteiligten: Die erhöhte Schlüsselzuweisung bestimmte die Diskussion über das Für und Wider einer Fusion mit Nidderau klar, schließlich konnte alleine Erbstadt mit zusätzlichen Mitteln von 240 000 Mark rechnen – eine stolze Summe. Statt einer Liebesheirat zeichnete sich also mehr und mehr eine Vernunftehe ab.

Die Fusionsverhandlungen selbst trugen aber ihren Teil dazu bei, durchaus vorhandene Widerstände gegen den Zusammenschluss zu überwinden, von Gesprächen „auf ehrlicher Basis“ und „in freundschaftlicher Atmosphäre“ war in unserer Zeitung die Rede. Auch den Ängsten in Eichen und Erbstadt vor möglicher Vernachlässigung der beiden kleinsten Stadtteile traten die Vertreter Nidderaus vor 50 Jahren entgegen und betonten, dass die beiden Neuzugänge im Stadtverbund keinesfalls als „fünftes Rad am Wagen“ betrachtet würden, wie der damalige Bürgermeister Willi Salzmann versicherte.

Zusammenschluss erfolgte zum Jahresende 1971

Die Mischung aus Druck von oben, finanziellen Anreizen und Kooperationsbereitschaft von Nidderau einerseits und den beiden nördlich gelegenen Gemeinden andererseits führte schließlich dazu, dass der Anschluss von Eichen und Erbstadt noch im gleichen Jahr in die Wege geleitet wurde: Am 31. Dezember schlossen sich die beiden Gemeinden Nidderau an, was der jungen Kommune rund 3000 neue Einwohner und mehr als 1500 Hektar an zusätzlichem Stadtgebiet bescherte, wodurch die Nidderauer Gemarkung sich in Nord-Süd-Richtung fortan über acht Kilometer erstreckte. (Robert Giese)

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