Tierwohl

Steigende Auflagen bedrohen regionale Strukturen von Metzgern und Bauern im Main-Kinzig-Kreis

Wohin mit dem lieben Schlachtvieh? Regionale Fleischerhandwerksbetriebe sehen sich immer weniger in der Lage, die für die Industrie ausgelegten EU-Normen zu erfüllen. Schlachtstätten schließen, die Transportwege für die Tiere werden länger. Archivfoto: Ulrich Perrey/dpa
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Wohin mit dem lieben Schlachtvieh? Regionale Fleischerhandwerksbetriebe sehen sich immer weniger in der Lage, die für die Industrie ausgelegten EU-Normen zu erfüllen. Schlachtstätten schließen, die Transportwege für die Tiere werden länger.

Regionale Fleischerhandwerksbetriebe sehen sich immer weniger in der Lage, die für die Industrie ausgelegten EU-Normen zu erfüllen. Schlachtstätten schließen, die Transportwege für die Tiere werden länger.

Region Hanau – Daniela Roß isst gerne Fleisch. Aber nur, wenn sie weiß, woher es kommt. „Im Zweifel verzichte ich lieber auf das Steak im Restaurant oder den Nudelsalat mit Fleischwurst auf dem Geburtstag“, sagt die Metzgermeisterin aus Rodenbach, die seit zehn Jahren Obermeisterin der Fleischerinnung Hanau Stadt und Land ist. Angesichts von Fleischskandalen wie vor einem Jahr beim Industrieschlachtbetrieb Tönnies denken immer mehr Verbraucher so wie Daniela Roß. Auch Politiker quer durch die Parteien fordern mehr Tierwohl durch bessere Haltungsbedingungen und kurze Transportwege sowie eine lokale Vermarktung nach dem Motto „Aus der Region – für die Region“.

Doch die Realität sieht anders aus. „Im Frühjahr musste der genossenschaftliche Schlachthof in Büdingen schließen, weil die Investitionen zur Erfüllung der Auflagen nicht mehr zu stemmen waren“, berichten Metzger Volker Jost und seine Schwester Hella Bähr-Jost aus Nidderau-Ostheim. So hätte der Betrieb einen Melkstand errichten müssen, um Milchkühen in den Stunden zwischen Anlieferung und Schlacht den Euterdruck zu nehmen. Eine Investition, die bei einem Schlachtaufkommen von wöchentlich zehn Rindern, 50 Schweinen und ein paar Schafen nicht im Verhältnis stand. Zumal der letzte Kredit zur Erfüllung der Biozertifizierung, die der Schlachthof erst im vergangenen Jahr erhalten hat, noch nicht abbezahlt war.

Schlachthof in Büdingen musste im Frühjahr schließen

Jost bringt seine Rinder nun in eine Schlachtstätte nach Mühlheim, die Schweine schlachtet ein Metzger aus Hochstadt für ihn. Auch die anderen Fleischer und Bauern, die in Büdingen schlachten ließen, müssen sich nach neuen Betrieben umschauen, wenn sie ihre Tiere nicht per Lohntransport in die nächstgelegenen Schlachthöfe nach Fulda oder Aschaffenburg bringen wollen.

Doch die wenigen Fleischer in der Region, die noch selbst schlachten, ächzen ebenfalls unter den Auflagen der Europäischen Union und den Kontrollen durch das Kreisveterinäramt und das Regierungspräsidium Darmstadt. So würden rostige Schrauben, zersprungene Wandfliesen oder Kondenswasser moniert, das von der Decke tropft, berichten die Metzger, die auf Initiative der Familie Jost am Mittwochabend ins „Farmhouse Café“ der Familie Kester in Ostheim gekommen sind, um den eingeladenen Politikern ihr Leid zu klagen.

Industriebetrieben sind die kleinen Schlachtstätten ein Dorn im Auge

Seit dem Wurstskandal beim nordhessischen Lebensmittelhersteller Wilke vor zwei Jahren habe sich die Situation noch einmal zugespitzt, erfahren die beiden Landtagsabgeordneten Max Schad (CDU) und Christoph Degen (SPD) sowie die Bundestagsabgeordnete Dr. Katja Leikert (CDU). „Man hat immer das Gefühl, dass man sich an den kleinen Betrieben austobt, weil man sich an die großen nicht ran traut“, bestätigt auch Nidderaus Erster Stadtrat Rainer Vogel (Grüne), dessen Familie einen Biobetrieb mit Viehhaltung in Windecken bewirtschaftet. „Den Industriebetrieben sind die kleinen Schlachtstätten ein Dorn im Auge. Entsprechend betreiben sie Lobby-Arbeit in Brüssel.“

Giuliano Fusaro, der als Metzgermeister bei einem Familienbetrieb in Bruchköbel arbeitet, berichtet zudem von zum Teil widersprüchlichen Vorgaben der Ämter. Etwa wenn es darum geht, ob das Tier vor dem tödlichen Stechen ein- oder zweimal mit der Elektrozange betäubt werden muss.

Außerdem sei es auch schon häufiger zu Diskussionen um das richtige Ansetzen der Zange am Kopf des Tieres gekommen, berichtet Fusaro weiter. „Das sind Lebewesen, die stehen halt nicht starr. Da kann es vorkommen, dass die Zange in letzter Sekunde mal um einen Zentimeter verrutscht. Natürlich möchte doch niemand von uns die Tiere quälen. Aber manche Kontrolleure scheinen noch nie ein lebendiges Tier gesehen zu haben und beurteilen nur nach Lehrbuch.“

Hoher Druck auf Metzger durch Kontrollen

Die Schlachter stünden unter einem hohen mentalen Druck, bekräftigt Obermeisterin Roß. Bei den unangekündigten Kontrollen kämen bis zu fünf Leute in den Betrieb. „Die leuchten mit der Taschenlampe in jeden Winkel, während im Laden die Kunden stehen. Ihren Tagesplan können Sie da vergessen.“

Daniela Roß, Obermeisterin der Fleischerinnung Hanau.

Bio-Landwirtin Katja Jost aus Eichen berichtet aus Sicht der Landwirte. „Wir haben einmal im Monat ein Rind in Büdingen schlachten lassen. Gemäß unserem Konzept als Direktvermarkter würden wir das auch liebend gern weiter regional machen. Doch anstatt die Strukturen mit kleinen Schlachtstätten zu erhalten, werden Fördergelder in exklusive Projekte wie die mobile Weideschlachtung gesteckt, die den Bedarf an Fleisch bei Weitem nicht decken kann.“

Im Idealfall sollte es einen neuen regionalen Schlachthof geben, regen die Betroffenen bei den Politikern an. „Da könnte man doch eine gemeinsame Initiative mit benachbarten Landkreisen starten“, findet Helmut Weider, Politik-Urgestein und Ehrenvorsitzender des Kreisbauernverbands Main-Kinzig, der das Treffen am Mittwoch mit organisiert hatte.

Politiker wollen nach Lösungen suchen

Landtagsabgeordneter Max Schad schlägt schließlich einen runden Tisch mit Vertretern des Veterinäramts und des Regierungspräsidiums vor. Christoph Degen findet, man müsse unter anderem den Ermessensspielraum bei den Auflagen und Kontrollen ausloten. Katja Leikert will das Thema kommende Woche mit in die Kreiskoalition nehmen. „Wir können keine Wunder vollbringen“, so Degen. „Aber wir bedanken uns für Ihre Initiative, um das Thema ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu bringen.“

„Verstehen Sie uns nicht falsch: Wir wollen nicht mauscheln!“, stellt Daniela Roß abschließend klar. „Aber was ist denn das große Ziel von all den Vorschriften?“, fragt die Innungs-Obermeisterin in die Runde. „Das Tierwohl, schön. Aber dabei darf man doch auch das Wohl und die Sicherheit der Menschen nicht vergessen, die seit Jahrzehnten täglich in den Familienbetrieben mit den Tieren leben und umgehen.“ Von Jan-Otto Weber

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