Niederdorfelden

Niederdorfelderin pflegt schwerbehinderten Sohn seit 53 Jahren

Große Freude über die besondere Auszeichnung mit der Pflegemedaille des Landes Hessen (von links): Gerd Bauscher, Pflegerin Lilianna Czajka, Gerds Cousin Markus Pfeiffer, die Geehrte Waldtraud Bauscher und Bürgermeister Klaus Büttner. Foto: Fritzsche

Niederdorfelden. Bürgermeister Klaus Büttner reist regelmäßig im Auftrag der Gemeinde nach Wiesbaden. Doch die Fahrt, die er diesmal antrat, war eine besondere. Büttner durfte in Vertretung für die erkrankte Waltraud Bauscher die Pflegemedaille des Landes Hessen in Empfang nehmen.

Von Mirjam Fritzsche

Die 77-Jährige kümmert sich seit 53 Jahren um ihren schwerstbehinderten Sohn. Dieser Tage überreichte Büttner der Geehrten die Auszeichnung zu Hause. Unsere Zeitung hat ihn begleitet.

Die Aufregung ist groß im Hause Bauscher. Es gibt ein großes Hallo für den Bürgermeister. Kuchen, Plätzchen und Kaffee warten bereits auf die Gäste. „Aber zuerst will ich Gerd begrüßen“, sagt Büttner. Der 53-Jährige Gerd Bauscher sitzt im Rollstuhl, trägt ein bedrucktes Shirt und zeigt dem Gemeindeoberhaupt erstmal den Vogel. Alle müssen lachen. „Gerd mimt wohl die Opposition“, sagt Markus Pfeiffer schmunzelnd. Der 40-Jährige ist Gerds Cousin. Er war mit Büttner in Wiesbaden, um die Medaille für seine Tante in Empfang zu nehmen.

Große BescheidenheitAlle zusammen nehmen an der Kaffeetafel Platz. Waltraud Bauscher ist gerührt. „Meinen Sie wirklich, dass ich die Auszeichnung verdient habe?“, fragt sie Büttner. Bescheidener geht es wohl nicht. Dass sie ihren Sohn immer zu Hause gepflegt hat, ist für sie selbstverständlich. Mit ihren 77 Jahren ist die Niederdorfelderin selbst nicht mehr topfit. „Aber mein eigenes Kinder in ein Heim geben – das könnte ich nicht“, betont sie. Ihr Gerd sei ein Sensibelchen, sagt sie und blickt liebevoll in seine Richtung. „Ich hätte doch keine ruhige Minute.“

Der große Wunsch wäre, dass Mutter und Sohn gemeinsam untergebracht werden können. „Wir schauen schon überall. Aber es gibt nur Einrichtungen für Alte oder Behinderte. Keine für beide“, sagt Pfeiffer bekümmert.

Hilfsbereitschaft auch von außenDass der Alltag noch immer funktioniert, ist unter anderem dem Einsatz polnischer Pflegekräfte zu verdanken, die mit im Haus wohnen und Waltraud Bauscher unterstützen. „Ohne unsere Lila würde nichts klappen“, sagt die 77-Jährige über Lilianna Czajka, die sich alle acht Wochen mit Kolleginnen abwechselt.

Große Hilfsbereitschaft erfährt die Seniorin auch aus dem Freundeskreis und der Nachbarschaft. „Mein Mann ist vor elf Jahren gestorben. Ich selbst habe keinen Führerschein und kein Auto“, erklärt sie. Da gibt es Nachbarn, die Fahrdienste übernehmen und Freunde wie Salvador und Sylvia Garcia, die einmal in der Woche den Großeinkauf übernehmen.

Niederdorfelden wie eine große Familie„Viel Hilfe bekomme ich von Manfred Schmidt und Haidi Arnold, aber auch von Wilhelm und Helma Kauer sowie Heinz und Liesel Krieg“, zählt Bauscher auf. Ihre Freundin Brigitte Wagner aus Maintal, mit der die Niederdorfelderin einmal im Jahr für ein paar Tage ins Kloster fährt, hat sie für die Pflegemedaille vorgeschlagen. „So einen tolle Gemeinschaft wie in Niederdorfelden hätte es in einer großen Stadt bestimmt nicht gegeben. Wir sind wie eine große Familie“, sagt Waltraud Bauscher.

Als ihr Sohn vor 53 Jahren das Licht der Welt erblickte, war er „ein ganz normales Baby“, erzählt sie. Doch mit sechs Monaten liegt er auf einmal blau angelaufen in seinem Bettchen. Wegen Sauerstoffmangels erleidet der Säugling einen frühkindlichen Hirnschaden. „Das war ein schlimmer Schlag für meinen Mann und mich. Gerd war ein Wunschkind“, erzählt Waltraud Bauscher.

FörderungSie tat alles, um ihren Jungen zu fördern: Schwimmen, Gymnastik, Sprachtherapie. „Ich habe ihn sogar zum Laufen gebracht“, sagt sie stolz und zeigt Fotos aus Gerds Jugendtagen. Viele Jahre war er in der Behindertenwerkstatt in Steinheim beschäftigt. Doch bei einem Sturz verletzte er sich so schwer, dass er auf der linken Seite steif ist und auf den Rollstuhl angewiesen ist.

Hinzu kommen mehrere Krankheiten. Gerd hat eine Laktose- und Glutenintoleranz, ist allergisch gegen viele Lebensmittel und Medikamente, ist Epileptiker, leidet am Reflux-Syndrom. Weil er sich viel drinnen aufhält hat er einen Vitamin-D-Mangel.

Fröhlicher Mensch„Ich habe eine Kaltlichtterrariumlampe erworben, damit Gerd eine Sonnenlicht-Therapie machen kann. Das ist Improvisieren auf hohem Niveau“, erzählt Pfeiffer, der bereits als Kind viel Zeit mit seinem Cousin verbrachte. Die Verhältnis zwischen den beiden ist innig. „Wenn Markus da ist, ist Gerd happy. Das war schon immer so“, erklärt Waltraud Bauscher.

Gerd ist ein fröhlicher Kerl, der gerne singt. „Am liebsten Heidi“, sagt seine Mutter und lacht. Auf seinem Schoß liegt eine Babypuppe. Sie heißt Tim. Auch ein singender Plüsch-Pinguin ist in der Weihnachtszeit immer an seiner Seite. Nie fehlen darf aber sein roter Lieblingskugelschreiber „Ming“. Seit 20 Jahren gibt er ihn nur zum Schlafen aus der Hand.

Kraft trotz vieler dunkle StundenDer Alltag ist für Waltraud Bauscher schwer. Zeit für sie selbst bleibt kaum, nachts schläft sie nur unruhig. „Es gab schon viele dunkle Stunden, da habe ich ans Aufgeben gedacht“, gesteht sie im Gespräch. Vor allem nach dem Tod ihres Mannes. Doch die Hilfebereitschaft ihrer Mitmenschen hat ihr stets die Kraft gegeben, um weiterzumachen.

Nach etwas mehr als einer Stunde folg der offizielle Teil. Der Bürgermeister überreicht die Pflegemedaille mit vielen lobenden Worten für die 77-Jährige. Von der Gemeinde gibt es zudem einen Gutschein für ein Einkaufsmarkt im Ort. „Damit können Sie Gerd glutenfreie Lebensmittel kaufen“, sagt Büttner. Beim gemeinsamen Foto winkt Gerd fröhlich in die Kamera.

Quelle: Hanauer Anzeiger

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