Nidderau/Hanau

Party-Gast überfahren: Haftbefehl gegen 23-Jährigen aufgehoben

Zeugin bringt Wende: Im Prozess gegen einen 23-Jährigen, der angeblich einen Kontrahenten absichtlich überrollt haben soll, ist gestern der Haftbefehl aufgehoben worden. Symbolbild: Pixabay

Nidderau/Hanau. Am ersten Verhandlungstag ist Ferdinand E. nach über einem halben Jahr Untersuchungshaft noch in Handschellen vorgeführt worden. Am Freitag hat der 23-Jährige den Schwurgerichtssaal ohne Metall an den Händen verlassen.

Von Thorsten BeckerEs bestehen erhebliche Zweifel, ob es sich überhaupt um ein Tötungsdelikt handelt, so die Einschätzung der 1. Schwurgerichtskammer am Hanauer Landgericht, die am Ende des zweiten Verhandlungstages den Haftbefehl außer Vollzug gesetzt hat.

„Hatten Sie die Einschätzung, dass es eine Falschaussage gewesen ist?“, fragt Landgerichtspräsidentin Susanne Wetzel die junge Zeugin eindringlich. Die 17-jährige Hanauerin zögert nicht und erklärt klar und deutlich: „Ja.“

Starke Zweifel an Zeugenaussage

Im Prozess gegen Ferdinand E. aus Bruchköbel, der in der Nacht zum 26. Mai vergangenen Jahres einen Partygast absichtlich überfahren und dreimal überrollt haben soll, gibt es immer stärkere Zweifel an den ersten Zeugenaussagen bei der Polizei. Jene Aussagen, die dazu geführt haben, dass E. sich nun wegen versuchten Mordes vor der 1. Schwurgerichtskammer verantworten muss.

Nach dieser ersten Version sei es bei einem 18. Geburtstag an der Brentanostraße in Heldenbergen zu einem Streit um ein Mädchen gekommen. E. soll angeblich stark betrunken gewesen sein und wollte die Party verlassen. Andere Gäste hätten die Trunkenheitsfahrt stoppen wollen. In dieser Situation soll E. in eine Gruppe gefahren sein, habe den 21-jährigen St. erfasst – und ihn danach noch zweimal absichtlich überrollt.

Zeugin: Opfer wurde nicht überrollt

Die 17-jährige Schülerin, die sowohl das Geburtstagskind als auch E. kennt, hat daran erhebliche Zweifel: „Es sah für mich nicht so aus, als ob er versucht hat, jemanden umzubringen“, sagt sie und rekonstruiert das von ihr beobachtete Geschehen am Richtertisch.

„Ferdinand hat auf das Gaspedal getreten. Einige Partygäste haben daraufhin auf das Auto eingeschlagen“, sagt sie aus und berichtet, dass einer der jungen Männer vom Wagen erfasst worden ist und geschrien habe. „Er ist verletzt worden, aber er lag nicht unter dem Auto.“ Dass St. danach überrollt worden sei, könne nicht stimmen. Als sie aus den Medien erfuhr, dass gegen E. nun schwerste Vorwürfe erhoben werden, habe sie mit dem Geburtstagskind des Abends noch einmal gesprochen. „Er wollte bei seiner Aussage bleiben. Es kam so rüber, als dass ihn das nicht kümmert“, so die 17-Jährige.

Landgerichtspräsidentin kann nur staunen

Landgerichtspräsidentin Wetzel schaut erstaunt: „Und was haben Sie ihm daraufhin gesagt?“ Die Zeugin: „Das geht doch nicht: eine Falschaussage. Er hat indirekt zugegeben, dass es nicht die Wahrheit gewesen ist.“ Die 17-Jährige hat der Schwurgerichtskammer ganz neue Informationen geliefert. Ganz im Gegensatz zu einer 18-Jährigen aus Hammersbach, die am Freitag ebenfalls aussagt – und die Vorsitzende fast zur Verzweiflung bringt.

Die Zeugin soll das „Party-Girl“ gewesen sein, um das sich der Streit in dieser Nacht entzündet haben soll.Und dann geht es zwei Stunden lang um Freundschaften, Anbandeln, Zickenkriege, Eifersüchteleien, wer mit wem „in die Kiste“ will und „gemeinsames Chillen“.

Verschlafen: Polizei bringt Zeugin in Gerichtssaal

Viel kann die junge Frau mit dem Spitznamen „Emine“ nicht beitragen. Ihre Aussagen bleiben immer vage: „Daran kann ich mich nicht erinnern“, „Das weiß ich nicht mehr“, „kann sein“, „denke schon“, lauten im Wechsel die antworten der zierlichen, ziemlich aufgebrezelten jungen Frau, die bauchfrei vor Gericht erscheint – und das auch nicht ganz freiwillig.

Denn „Emine“ hat eine Ladung für 9 Uhr erhalten, bleibt der Verhandlung aber fern. So schickt die Vorsitzende die Polizei los, die sie im Gerichtssaal abliefert. „Der Wecker hat nicht geklingelt“, gibt sie lapidar als Entschuldigung zu Protokoll.

Zum Geschehen selbst kann die 18-Jährige nur wenig beitragen. Sie habe gesehen, wie ein junger Mann gefallen sei. Aber E. habe ihn „nicht mit Absicht umgefahren“. Die 18-Jährige: „Das war alles irgendwie komisch.“ Die Vorsitzende Wetzel stimmt dieser Aussage süffisant zu: „Bei Ihnen ist vieles komisch.“

Aussagen passen nicht zum Vorwurf der Anklage

Bereits nach dem zweiten Verhandlungstag scheint festzustehen, dass in dieser Nacht an der Brentanostraße ein junger Mann angefahren und leicht verletzt worden ist. Das hat E. bereits zugegeben.

Es gibt aber zu viele Indizien, die nicht zum Anklagevorwurf passen. Denn E. hatte sich kurz nach der Tat bei der Polizei gestellt und mitten in der Nacht nur noch 0,2 Promille Alkohol im Blut – von einem sturzbesoffenen Mann, der von Partygästen an der Autofahrt gehindert werden soll, kann keine Rede sein.

Quelle: Hanauer Anzeiger

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