Müll achtlos weggeworfen

World Cleanup Day: Azubis säubern Nidderau bei weltweitem Aktionstag

Dem Müll, der achtlos weggeworfen wurde, auf der Spur: Rainer Vogel (links) mit jungen Freiwilligen beim Cleanup Day am Nidderauer Blauhaus.
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Dem Müll, der achtlos weggeworfen wurde, auf der Spur: Rainer Vogel (links) mit jungen Freiwilligen beim Cleanup Day am Nidderauer Blauhaus.

Nidderau/Region – Wer schon mal versucht hat, mit einer langen Zange einzelne Zigarettenstummel vom Bürgersteig, Bahnsteig oder Wegesrand aufzusammeln, wird nie wieder seine Kippe achtlos einfach wegwerfen. Es ist sehr mühselig.

Und halbvolle Fast-Food-Behälter oder Coffee-to-go-Becher aus Gebüschen zu klauben, ist wenig appetitlich, Handschuhe dabei dringend angeraten. Als Passant fällt einem der ganze Unrat am Weg vielleicht nicht auf, wer sich freiwillig meldet, um Müll zu sammeln, bekommt sie hautnah zu spüren: unsere Wegwerf-Gesellschaft.

Mit Müllsäcken und Handschuhen bewaffnet waren am Samstag in der ganzen Region Hunderte von Freiwilligen auf Straßen, Parks, Plätzen und Bahnhöfen unterwegs. Sie beteiligten sich am weltweiten Cleanup Day, einer Bürgerbewegung zur Beseitigung von Umweltverschmutzung und Plastikmüll. Im Main-Kinzig-Kreis hatten dazu Kirchengemeinden, Nabu-Ortsverbände, Kommunen, aber auch Firmen aufgerufen oder sich verabredet.

Azubis und Stadtmitarbeiter säubern Nidderau

So wie die Auszubildenden der Firma Engelhard Arzneimittel aus Niederdorfelden. Im Rahmen eines Azubi-Projektes hatte Nils Schernick gemeinsam mit Timo Scholl die Idee dazu, an ihrem Wohnort Nidderau anlässlich des World Cleanup Days Müll zu sammeln. „Ich wohne in Nidderau und kenne noch aus der Schulzeit die Orte, wo in der Stadt viel Müll liegt“, erzählt der 21-jährige Schernick am Treffpunkt vor der Willi-Salzmann-Halle. Die zwei konnten die Stadt Nidderau für ihre Idee gewinnen.

Und so kommen am Samstag Vormittag 16 Auszubildende mit Katja Adams und Rainer Vogel von der Stadtverwaltung Nidderau zusammen. Adams, Fachbereichsleiterin Umwelt sowie Umweltbeauftragte der Stadt, freut sich über das Engagement der Jugendlichen. „Das Datum des Cleanup Days ist in Deutschland noch nicht so angekommen“, sagt sie und kündigt an, dass Nidderau im nächsten Jahr mit einer größeren Aktion an diesem Tag teilnehmen wird. Und Erster Stadtrat Rainer Vogel meint: „Alles an Müll, was nicht mehr rumfliegt, ist ein Erfolg.“

Nidderau: Müllsäcke füllen sich schnell beim Cleanup-Day

In diesem Jahr, bei der ersten Teilnahme von Nidderau am Cleanup Day, sind die rund zwei Dutzend Engelhard-Azubis und Mitarbeiter sehr effektiv. Sie teilen sich in drei Gruppen auf, sammeln rund ums Blauhaus und am Windecker Bahnhof, am Familienspielplatz in Heldenbergen und hinter der Bertha-von-Suttner-Schule am Basketballfeld. Der Testlauf ist ein Erfolg: Nach zwei Stunden hat jeder der Teilnehmer einen großen Müllsack gefüllt, dafür ist die Stadt ein Stück ansehnlicher geworden.

Auf dem Bahnsteig am Bahnhof Windecken gab es am Samstag für die Müllsammler viel zu tun.

„Wenn man den Müll sammelt, kommt es einem mehr vor“, sagt Nils Schernick und hält am Bahnsteig Ausschau nach achtlos weggeworfenen Getränkekartons, Plastikgabeln, Chips- und Süßigkeitentüten und weiterem Verpackungsmüll. Ein Fahrradhelm ist auch dabei. „Die Zigarettenstummel sind besonders deprimierend zu sammeln“, sagt der 17-jährige Niklas Beckmann, der gerade ein Praktikum bei Engelhard absolviert. „Einen benutzten Schwangerschaftstest habe ich auch schon gefunden.“ Unterdessen klettert Katja Adams den kleinen Abhang hinter dem Bahnsteig runter, holt aus den Gebüschen weiteren Unrat.

Von der Unterhose bis zur Kreditkarte: Im Müll ist alles mit dabei

Unzählige Dönerboxen sind darunter, ein alter Schülerausweis, sogar eine Kreditkarte. Im Gleisbett liegen Einweg-Mundschutz-Masken neben einer alten Unterhose. Die lassen die Freiwilligen liegen, denn aus Sicherheitsgründen kann natürlich nur die Deutsche Bahn das Gleisbett reinigen, so Rainer Vogel.

Seitdem die Stadt intensiver mit der Deutschen Bahn zusammenarbeitet, um dem vermüllten Bahnhof Herr zu werden, habe sich die Situation vor Ort sehr verbessert, sagt der Stadtrat, der sich nicht zu schade ist, die Zigarettenstummel auf dem Bürgersteig vor dem Blauhaus mit der Hand zusammenzuschieben und aufzusammeln. Die fünf Mülleimer auf dem Bahnsteig wurden mit einem Bügel über der Öffnung versehen, damit der Müll vom Wind nicht mehr erfasst und verteilt werden kann.

Nidderau: Müll zersetzt sich zu Mikroplastik

„Flugmüll“ nennt Katja Adams das, als sie und Vogel vom Bahnhof Richtung Neue Mitte laufen. Der Rasenstreifen neben dem Bürgersteig ist frisch gemäht, vom Mäher wurden dort auch diverse Plastikverpackungen zerkleinert. Adams hebt die Reste eines zerschredderten Plastikbechers auf. „Der zersetzt sich jetzt langsam, so entsteht Mikroplastik direkt vor unserer Haustür“, sagt die engagierte städtische Umweltbeauftragte. Gerade diese rasche Zersetzung zu Mikroplastik sei fatal, so Vogel und meint: „Je öfter man solche Müll-Sammelaktionen durchführt, desto besser.“

Er bedauert sehr, dass in diesem Jahr wegen Corona die städtischen Aktionen mit Kitas und Schulen im Rahmen des Projekts „Sauberhaftes Hessen“ ausfallen mussten. Denn er baut auf die pädagogische Wirkung solcher Aktionen gerade bei Kindern.

Zigarettenkippen, die aus dem Auto geworfen werden, sind ihr ein Dorn im Auge: Katja Adams von der Stadt.

Überhaupt habe Corona zu mehr Müll im öffentlichen Raum geführt, weiß Umweltbeauftragte Katja Adams zu berichten. Die vielen Pizzakartons, Döner- und Nudelboxen, Getränkedosen und Flaschen an beliebten Treffpunkten zeugen davon. So würden besonders Jugendliche bestimmte Orte für größere Treffen nutzen und ihren Müll liegen lassen.

Bauhof sammelt Müllsäcke der Helfer ein

Am Ende deponierten die freiwilligen Müllsammler ihre vollen Säcke hinter der Willi-Salzmann-Halle, wo sie vom städtischen Bauhof eingesammelt werden. Dorthin brachten auch die Mitglieder der Umwelt-Gruppe ihre voll gesammelten Müllsäcke. Mitglieder dieser Gruppe beteiligten sich ebenfalls am Clean-up Day und befreiten unter anderem das Gebiet rund um den Wartbaum vom Müll. Dort half Bernhard Hildebrand mit, schaute aber vorher bei den Engelhard-Azubis an der Willi-Salzmann-Halle vorbei. Die Umwelt-Gruppe sammelt regelmäßig Müll in Nidderau. „Wir arbeiten in kleinen Gruppen, aber effizient“, so Hildebrand.

Warum so viel Müll im öffentlichen Raum liegen gelassen wird? „Es ist viel Gedankenlosigkeit dabei, wenn Leute ihren Pizzakarton einfach ins Gebüsch schmeißen“, vermutet der 21-jährige Schernick. „Sie haben keine Lust oder keine Zeit, zu einem Mülleimer zu gehen.“ Aber wer einmal selbst Müll am Wegesrand gesammelt hat, verändert seinen Blickwinkel.

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