Zeitzeugin

Anna Schichor aus Niederdorfelden feierte am 18. Oktober ihren 104. Geburtstag

Anna Schichor (Zweite von rechts) aus Niederdorfelden feierte am 18. Oktober ihren 104. Geburtstag. Als großes Glück empfindet sie, dass sie drei ihrer vier Kinder noch um sich hat. Vor allem Tochter Brigitte (80), aber auch ihre Söhne Peter (75, rechts) und Manfred (74) kümmern sich täglich um ihre Mutter.
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Anna Schichor (Zweite von rechts) aus Niederdorfelden feierte am 18. Oktober ihren 104. Geburtstag. Als großes Glück empfindet sie, dass sie drei ihrer vier Kinder noch um sich hat. Vor allem Tochter Brigitte (80), aber auch ihre Söhne Peter (75, rechts) und Manfred (74) kümmern sich täglich um ihre Mutter.

Sie wurde während des Ersten Weltkrieges geboren und ist eine der letzten Zeitzeuginnen, die den Zweiten Weltkrieg bewusst als Erwachsene erlebt haben. Und dazu ist sie noch die älteste Bürgerin der Gemeinde: Anna Schichor aus Niederdorfelden wurde am Montag 104 Jahre alt.

Niederdorfelden – Trotz ihres Alters und immer schwächer werdendem Augenlicht ist ihr Wissensdurst und Interesse am Zeitgeschehen ungebrochen. Wenn sie über die vergangenen Jahrzehnte erzählt, dann löst sich bei der Seniorin das ein oder andere Tränchen. Die Kinder- und Jugendjahre der gebürtigen Freudenthalerin (Sudetenland) waren sehr bewegt und traurig. Schon mit 15 Jahren waren sie und ihre Schwestern von der Stiefmutter weggeschickt worden. Nach der Hospitation arbeitete sie viele Jahre als Kindermädchen bei herrschaftlichen Familien in Ungarn und Österreich.

Nicht minder bewegt war die Kriegs- und Nachkriegszeit, vor allem die Vertreibung aus dem Sudetenland, die sie mit ihren seinerzeit drei Kleinkindern nach Nordhessen verschlug. Die Familie kämpfte sich durch, arbeitete für Lebensmittel in der Landwirtschaft und baute sich insbesondere nach dem Umzug nach Frankfurt-Eschersheim 1958 eine Existenz auf. Anna Schichor trug zum Lebensunterhalt der Familie bei, nicht nur als Hausfrau und zeitweise als Rechtsanwaltsgehilfin, sondern auch, indem sie mehrere Kinder aus der Nachbarschaft betreute und versorgte und obendrein noch einen üppigen Kleingarten bewirtschaftete. So konnte sie die Haushaltskasse der eigenen Familie aufbessern, da ihr Mann durch einen Unfall nur noch eingeschränkt arbeitsfähig war.

Engagiert als Vorsitzende des Sudetendeutschen Heimatvereins

Auch ihre inzwischen vier Kinder trugen stets zum Lebensunterhalt bei. „Ich bin ein gläubiger Mensch, und es erfüllt mich mit großer Dankbarkeit, aber auch mit Stolz, dass alle vier Kinder über 40 Jahre erfolgreich im Berufsleben in Vollzeit tätig waren“, blickt die Seniorin an ihrem Ehrentag auf das Geleistete zurück.

Rüstig und geistig fit: Anna Schichor lebt in Niederdorfelden noch in ihrer eigenen Wohnung.

Ihre Wurzeln ließen Anna Schichor aber nie los: Neben ihren Hobbys Lesen und Kreuzworträtseln, aus denen sie ihr umfangreiches Wissen schöpfte und ihren Geist lebendig hielt, organisierte sie als Vorsitzende des Sudetendeutschen Heimatvereins im Raum Frankfurt noch Fahrten in die verlorene Heimat, Wanderungen sowie zahlreiche Veranstaltungen.

Mann und ältester Sohn vor vielen Jahren verstorben

Mitte der 1990er Jahre zog Anna Schichor nach Niederdorfelden um. Dort lebten bereits ihre Kinder mit ihren Familien. Mit ihnen verbringt die Jubilarin bis heute viele schöne Stunden, wenngleich sie mit dem Tod ihres Mannes 1988 und ihres ältesten Sohns vor 19 Jahren sehr schmerzliche Verluste hinnehmen musste.

„Diese 104 Jahre beinhalten schon viele traurige Stunden, vor allem aber Dankbarkeit, dass ich seit zehn Jahren von meiner inzwischen 80-jährigen Tochter Brigitte in meiner häuslichen Umgebung gepflegt und versorgt und auch von meinen Söhnen Manfred und Peter nahtlos und aufopfernd betreut werde“, sagt die Jubilarin mit Tränen in den Augen. „Gerade in den letzten beiden Jahren der Pandemie ist dies ein unschätzbar großes Geschenk, dass ich nicht einsam und verlassen in einer Institution leben muss.“

Bis heute an Politik und Zeitgeschehen interessiert

Hier hakt Tochter Brigitte ein: „Das ist uns allen ein Herzensbedürfnis und wir freuen uns über jeden Tag mit Dir. Du hast uns mit viel Liebe und Fürsorge durch schwerste Zeiten begleitet und uns all die alten Werte wie Anstand, Fleiß, Zuverlässigkeit und Ehrlichkeit gelehrt, die uns im Beruf, im Alltag sowie familiär immer hilfreich waren. Du bist und bleibst der von allen geliebte Mittelpunkt unseres Lebens.“

Drei Kinder, fünf Enkel und sechs Urenkel gehörten nun zu den Gratulanten zu ihrem 104. Geburtstag. Wie schon im letzten Jahr war eine gemeinsame Feier allerdings nicht möglich, es blieb bei den Glückwünschen per Telefon, was die Jubilarin mit Wehmut erfüllte.

Auf die Frage, welche Wünsche sie habe, antwortet Anna Schichor, „dass ich kein bettlägeriger Pflegefall werde, vor allem aber, dass alle meine Lieben gesund bleiben. Und ich wollte gern die Bundestagswahlen erleben. Das interessiert mich schon sehr, wie es nun weitergeht.“

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