Feriengespräch

Nidderaus Seniorenbeiratsvorsitzender über Corona und das Altenpflegezentrum

Rainer Benthaus, Vorsitzender des Seniorenbeirats, in Nidderau
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Die Aufgaben des Seniorenbeirats unter Vorsitz von Rainer Benthaus sind vielfältig: ob Sitzbänke in der Neuen Mitte, Programmabstimmung mit dem städtischen Familienzentrum (im Hintergrund) oder politische Mitsprache.

Im ersten diesjährigen Feriengespräch äußert sich der Vorsitzende des Seniorenbeirats aus Nidderau, Rainer Benthaus, unter anderem zu Corona und dem Altenpflegezentrum.

Nidderau – „Haben Sie sich auch schon die Corona-Warn-App heruntergeladen?“ Für Rainer Benthaus eine Selbstverständlichkeit. „Nur wenn möglichst viele mitmachen, kann es funktionieren. Ich habe auch in meinem letzten Newsletter allen Senioren dazu geraten.“

Benthaus bezeichnet sich selbst als „sozialen Menschen“. Er will mithelfen, Risiken von sich und anderen abzuwenden. Der einzige Kanal, der dem Vorsitzenden des Nidderauer Seniorenbeirats dafür in Corona-Zeiten geblieben ist, ist der Newsletter, den der 69-Jährige zweimal im Monat verschickt. In normalen Zeiten informiert Benthaus auf diesem Weg über Veranstaltungen und aktuelle politische und gesellschaftliche Themen, die für Senioren interessant sein könnten. So freut er sich etwa darüber, dass in Deutschland nun endlich die Grundrente kommt. Doch seit Corona fallen die Mitteilungen eher dünn aus. „Den Senioren wird Lebensabendzeit genommen“, stellt Benthaus fest. „Im Vergleich zu Jüngeren haben sie davon ja nicht mehr allzu viel.“

Sämtliche Veranstaltungen für rund 4000 Nidderauer Senioren wurden abgesagt.

PC-Kurse, Boule-Spielen, Tagesausflüge und Fahrradtouren – seit dem Lockdown im März sind sämtliche Veranstaltungen abgesagt. Denn die rund 4000 Nidderauer Bürger, die 65 Jahre oder älter sind, gehören per Definition zur Risikogruppe. „Als Gremium der Stadt tragen wir da eine besondere Verantwortung“, erklärt Benthaus.

Auch die Wahl eines neuen Seniorenbeirats, die turnusmäßig nach vier Jahren im November hätte stattfinden sollen, wurde am Donnerstag mit Zustimmung der Stadtverordneten auf das kommende Jahr verschoben. Üblicherweise werben die Beiräte im Vorfeld von Wahlen über Monate für die Teilnahme. Zudem stellen sich die Kandidaten im Rahmen einer Vollversammlung vor. Dies ist wegen Corona undenkbar. „Im Bewusstsein der Senioren ist der Beirat momentan kaum gegenwärtig“, befürchtet Benthaus. „Seit März findet ja nichts mehr statt.“

Viele Leute würden die Treffen vermissen

Einige Rückmeldungen bekommt der Eicher aber dann doch, wenn er in der Stadt unterwegs ist. Viele Leute sprechen ihn an, sie vermissen die regelmäßigen Treffen. „Die Vereinsamung trifft alle Senioren“, meint Benthaus, „auch wenn viele sehr aktiv sind. Ganz schlimm dran sind die Bewohner im AGO-Seniorenzentrum, die momentan noch weniger teilhaben können.“

Dass der Beirat auch in normalen Zeiten nur einen Teil der 4000 Senioren erreicht, ist dem Vorsitzenden bewusst. Nicht jeder kann mit dem Computer umgehen und den Newsletter empfangen. Nicht jeder kann es sich leisten, an den beliebten und regelmäßig überbuchten Tagesausflügen teilzunehmen. „Wir versuchen, auch die bedürftigen Senioren im Blick zu behalten, etwa im Austausch mit den Pfarrämtern. Einige sind beispielsweise auf das Angebot der Essensbank Heldenbergen angewiesen. Doch solche Informationen sind natürlich sensibel.“

Stolz würde verhindern, dass manche Menschen Hilfe annehmen

Er selbst habe von älteren Menschen erfahren, die monatelang ohne Strom gelebt hätten, weil sie die Rechnung nicht bezahlen konnten. „Aber einige sind einfach zu stolz, um Hilfsangebote anzunehmen.“

Und so nehmen vor allem Senioren an den Angeboten des Beirats teil, die ohnehin aktiv sind und die Gemeinschaft suchen. Dabei ist der Beirat bemüht, das Angebot in Absprache mit dem Fachbereich Soziales der Stadt an die Bedarfe und Wünsche anzupassen. Vor allem die Reihe Seniorenkino ist erfolgreich. Bis zu 150 Besucher – nicht nur aus Nidderau – kommen regelmäßig ins Luxor in der Neuen Mitte, um zum vergünstigten Eintrittspreis inklusive Freigetränk die Filme anzusehen. Dabei soll das Programm nicht nur unterhalten, sondern auch zur Diskussion anregen: Filme wie „Honig im Kopf“ befassen sich mit Themen wie Demenz und Tod, andere handeln von der Liebe im Alter.

Erfolgreicher PC-Treff für Senioren

Auch der PC-Treff läuft sehr erfolgreich. Ging es anfangs darum, Senioren überhaupt erst einmal mit dem Computer als Arbeitsmittel vertraut zu machen, geht es inzwischen eher um konkrete Anwendungen und Programme. „Viele der heutigen Senioren können durch ihre berufliche Tätigkeit ohnehin mit dem Smartphone oder dem Tablet umgehen“, weiß Benthaus, der selbst in den letzten vier Jahren seiner Berufslaufbahn als Gesamtpersonalrat für viereinhalbtausend Mitarbeiter bei der KfW-Bank tätig war.

Auch Angebote wie der Seniorenausflug der Stadt oder die Seniorenfaschingssitzungen unterliegen einem Wandel, wie Benthaus beobachtet. Die Nachfrage gehe zurück, zum Beispiel, weil sich viele der über 70-Jährigen noch nicht zum alten Eisen zählen. Es blieben die „Traditionalisten“.

Auch bei den Senioren käme es zur allgemeinen Individualisierung

„Die allgemeine Individualisierung, unter der auch die Vereine leiden, findet ebenso bei Senioren statt“, erklärt Benthaus. „Es ist ein Spiegel der gesamtgesellschaftlichen Verhältnisse.“ Und weil Senioren als Bürger die Möglichkeit haben, ihre Interessen bei politischen Wahlen zu vertreten, seien Kommunen auch nicht über die Hessische Gemeindeordnung zur Einrichtung von Seniorenbeiräten verpflichtet. Da Nidderau jedoch einen Beirat hat, müsse dieser auch bei politischen Entscheidungen, die Senioren betreffen, gehört werden, so Benthaus.

Die Arbeit in den kommunalen Gremien ist dem 69-Jährigen vertraut. Er selbst war Mitte der 80er bis Mitte der 90er SPD-Fraktionsmitglied und einige Jahre Vorsitzender des Haupt- und Finanzausschusses. Aktuell verfolgt der Seniorenbeirat sehr genau die Diskussion um den geplanten Bau eines Altenzentrums an der Höchster Straße in Eichen.

Benthaus spricht sich für den Bau eines Altenzentrums aus

Grundsätzlich begrüße er dieses Projekt, erklärt Benthaus. „Ein solches Zentrum, in dem ja auch eine Cafeteria Platz finden soll, wäre ein Treffpunkt für Eichen, wo es sonst keine Kneipe mehr gibt. Und im Gegensatz zum Trägerverein Ostheimer Bürgerhof haben die Eicher Vereine bisher auch keine Initiative erkennen lassen, die Nidderhalle wenigstens teilweise zu bewirtschaften.“

Dabei weiß Benthaus aus eigener Erfahrung, wie viel Arbeit das macht. Denn der Diplom-Volkswirt fasst beim Seniorenfrühstück in Ostheim mit an. Der Seniorenbeirat könne so etwas nicht stemmen, sagt er, allenfalls unterstützen.

Der Spielplatz an der Höchster Straße jedenfalls, für dessen Erhalt sich eine Initiative stark macht, müsse ohnehin umgestaltet werden, so Benthaus pragmatisch. Entweder werde die benachbarte Kita auf das Gelände ausgeweitet oder eine Kita-Gruppe werde in das Altenzentrum integriert. „Ein Café oder Bistro wäre im Übrigen auch etwas für Mütter“, meint der 69-Jährige, der als Eicher weiß, wie der Spielplatz genutzt wird. „Ich sehe da keinen Konflikt zwischen den Generationen, sondern eine Bereicherung. Sobald die konkrete Planung für den Bau des Altenzentrums und die Gestaltung des Areals vorliegt, wird sich der Beirat hierzu äußern.“

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