Anwohner fordern gleiche Regelung wie an Freiligrath- und Rathenauring

Tempo 30 auch für Ostheimer Straße

Die Anwohner der Ostheimer Straße in Windecken fordern Tempo 30 aus Lärmschutz- und vor allem Sicherheitsgründen. Bürgermeister Andreas Bär (Mitte) erläutert Heidi und Hans Lipp (links und rechts von ihm) sowie den anderen Anwohnern die Hintergründe.
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Die Anwohner der Ostheimer Straße in Windecken fordern Tempo 30 aus Lärmschutz- und vor allem Sicherheitsgründen. Bürgermeister Andreas Bär (Mitte) erläutert Heidi und Hans Lipp (links und rechts von ihm) sowie den anderen Anwohnern die Hintergründe.

Sie haben schon so viele E-Mails geschrieben und Anrufe getätigt in den vergangenen Jahren. Bei Hessen Mobil, beim Ordnungsamt der Stadt, bei der Verkehrsbehörde des Main-Kinzig-Kreises – überall hat Heidi Lipp das Anliegen der Anwohner der Ostheimer Straße in Windecken vorgebracht. Es soll endlich etwas unternommen werden gegen den zunehmenden Verkehrslärm und vor allem gegen die Gefährdung von Schulkindern und auch Radfahrern, die laut Lipp regelmäßig vor den Autos und Lkw auf den Bürgersteig flüchten.

Nidderau - „Es  kann doch nicht sein, dass immer erst etwas passieren muss, bis die Behörden tätig werden“, schimpfen die Anwohner, die sich an diesem Dienstagabend im Hof der Familie Lipp versammelt haben. Alle können sich noch gut erinnern, wie es auf der Ortsumgehung am Abzweig Karben war, wo ein Motorradfahrer tödlich verunglückte und dann kurz darauf die Ampel kam. „Wir sind auch Großeltern“, sagt Heidi Lipp, deren Enkelin und eine Freundin an diesem Abend ebenfalls dabei sind. Die Mädchen erzählen von zu schnellen Autos, und dass manche Autofahrer sogar die rote Fußgängerampel ignorieren.

Die Anwohner wollen deshalb beratschlagen, was man noch unternehmen könnte, um das gemeinsame Ziel zu erreichen: Tempo 30 zwischen dem Bahnviadukt und der Hochmühle.

Im weiteren Verlauf der Ortsdurchfahrt, auf dem Freiligrath- und dem Rathenauring, hatten die jahrelangen Bemühungen der Bürgerinitiative Erfolg. Hier gilt seit einiger Zeit Tempo 30, inzwischen sogar rund um die Uhr. Auch Heidi und Hans Lipp sowie andere Anwohner der Ostheimer Straße hatten bei der damaligen Unterschriftensammlung mitgemacht. Doch für sie hat sich immer noch nichts geändert.

Immerhin: Der neue Bürgermeister Andreas Bär (SPD) ist an diesem Abend in den Hof der Lipps gekommen, um sich der Sache anzunehmen. „Es geht uns um die Sicherheit unserer Kinder“, betonen die Anwohner noch einmal gegenüber dem Rathauschef. „Hier in der Straße wohnen 19 Kinder unter zehn Jahren. Andere kommen auf dem Schulweg vom Dresdner Ring runtergelaufen. Fast täglich hören wir hier Vollbremsungen.“

Wie aufs Stichwort ertönt während des Gesprächs vorne auf der Straße lautes Hupen. „Da hören Sie es“, fühlt sich Heidi Lipp gegenüber dem Bürgermeister bestätigt.

Der hört sich alles geduldig an und bemüht sich um Aufklärung. Die Verwaltung habe in den vergangenen Jahren immer wieder bei Hessen Mobil auf Temporeduzierungen an verschiedenen Stellen im Stadtgebiet gedrungen, auch für die Ostheimer Straße. Doch es handele sich um eine Landesstraße, und da seien die Hürden für eine Geschwindigkeitsreduzierung hoch. Im Gegensatz zu Rathenau- und Freiligrathring stünden die Häuser hier weiter von der Fahrbahn entfernt, sodass die Berechnung der Lärmpegel unter dem Grenzwert lägen. Auch eine Unfallhäufung sei nicht festzustellen. „Verstehen Sie mich nicht falsch“, so Bär. „Ich bin nicht hier, um Ihnen zu erklären, warum Tempo 50 so toll ist, sondern warum es so schwer ist, etwas zu ändern.“

Und die Zahlen scheinen tatsächlich gegen die Anwohner zu sprechen. Nach Auskunft der Verkehrsbehörde des Main-Kinzig-Kreises habe die letzte Verkehrszählung mit 3600 Fahrzeugen deutlich unter der von 2015 mit 6600 gelegen. „Das ist nur so, weil die letztes Jahr während der Ferien und im Lockdown gemessen haben“, wendet eine Anwohnerin ein. Immerhin soll laut Mitteilung des Kreises, die Familie Lipp in einem Stapel von Unterlagen hat, noch dieses Jahr eine neue Zählung durchgeführt werden, sodass 2022 aktuelle Zahlen vorliegen.

In Richtung Hochmühle steht ein 30er-Schild aufgrund der folgenden Kurve. Hier könnte eine „Smiley“-Anzeige dafür sorgen, dass sich die Autofahrer auch an die Geschwindigkeit halten.

Und die Anwohner beziehen sich auf ein weiteres Dokument zum Lärmaktionsplan des Landes Hessen. In den dortigen Ausführungen vom Mai 2020 ist unter anderem festgehalten, dass für die Ostheimer Straße bereits Tempo 30 gilt. Offenbar ein redaktioneller Fehler, auf den sich die Behörden nicht festnageln lassen. Denn im gleichen Dokument heißt es: „Im Streckenabschnitt der Ostheimer Straße sind die berechneten Lärmpegel deutlich geringer, sodass hier straßenverkehrsrechtliche Maßnahmen nicht verpflichtend sind.“

Heidi Lipp ist über diese theoretischen Annahmen und das Pingpong-Spiel zwischen den Behörden empört. „Alles wird nur vom Schreibtisch aus entschieden nach Formularen, Formeln und Berechnungen. Es ist keiner vor Ort, der sich ein Bild von der konkreten Situation macht. Das kann doch nicht sein.“

„... wenigstens alle Möglichkeiten ausgeschöpft“

Und so ruhen nun alle Hoffnungen auf Bürgermeister Bär. Doch der kann an diesem Abend auch keine Wunder versprechen. Stattdessen rät er bei Betrachtung der Situation draußen auf dem Bürgersteig, die Anwohner könnten ihre Fahrzeuge auf der Straße anstatt auf dem breiten Bürgersteig parken. „Das sorgt automatisch für eine Verlangsamung des Verkehrs.“ Die Anwohner überzeugt das nicht wirklich. Zu groß ist die Angst, dass Außenspiegel abgefahren werden. Ob man nicht wenigstens blitzen könnte oder blinkende Geschwindigkeitsanzeigen installieren, die den Autofahrern mit einem lachenden oder traurigen Gesicht signalisieren, ob sie richtig fahren? „In Richtung Innenstadt macht das Sinn, weil ab der Fußgängerampel wegen der Kurve an der Hochmühle 30 gilt“, stimmt Bär zu und verspricht, sich um einen „Smiley“ zu kümmern. Zudem wolle er sich bei den Behörden für eine reale Lärmmessung und eine erneute fundierte Verkehrszählung einsetzen.

Die Anwohner fühlen sich für diesen Abend verstanden. „Und wenn das alles nichts hilft, dann haben wir wenigstens alle Möglichkeiten ausgeschöpft“, sagt Heidi Lipp mit einem Anflug von Resignation. „Sonst könnte ich nicht damit leben, wenn doch mal etwas passiert.“ (Von Jan-Otto Weber)

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