Machtwechsel

Er studiert in den USA: Kai Nelles befürchtet Unruhen während Joe Bidens Amtseinführung

Schlimme Bilder: Unterstützer von US-Präsident Trump stürmten am 6. Januar das Kapitol in Washington. Wie wird die Amtseinführung von Joe Biden verlaufen?
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Schlimme Bilder: Unterstützer von US-Präsident Trump stürmten am 6. Januar das Kapitol in Washington. Wie wird die Amtseinführung von Joe Biden verlaufen?

Der 20-jährige Kai Nelles aus Nidderau lebt und studiert in den USA und richtet bange Blicke auf die Amtseinführung des neuen US-Präsidenten Joe Biden. Er befürchtet Unruhen.

Nidderau/Mason City – Kai Nelles hat einen guten Eindruck von der Stimmung in den USA, denn seit August 2020 nennt er den Bundesstaat Iowa sein zu Hause. Er hat am North Iowa Area Community College in Mason City ein Sportstipendium im Golf bekommen. Bereits bei der Bewerbung um ein Stipendium an verschiedenen Universitäten in den Vereinigten Staaten vor gut einem Jahr hatten die politischen Unruhen in den USA bei den Erwägungen von Kai Nelles eine Rolle gespielt. Damals hatten mehrere Todesfälle schwarzer US-Amerikaner durch rassistisch motivierte Polizeigewalt für Unruhen und Ausschreitungen gesorgt, heute ist es der politische Machtwechsel.

Nidderau: Student interessiert sich für Politik in den USA

Zusätzlich zu dem guten Angebot des North Iowa Area Community Colleges und einem überzeugenden Golf-Coach Chris Frenz, hat Kai Nelles letztlich der Bundesstaat Iowa zugesagt. „Hier ist es ruhig“, hat sich seine Vermutung bestätigt, denn während des chaotischen Machtwechsels von Donald Trump zu Joe Biden sei es in dem Bundesstaat im Mittleren Westen, zwischen Missouri River und Mississippi River gelegen, ruhig geblieben. Allerdings beobachtet der Student des Studiengangs „Finance“ ein generell großes Interesse an der Politik seiner US-amerikanischen Altersgenossen: „Die Präsidentschaftswahl ist ein großes Thema, viele in meinem Alter interessiert das und sie reden offen drüber. Sie haben auch die Wahl im Fernsehen verfolgt. Ich glaube, dass in Deutschland nicht viele in meinem Alter den ganzen Abend die Bundestagswahl verfolgen würden, weil sie wissen wollen, wer Bundeskanzler wird.“ Zu Unruhen sei es auf dem Campus nicht gekommen. Davon geht Kai Nelles auch im Zuge der Amtseinführung von Joe Biden nicht aus.

Zumindest nicht im ländlich geprägten Iowa: „In Iowa habe ich keine Angst davor. Ganz anders wäre es gewesen, wenn ich mich für die Uni in New York City entschieden hätte.“ Die unruhige politische Lage in den USA beschäftigt auch Familie und Freunde von Kai Nelles. „Ich bekomme viele Fragen gestellt, das interessiert die Leute zu Hause. Es gibt auch viele Fragen über Corona.“ Generell seien Freunde und Familie an Vergleichen zwischen Deutschland und den USA interessiert.

Coronamaßahmen am North Iowa Area Community College

Kai Nelles verbrachte die Weihnachtszeit und den Jahreswechsel in Deutschland. Bei seiner Rückkehr in die USA musste der Student nicht in Quarantäne. Dafür sind die täglichen Auflagen am North Iowa Area Community College für Sportstipendiaten streng. „Jeder, der ein Sportstipendium hat, muss jeden Tag bis 15 Uhr ein Formular ausfüllen und abgeben. Darin muss aufgelistet werden, wann wir wo an dem Tag waren“, erzählt der 20-jährige Ostheimer. Dazu zählt beispielsweise auch ein Einkauf und vor allem, mit wem sich die Studenten getroffen haben und ob ein Kontakt zu einem Corona-Fall bestanden hat. Bei Verstößen greift das College hart durch: „Wer das Formular nicht jeden Tag abgibt, darf nicht mehr am Training teilnehmen.“ Das ist natürlich bitter für einen Sportstipendiaten. Ansonsten gilt am College Maskenpflicht „sowie ich mein Zimmer verlasse.“ In der Cafeteria darf die Maske nur zum Essen abgenommen werden. Im Fitnessstudio hingegen herrscht auch beim Training Maskenpflicht. In dem Wohnheim, in dem Kai Nelles untergebracht ist, ist eine Etage für Corona-Fälle und Studenten, die in Quarantäne müssen, reserviert. (Julia Meiss)

Statt Angst vor Unruhen und Ausschreitungen herrscht auf dem Campus in Mason City seit dieser Woche wieder Alltag, denn das neue Semester startet. Der Ostheimer kann dies noch entspannt angehen, denn noch sind die Golfplätze gesperrt und es findet kein Training statt. Untätig wird der Golfer aber nicht sein, denn dafür erhöht sich die Trainingszeit im Fitnessstudio. Schon bald geht für Kai Nelles der Alltag mit etwa 30 Stunden Golf pro Woche – davon etwa 20 Stunden Training unter der Woche und Turniere am Wochenende – los. Ende März beginnt die Turniersaison und das Ziel ist das Erreichen der Regional- und Landesmeisterschaften.

Stipendium für 20-Jährigen aus Nidderau: College in den USA hat zwei Golfteams

In seinem Golfteam des Colleges sind sieben Talente, die gemeinsam mit dem Mädchenteam trainieren. Der Deutsche ist das einzige internationale Teammitglied, das sich aber bereits im ersten Semester gut eingefunden hat.

Auch wenn er sich anfangs selbst etwas Druck gemacht hat: „Ich bin hier angekommen und habe gedacht, jetzt muss ich jedem was beweisen. Das ist keine gute Herangehensweise für eine Sportart, die im Kopf entschieden wird.“ Durch Leistungssteigerung bei den Turnieren hat sich das Golftalent aus Nidderau das nötige Selbstbewusstsein geholt. Und schon alleine die Tatsache, dass er für jedes Turnier nominiert war, ist ein Erfolg. „Die besten fünf aus der Mannschaft dürfen auf ein Turnier fahren, zwei müssen immer zu Hause bleiben. Das Ranking wird durch einen internen Ausscheid festgelegt. Da musst du dich jedes Mal beweisen“, erzählt Kai Nelles aus seinem Leben als Sportstipendiat.

Unter den strengen Augen des Coaches: Kai Nelles studiert dank eines Golf-Sportstipendiums in den USA, im Bundesstaat Iowa. Sein Trainer Chris Frenz hat seinen Schützling auch bei Turnieren stets im Blick.

Da in den USA die sportlichen Leistungen Teil der Identität eines Colleges oder Universität sind, werden die Leistungen der Sportler auf der Homepage des jeweiligen Colleges bekannt gegeben. Und das hat Kai Nelles einen zusätzlichen Schub gegeben: „Bei einem Turnier war ich der Beste aus unserem Team und das stand auf der Homepage. Danach sind fremde Studenten auf dem Campus auf mich zugekommen und haben mich darauf angesprochen. Das war schon cool.“

USA: College hat hohe Anforderungen an den Sportstipendiaten aus Nidderau

Das ist kein Grund zum Ausruhen, denn die Anforderungen an den Sportstipendiaten bleiben hoch. Zusätzlich zu 30 Stunden Golf pro Woche muss der 20-Jährige auch noch sein Studium und einen Job händeln. Um 7.30 Uhr beginnt ein normaler Tag im Studentenleben von Kai Nelles. Nach dem Frühstück, das er sich in der Cafeteria holt, steht Unterricht an. Da die Klassen am College traditionell klein sind – mit maximal sechs Studenten im Fall von Kai Nelles – hatte er bisher überwiegend Präsenzunterricht. „In einem Kurs waren wir sogar nur zu zweit“, schmunzelt der Nidderauer beim Videocall mit dem HA. Nach dem Mittagessen geht er seinem Job als Student Ambassador nach. Dabei arbeitet er in einem Servicebüro des Colleges. Dies ist die erste Anlaufstelle für Studieninteressenten, zusätzlich auch für allgemeines Uni-Management zuständig. Nach etwa eineinhalb Stunden im Office dreht sich alles um den Golfsport. Nach dreieinhalb Stunden – es können aber auch mehr werden – geht es für die beiden Golf-Teams noch ins Fitnessstudio. Danach gibt es Abendessen und im Anschluss daran müssen noch Hausaufgaben gemacht werden.

Leidenschaft Golf: Kai Nelles, Golfer aus Ostheim, darf dank eines Sportstipendiums in den USA studieren.

Das hohe Pensum hatte dem Studenten zunächst Respekt eingeflößt, bereut hat Kai Nelles den Schritt, in die USA zu gehen, aber keinesfalls. „Ich bereue keine Sekunde“, kann Kai Nelles auch über die US-Amerikaner nur Gutes berichten, muss aber lachend zugeben: „Es ist so, wie man es sich aus Filmen vorstellt – ich kann es gar nicht anders beschreiben.“ Besonders die Freundlichkeit gefalle dem deutschen Golfer – auch wenn er bei der heutigen Amtseinführung von US-Präsident Joe Biden bange Blicke in die Hauptstadt wirft. (Julia Meiss)

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