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Nidderau: Werner Brodt hat im Naturbad in der Nidder bei Windecken das Schwimmen gelernt

Eine Menge Besucher und Badegäste hatten sich zur Einweihung des neuen Flussschwimmbads an der Nidder unterhalb des Hains im Juli 1952 eingefunden. Repro: Werner Brodt
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Eine Menge Besucher und Badegäste hatten sich zur Einweihung des neuen Flussschwimmbads an der Nidder unterhalb des Hains im Juli 1952 eingefunden. Repro: Werner Brodt

Viele Stunden hat Werner Brodt in den vergangenen Monaten im Stadtarchiv verbracht, hat Pläne studiert, Protokolle der Stadtverordnetensitzungen durchforstet und Rechnungen ausgewertet. Zahlreiche Gespräche mit Zeitzeugen und die Suche nach alten Fotos kamen hinzu – und so ergibt sich eine ausführliche Geschichte über das ehemalige Nidderschwimmbad am Hain in Windecken.

Nidderau – Fließgewässer waren schon immer beliebte Badestellen, auch in Windecken tummelten sich Schwimmer und Nichtschwimmer im Bereich des heutigen Anglerheims. Allerdings mussten sie diesen, auch als Waschplatz mit angeschlossener Bleiche genutzten Bereich, mit Bauern teilen, die ihre Pferde dort zur Tränke führten, was dem Untergrund am Ufer und im flachen Bett der Nidder nicht zuträglich war.

Da nach dem Krieg aufgrund von Modernisierungsmaßnahmen auch immer mehr Haushalte ihre Abwässer über die Kanalisation entsorgten, die über die inzwischen verrohrte Katzbach oberhalb der Badestelle in die Nidder geleitet wurden, war ein erfrischendes Bad am alten Platz unappetitlich geworden.

Stadtparlament beschließt Flussschwimmbad

Nach mehreren Diskussionen im Stadtparlament wurde der Bau eines Schwimmbads unterhalb des Hains beschlossen, flussaufwärts von der Mündung der Katzbach aus gesehen. Dort fließt die Nidder ziemlich gerade, was den Bau eines Flussschwimmbads mit einem seitlich am Ufer vorbeiführenden Holzsteg erleichterte.

Der gebürtige Windecker Werner Brodt hat die Geschichte des Schwimmbads in der Nidder erforscht. Er selbst hat als Bub dort noch Schwimmen gelernt.

Für Kinder, Jugendliche und vor allem für die Nichtschwimmer plante man ein flaches, betoniertes Becken, das über einen Steg über die Nidder, der mit einem kleinen Sprungturm und Startblöcken ausgestattet werden sollte, erreicht werden konnte.

Zusätzlich standen ein Kassenhäuschen mit Nebenraum für den Sanitätsdienst, ein Gastronomiegebäude mit angeschlossenen Umkleideräumen und im hinteren Bereich noch eine Toilettenanlage auf dem Bauplan.

Projekt kostete 40 000 Mark

Für das Projekt waren 40 000 Mark veranschlagt, eine für damalige Verhältnisse sehr hohe Summe für ein ambitioniertes Vorhaben, das die Stadt finanziell nur durch Hilfe der amerikanischen Streitkräfte und der Unterstützung durch die Deutsche Bahn realisieren konnte.

Umgesetzt werden sollte der Bau des Flussschwimmbads in drei Abschnitten in den Jahren 1951, 1952 und 1953, aber bereits im Juli 1952 konnte das neue Bad eingeweiht werden. Ein Bademeister, gleichzeitig Pächter der Restauration, wurde eingestellt, dessen Gehalt sich aus den Einnahmen aus der Restauration und einem Teil der Eintrittsgelder finanzieren sollte.

Obwohl das Bad sehr schnell – auch über die Stadtgrenzen hinaus – viele Besucher anzog und auf dem idyllisch gelegenen Gelände auch kulturelle Veranstaltungen stattfanden, reichten die eingenommenen Gelder hinten und vorne nicht zum Lebensunterhalt. Nach mehrmaligen Pächterwechsel stellte die Stadt dann einen Bademeister fest ein, der außerhalb der Saison bei anderen Tätigkeiten eingesetzt wurde.

Schwimmbad im Fluss zieht auch Gäste aus der Region an

Die Windecker waren aber stolz wie Bolle auf ihr Flussschwimmbad, das in der näheren Umgebung seinesgleichen suchte. An den warmen Sommertagen war die Einrichtung immer sehr gut besucht und „ganze Generationen von Kindern und Jugendlichen lernten dort Schwimmen“, erinnert sich Brodt. Selbst von Hanau aus schaute man nach Windecken, denn der Schwimmverein von 1912 warb im „HANAUER ANZEIGER“ unter dem Motto „Pack die Badehose ein“ für das Windecker Schwimmbad.

Aber die Zeiten änderten sich. Durch die fortschreitende Industrialisierung und die Einleitung von ungeklärten Abwässern auch in die Nidder verschlechterte sich die Wasserqualität zusehends und wurde Anfang der 1960er Jahre sogar gesundheitsgefährdend. 1962 beschloss die Stadtverordnetenversammlung, das Baden nur noch „auf eigene Gefahr“ zuzulassen, ein Jahr später wurde der Betrieb des Schwimmbads endgültig eingestellt.

Dem Badebetrieb folgt ein Ausgehlokal

Allerdings gab es noch das Gastronomiegebäude, das einen Anbau mit einem Automatensaal bekam. Auch eine Musikbox, in der amerikanische und englische Songs zu finden waren, lockte nicht nur die Jugend, sondern auch GI’s nach Windecken.

Auch die etwas abgelegene Lage am Ort war ein Grund, weshalb sich die Heranwachsenden dort sehr gerne trafen, konnten sie doch ziemlich ungestört feiern. Nach einigen handfesten Auseinandersetzungen und weil umfangreiche Sanierungsarbeiten notwendig geworden wären, beschloss die Stadt 1972 den Abriss der Gebäude.

1972 werden Gebäude endgültig abgerissen

Dafür wurde ein Grillhütte mit einem gemauerten Kamin gebaut, die viele Jahre noch genutzt wurde, bis später das Gelände komplett platt gemacht wurde. Heute erinnern nur noch der Bolzplatz und die Stege hinter der Willi-Salzmann-Halle und an der Eisenbahnbrücke der Strecke Bad Vilbel-Stockheim über die Nidder an das frühere Schwimmbad. Das eigentliche Schwimmbadgelände hat sich inzwischen die Natur zurückerobert.

„Viele ältere Windecker haben sehr viele Fakten über das Bad in persönlichen Gesprächen mit mir beigetragen. Auch Schwarz-Weiß-Bilder von den Fotografen Blank und Rosbach sind noch in vielen Familienalben zu finden, später wurde dann auch in Farbe fotografiert. Nach gut einem Jahr Recherche, unter anderem beim Sohn des damaligen Bademeisters und bei einem alten Schulfreund, hatte sich so viel Material angesammelt, dass damit der Artikel für die nächste Ausgabe der ‚Nidderauer Hefte’ Gestalt angenommen hat und inzwischen fertig ist. Er enthält noch viele Details und Geschichten zum Bau, Betrieb und dem Niedergang des Nidderschwimmbads in Windecken“, verspricht Brodt dazu im Gespräch mit dieser Zeitung.

Von Thomas Seifert

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