Nidderauer Geschichtswege

„Unt steht so lang als Gott will“: Um 1686 wurde die Alte Schmiede in Erbstadt erbaut

Die Alte Schmiede an der Erbsengasse in Erbstadt wurde 1686 erbaut. Die Inschrift auf dem Querbalken unter dem Vordach ist noch gut lesbar und informiert über Baujahr und Erbauer.
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Die Alte Schmiede an der Erbsengasse in Erbstadt wurde 1686 erbaut. Die Inschrift auf dem Querbalken unter dem Vordach ist noch gut lesbar und informiert über Baujahr und Erbauer.

Wenn der Geschichtsweg demnächst durch Nidderau führt, vorbei an einer Reihe historischer Sehenswürdigkeiten, dann wird der Wanderer sicher auch vor der Alten Schmiede in Erbstadt Halt machen.

Nidderau - Dieses kleine, auf den ersten Blick unscheinbare Fachwerkhaus mitten im Ort zählt zu den ältesten Gebäuden Erbstadts. Erbaut wurde die Schmiede um 1686 von Zimmermeister Heinrich Horst im Auftrag des ortsansässigen Schmiedemeisters Heinrich Hollhorst, der das Haus anschließend auch mit seiner Familie bewohnte.

Die mit Schnitzwerk reich verzierten Eckpfeiler zeugen von der hohen handwerklichen Kunst der damaligen Zeit. Das auf geschnitzten Holzsäulen ruhende Vordach wurde um 1770 konstruiert. So entstand ein wettergeschützter offener Arbeitsraum direkt vor dem Haus, der typisch ist für die damalige Zeit. Denn das Beschlagen der Pferde war ein wesentlicher Bestandteil des Schmiedehandwerks. Und Erbstadt lebte zu der Zeit hauptsächlich von der Landwirtschaft.

Selbst in der Schmiede waren Räume für ein Pferd und mehrere Schweine vorgesehen. „Der Erbstädter Boden hier in der Talsenke gehört zu den Besten in der Wetterau. Und deshalb konnten die Bauern damals von zehn oder 15 Hektar gut leben“, weiß der 92-jährige Karl Rupp zu berichten. Er wohnt direkt gegenüber der Alten Schmiede und hat die letzten Mitglieder der Schmiedemeisterfamilie Guth noch in seiner Jugend erleben dürfen.

Denn durch die Hochzeit von einer Getraude Hollhorst mit dem Schmied Johannes Guth hatte der Familienname der Besitzer gewechselt. Und hielt sich bis 1944. Mit dem letzten männlichen Nachkommen Friedrich Wilhelm Guth (1864 bis 1944) erlosch noch in den letzten Kriegstagen eine Familie, die über Jahrhunderte den Beinamen „die Schmieds“ trug.

Ihre Wurzeln lassen sich nachverfolgen bis kurz nach Ende des Dreißigjährigen Krieges. Da fand nämlich im Jahr 1655 als erste sakrale Handlung in der wieder aufgebauten Erbstädter Kirche die Taufe von Eva Guth, der Tochter von Niclas Guth, dem Stammvater des Erbstädter Geschlechts Guth, statt. „Ausgestorben sind allerdings nur die männlichen Nachkommen. Es gab nämlich noch eine Cousine, nämlich die Martha-Sophie“, erinnert sich Karl Rupp. „Die ist direkt nach dem Krieg in die USA nach Pennsylvania ausgewandert und hat uns danach noch mehrmals hier besucht.“

Eine Aufnahme der Alten Schmiede aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg. Zu dieser Zeit war die Schmiede noch in Betrieb.

Rupp hat auch noch den Umbau der Alten Schmiede mitbekommen. So wurde nach Aufgabe des Schmiedehandwerks an der Vorderseite ein größeres Fenster eingesetzt, und die bisherige Schmiede sowie das Wohnzimmer wurden zu einem Lebensmittelgeschäft umgewandelt. „Hier, wo jetzt die Eingangstür ist, war früher zu Zeiten des Lebensmittelgeschäfts eine Eisdiele, wo es immer tolles Eis zu kaufen gab“, schmunzelt Rupp.

Trotz des Umbaus gibt es aber auch heute noch Hinweise an die Anfangstage der Alten Schmiede, aus der mittlerweile ein Wohnhaus geworden ist und aus dem erst vor wenigen Wochen die bisherigen Mieter ausgezogen sind. Etwa die mit Schnitzwerk verzierten Eckpfeiler. Sie zeugen von der handwerklichen Kunst der damaligen Zeit. Oder die geschnitzten Holzsäulen, auf denen das Vordach ruht und die von den Pferden während des Beschlagens zum Abknabbern missbraucht wurden. Auch die Inschrift auf dem Querbalken unter dem Vordach: „TAUSEND * SECHS * HUNDERT * ACHTZIG * SECHS * BAUET * MICH * MEISTER * HENRICH * HOLL * HORST * DEN * NEUNTEN * APRIL * UNT * STETH * SO * LANG * ALS * GOTT * WILL“ zeugen für das Alter des Bauwerks.

„Das Haus steht unter Denkmalschutz, und so sollte es eigentlich auch behandelt werden“, klagt Ulrich Sandmann, ein anderer Nachbar, der sich um die Geschichte von Erbstadt verdient gemacht hat. Wegen ihrer langen Tradition möchte er die Alte Schmiede gern in die Sehenswürdigkeiten der zukünftigen Nidderauer Geschichtswege mitaufnehmen lassen. Er ist zuversichtlich, dass der Hauseigentümer gegen das Anbringen des kleinen QR-Code-Schildes an dem Haus keine Einwände hat.

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