Themenschwerpunkt: Zeit zum Erinnern

Hildegard Kriegs Konfirmation am 18. März 1945 in Niederdorfelden wurde durch Fliegeralarm verkürzt

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Bewegte Zeiten: Hildegard Krieg aus Niederdorfelden blickt im Gespräch mit HA-Redakteurin Mirjam Fritzsche auf den März 1945 zurück. Die 88-Jährige kann viel aus dieser Zeit erzählen. In ihr Elternhaus an der Oberdorfelder Straße kamen deutsche und amerikanische Soldaten als auch Vertriebene.

Den Angriff auf Hanau wird Hildegard Krieg nie vergessen – damals war sie erst 14 Jahre alt. Am 18. März 1945 wird ihre Konfirmation gefeiert. „Der Pfarrer musste sich mit dem Einsegnen beeilen, denn es gab bereits Fliegeralarm“, erzählt die 88-jährige Niederdorfelderin.

Dabei hatte der Seelsorger Weitblick bewiesen. Ursprünglich sollte die festliche Aufnahme in die

Als 14-Jährige erlebt Hildegard Krieg die Bombardierung Hanaus vom Land aus.

Kirchengemeinde erst acht Tage später stattfinden. Doch da rollten bereits die amerikanischen Panzer durch das Dorf. Ob der Pfarrer eine göttliche Eingebung hatte? Nach dem Gottesdienst geht es dann auf schnellstem Wege zurück nach Hause. Für die Feier war in der Nacht davor heimlich Kuchen gebacken worden. In den entbehrungsreichen Kriegstagen keine Selbstverständlichkeit. 

„Doch dann kam uns die Köchin abhanden. Die Cousine meines Onkels wollte uns eigentlich an dem Festtag unterstützen. Doch wegen des Daueralarms macht sie sich auf den Heimweg nach Maintal-Bischofsheim – zu Fuß durch den Wald“, berichtet Hildegard Krieg. Den Großteil des Tages und der Nacht muss das Mädchen im Keller verbringen. „Damals hatte ich nur einen Wunsch: einmal wieder richtig durchschlafen“, sagt Krieg. Sie sei abends immer voll angezogen ins Bett gegangen. Denn fast jede Nacht gab es Alarm. „Angst hatte ich nicht. Ich kannte es ja nicht anders“, sagt sie. 

Krieg lebt noch in ihrem Elternhaus in Niederdorfelden (Hessen)

Bei dem Gespräch sitzen wir im Wohnzimmer ihres Elternhauses an der Oberdorfelder Straße. Während des Zweiten Weltkriegs ist es das letzte Haus am Ortsrand. Doch Niederdorfelden ist in den vergangenen Jahrzehnten stark gewachsen. Heute liegt es quasi in der Ortsmitte. 

„In diesem Zimmer bin ich geboren worden“, erklärt die Rentnerin. Auf dem Tisch liegen Fotos. Sie erzählen von vergangenen Zeiten. Eine Aufnahme des Hauses, noch unverputzt. Das Verlobungsbild mit ihrem Mann Philipp, ebenfalls ein Niederdorfelder. Der junge Mann soll schon kurz nach der Rückkehr aus dem Krieg und dem ersten Kennenlernen gesagt haben: „Das wird mal meine Frau.“ In der Nacht zum 19. März 1945 ist das Kriegsende zwar nah, doch für Hanau soll es ein grauenhaftes Ende werden. Die Auswirkungen sind bis in das kleine Dorf Niederdorfelden zu spüren. „Wir konnten die Flieger hören. Es gab ein tiefes Dröhnen“, erinnert sich Hildegard Krieg. Als die Bomben fallen, ruft ihr Onkel: „Das leuchtet wie ein Christbaum am Himmel.“ 

Die damals 14-Jährige musste auch in Hanau mithelfen

Niederdorfelden ist zwar kein Hauptziel für die Bombenangriffe. Doch auch hier sind einige Abwürfe gelandet. „Es gab einen Mordskrater bei Rendel, und in der Schreinerei hat es auch gebrannt“, sagt Krieg. Am frühen Morgen kommen die ersten Flüchtlinge aus Hanau im Ort an. Mit Handwägelchen ziehen sie ihr weniges Hab und Gut hinter sich her. „Meine Mutter und meine Tante haben die Leute mit Essen versorgt. Es gab Kartoffelsalat“, sagt Hildegard Krieg. Einige der ehemaligen Hanauer finden auf dem Land ein neues Zuhause. So wie Margot Hoch. Sie flieht mit Mutter und Bruder nach Bad Vilbel. Die elterliche Glaserei ist völlig zerstört. 

Hildegard und ihre beste Freundin: Die Eheleute Krieg mit ihren Freunden Margot und Karl Kroh.

Margot heiratet einen Niederdorfelder und bleibt im Dorf. Die ehemals beste Freundin von Hildegard Krieg ist vor fünf Jahren gestorben. Mit Glanz in den Augen blickt die 88-Jährige auf ein Bild mit zwei glücklichen Paaren: die Eheleute Krieg mit ihren Freunden Margot und Karl Kroh. „Wir hatten eine schöne Zeit zusammen, haben viel gefeiert“, erinnert sich Krieg. Im ausgebombten Hanau muss auch die damals 14-Jährige bei der Beseitigung der Trümmerhaufen helfen. Mit dem Fuhrwagen geht es zum Dienst. „Wir mussten uns ‧Bescheinigungen ausstellen lassen, damit wir Lebensmittelkarten bekommen“, sagt sie. Jeder Haushalt musst jemanden abstellen. „'Schipp, Schipp, hurra', haben wir das genannt.“ 

Glück im Unglück mit einem Amerikaner

An eine Begebenheit kann sich Hildegard Krieg noch gut erinnern. Sie ist in schicken, neuen Fallschirmspringerstiefeln in die Brüder-Grimm-Stadt gefahren. Doch die sind geklaut. Aus einem amerikanischen Versorgungszug. „Der ist in Niederdorfelden liegen geblieben, auf der Strecke, auf der heute das Lieschen fährt. Da haben sich die Menschen einfach geholt, was sie brauchen konnten. Sie hatten ein Paradies entdeckt.“ Und das junge Mädchen hat eben ein Auge auf die tollen, weichen Stiefel geworfen. Als ihr in den Trümmerbergen am Paradeplatz (heute Freiheitsplatz) ein US-Soldat entgegenkommt, begräbt sie geistesgegenwärtig ihre Stiefel unter einem Haufen Schutt – er könnte schließlich bemerken, dass es sich um amerikanische handelt. Sie fordert ihre Bekannte, die auch solche Stiefel anhat, auf, das Gleiche zu tun und als diese nicht begreift, sagt Hildegard Krieg zu ihr: „Du Kamel!“ Darauf der Ami: „Oh, ich nix Camel, ich Chesterfield“. Er dachte wohl es geht um Zigaretten. Die beiden Frauen kommen zum Glück ungeschoren davon. 

Hildegard Krieg erinnert sich an viele Geschichten aus ihrer Jugend. Ins Haus am Ortsrand von Niederdorfelden kommen deutsche und amerikanische Soldaten und Vertriebene. Sie weiß noch wie die Tante einem SS-Soldaten den Teller wegzieht, weil er ankündigt, noch am selben Abend einen desertierten Familienvater exekutieren zu wollen. Sie erinnert sich an das weinende russische Mädchen, das von einem Lastwagen abtransportiert wird. Und an den dicken Amerikaner, der ihre Großmutter heiraten will. Es sind bewegende Ausschnitte aus einer bewegten Zeit.

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