Einst eng an Merkels Seite

Dr. Peter Tauber im Interview über sein Buch, Corona, die Flüchtlingskrise und die Kanzlerin

Lesung von Peter Tauber
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Ein Rückblick auf sein bisheriges Leben: Peter Taubers Buch hat autobiographische Züge, vor allem geht es um die Frage, ob man als Spitzenpolitiker und Führungspersönlichkeit Schwächen zeigen darf.

Kaum einer war so nah dran an Kanzlerin Merkel wie er. Dann war Dr. Peter Tauber, von 2013 bis 2017 Generalsekretär der CDU, von einem Tag auf den anderen von der Bildfläche verschwunden.

Jetzt hat der Gelnhäuser Bundestagsabgeordnete, der aktuell Staatssekretär im Verteidigungsministerium ist, ein Buch geschrieben, in dem er erzählt, wie er lebensbedrohlich an einer chronischen Darmentzündung erkrankte und nur durch eine Notoperation gerettet werden konnte.

Tauber (45) berichtet über die Belastung und Anfeindungen, die er während der Flüchtlingskrise an Merkels Seite durchlitten hat und die nach Ansicht seiner Ärzte auch Auslöser für die Krankheit gewesen sind. Im Gespräch mit unserer Zeitung schlägt er zudem eine Brücke zur aktuellen Krise durch die Corona-Pandemie.

Herr Tauber, Sie haben jetzt ein Buch veröffentlicht, in dem Sie über Ihren Rücktritt vom Amt des Generalsekretärs schreiben und über Ihre Krankheit, an der Sie beinahe gestorben wären. Hatten Sie das Gefühl, Sie sind den Leuten noch eine Erklärung schuldig?
Ich war durch Krankheit und Reha fast fünf Monate von der Bildfläche verschwunden. Es war mir am Anfang eher unangenehm, darüber zu reden. Das hat sich erst geändert, als auf einmal haarsträubende Gerüchte darüber gab, was mir passiert sei. Ein guter Freund hat mir erzählt, er habe gehört, ich sei am Wächtersbacher Bahnhof krankenhausreif geschlagen worden und hätte deshalb einige Wochen im Krankenhaus verbracht. Da habe ich entschieden, die Geschichte zu erzählen: einmal in einem Interview mit einer Zeitung und einmal in der Sendung von Markus Lanz im ZDF. Dabei wollte ich es bewenden lassen. Dann kam jedoch der Verlag auf mich zu und sagte: Herr Tauber, darüber sollten Sie ein Buch schreiben. Meine erste Reaktion war ablehnend. Wer will ein Buch über Krankheit und Sinnkrise lesen? Der Verlag war sich aber sicher: Es sollte eben nicht um mein Leben als Politiker gehen – ich bin nur ein Beispiel –, sondern um die grundsätzliche Frage, wie man mit Stress umgeht, wie man seine Belastungsgrenze erkennt, wie man Krisen meistert und was einem helfen kann. Diese Probleme kennen ja sehr viele Menschen und vor allem Männer, die im Job ambitioniert sind und in der Mitte des Lebens stehen. Wie ich. Meine Geschichte zu teilen, so hieß es, könne anderen Menschen Mut machen.
Was hat Sie überzeugt?
Der Hinweis des Verlagsmanagers, dass man nur „gute“ Bücher mache. Bücher, die Geschichten erzählen, die Menschen Mut machen. Es gehe nicht darum, eine reißerische Geschichte zu schreiben, Leute schlechtzumachen oder an den Pranger zu stellen. Es gehe darum, etwas Gutes zu erzählen. Das entspricht meinem Blick auf die Welt. Ich finde, man verschwendet viel zu viel Zeit mit negativen und schlechten Dingen. Man sollte im Leben den guten Dingen mehr Zeit einräumen.
Namen erwähnen Sie nur von den Menschen, die einen positiven Einfluss auf Ihr Leben gehabt haben.
Natürlich habe ich negative Erfahrungen gemacht, Begegnungen mit Menschen, die mir geschadet und mich verletzt haben. Ein Teil des Prozesses war ja, mir einzugestehen, dass ich nicht so ein harter Typ bin, wie ich vielleicht selbst von mir dachte. Diesen Menschen wollte ich in dem Buch keine allzu große Aufmerksamkeit widmen.

Unterschiede zwischen Corona- und Flüchtlingskrise

Im November 2015, in der Flüchtlingskrise, haben Sie unserer Zeitung gesagt: „Die meisten, die jetzt Angst haben, die wünschen sich einen Schalter, den man umlegt, und alles wird gut. Das Wichtigste, was wir sagen müssen, ist: Diesen Schalter gibt es nicht.“ Diesen Satz könnte man 1:1 in die Gegenwart übertragen. Verbietet sich ein Vergleich von 2015 mit der Corona-Krise?

Im November 2015, in der Flüchtlingskrise, haben Sie unserer Zeitung gesagt: „Die meisten, die jetzt Angst haben, die wünschen sich einen Schalter, den man umlegt, und alles wird gut. Das Wichtigste, was wir sagen müssen, ist: Diesen Schalter gibt es nicht.“ Diesen Satz könnte man 1:1 in die Gegenwart übertragen. Verbietet sich ein Vergleich von 2015 mit der Corona-Krise?
Es gibt einen fundamentalen Unterschied: Die Flüchtlinge kamen zu uns. Darauf mussten wir reagieren in einer Situation, in der es uns und dem Land sehr gut ging. Jetzt ist es so, dass uns das Virus unmittelbar selbst betrifft. Wir können sterben, Menschen, die uns lieb sind, können sterben. Vor diesem Hintergrund finde ich Wortmeldungen wie „der wäre ja in einem halben Jahr eh gestorben“ zynisch und menschenfeindlich. Für mich ist es relevant, ob meine Mutter oder mein Vater ein halbes Jahr länger leben und ich sie bei mir habe. Grundsätzlich verstehe ich aber auch den Wunsch nach einer Rückkehr zur Normalität. Wir müssen nur so ehrlich sein und sagen: Es wird nicht wie vorher. Wir brauchen ein „neues Normal“. Wie das aussieht, was wir im Zuge der Krise auch verbessern können, darüber müssen wir jetzt reden.
Sie beschreiben ausführlich, wie Sie als Generalsekretär die Anfeindungen gegen die Kanzlerin, aber auch gegen sich selbst erlebt haben. Mit zunehmender Dauer der Corona-Krise gerät Merkel wieder in die Kritik. Haben Sie das Gefühl, es sind dieselben Leute, die jetzt wieder gegen Sie schießen?
Was sich in der Tat wiederholt, ist, dass die, die da schimpfen, keinen konstruktiven Lösungsansatz bieten. Richtig bewusst geworden ist uns die Gefahr durch Corona doch erst, als in Italien Militärkolonnen Leichen abtransportiert haben. Da hat man gemerkt, Italien ist nah, das ist nicht China. Die Bundesregierung und die Landesregierungen haben schnell und rational und gemeinsam gehandelt, die Menschen waren vernünftig. Nur deshalb sind uns Bilder in Deutschland wie in Italien oder den USA bis heute erspart geblieben. Anfänglich hat man von den Kritikern nichts gehört: nichts von der AfD sowie den üblichen Verschwörungstheoretikern und denen, die ja eh immer meckern. Sie waren alle still, weil sie nichts beitragen konnten. Jetzt, wo es darum geht, wie weit man die Lockerungen vornehmen kann, da werden sie wieder laut und bieten vermeintlich einfache Lösungen an, die aber keine sind. Stattdessen hält eine Faktenresistenz Einzug, die Pandemie wird bagatellisiert und gar ganz angezweifelt, Verschwörungstheorien sprießen aus dem Boden, bis dahin unauffälligere Wutbürger treten auf die Straße und radikalisieren sich mit „alternativen Fakten“. Da sehe ich Parallelen zu 2015. Da hat auch niemand von denen wirkliche Lösungen präsentiert, sondern immer nur die Ängste geschürt. Heute ist die Situation aber viel ernster als damals.

Tauber freut sich über konkretes Handeln

Welches Gefühl überwiegt: Enttäuschung, dass Sie Angela Merkel nicht mehr so prominent zur Seite stehen, oder Erleichterung, nicht mehr in der ersten Linie zu sein?
Damals habe ich die Kanzlerin aus tiefster Überzeugung unterstützt. Ich habe als Manager der Partei, wenn Sie den Generalsekretär so bezeichnen wollen, mitdiskutiert. Aber ich war im Regierungshandeln kein Entscheider. Jetzt ist meine Lage eine andere. Als Staatssekretär im Verteidigungsministerium bin ich dabei, wenn es um das konkrete Handeln geht. Ich beschäftige mich mit Fragen wie: Was können wir tun, damit unsere Soldaten sicher in die Einsätze gehen und auch gesund wieder zurückkommen? Was können wir tun, um vor Ort im Zuge der Amtshilfe zu unterstützen? Wir produzieren als Bundeswehr beispielsweise jetzt im großen Stil Desinfektionsmittel. Wir helfen in Gesundheitsämtern oder an den Abstrichstellen, um die Tests durchzuführen. Alles sehr konkrete Maßnahmen. Dort dabei zu sein, seine Ideen einzubringen und daran mitzuarbeiten, macht Freude.

Ihr Arzt hat Ihnen gesagt, Ihr Job, Ihr Lebensstil, sei mit Sicherheit Auslöser für die Krankheit gewesen, an der Sie beinahe gestorben wären. Auf den politischen Entscheidern lastet in der Corona-Krise ein enormer Druck, besonders auf Angela Merkel. Wie schafft sie es, über Jahre mit solchen Extremsituationen umzugehen?

Ihr Arzt hat Ihnen gesagt, Ihr Job, Ihr Lebensstil, sei mit Sicherheit Auslöser für die Krankheit gewesen, an der Sie beinahe gestorben wären. Auf den politischen Entscheidern lastet in der Corona-Krise ein enormer Druck, besonders auf Angela Merkel. Wie schafft sie es, über Jahre mit solchen Extremsituationen umzugehen?
Erkennbar hält diese Frau mehr aus als die meisten von uns. Die meisten würden scheitern an diesem Druck, an den Anwürfen, an der Verantwortung, die auf diesem Amt liegt. Dafür braucht man eine entsprechende Konstitution, vielleicht auch die Fähigkeit, Abstand zu nehmen und manche Dinge nicht an sich heranzulassen. Auf jeden Fall ist es so, dass jeder von uns eine eigene Belastungsgrenze hat. Das habe ich erst durch die Krankheit gelernt. Und ich habe akzeptiert, dass ich meine Grenze früher erreiche als andere. Darum geht es im Buch auch und um die Frage, wie man diese Grenze erkennt. Das heißt nicht, dass man manchmal auch die Zähne zusammenbeißen muss. Aber man sollte sich selbst nicht überfordern und lieber versuchen, mit anderen zusammen Probleme zu lösen.

Was gibt es für Anzeichen, dass man einer Aufgabe vielleicht nicht gewachsen ist?

Was gibt es für Anzeichen, dass man einer Aufgabe vielleicht nicht gewachsen ist?
Man muss einen klugen Umgang mit den Belastungen im Job finden. Das gilt wieder für eine Fülle von Jobs, wahrlich nicht nur für den des Spitzenpolitikers. Das kennen sicher viele Menschen: Es gibt so viel zu tun, hier ein Problem, dort ein neues Thema, dann eine Extraschicht und schon ist man in einem Hamsterrad, das einem alles abverlangt. Man muss alles geben, kommt aber kaum dazu, über sich selbst nachzudenken. Will ich das? Kann ich das? Bin ich gesund genug? Gut genug für diese Aufgabe? Diesen ja auch nicht immer angenehmen Fragen kann man dann auch ausweichen, wenn man will. Und dann wird es aus meiner Sicht gefährlich. Ich hatte erfolgreich einen solchen Verdrängungsmechanismus etabliert. Wenn Sie nie Zeit haben, irgendwo still zu sitzen, um sich selbst zu hinterfragen, ob Sie noch Ideen haben, ob Sie vielleicht ausgebrannt sind, dann ist das ein Problem.

Notoperation rettete Tauber das Leben

Das Kapitel, in dem Sie die Tage auf der Intensivstation beschreiben, beginnt mit der Frage: Sterbe ich jetzt? Sie konnten nur durch eine Notoperation gerettet werden. Macht Sie diese Erfahrung gelassener angesichts der Bedrohung durch Corona?
Vielleicht ist es ein typischer Mechanismus in der Politik: Man macht sich um sich selbst nicht groß Gedanken. Ich habe mir auch wenig Sorgen um mich selbst gemacht, als ich aus rechtsextremer Ecke Morddrohungen erhalten habe. Mit Blick auf Corona: In meiner Familie zählt praktisch jeder zu einer sogenannten Risikogruppe. Da bin ich schon sensibel. Für mich selbst kann ich sagen, dass die Erfahrung demütig macht, da zu liegen und sich auf einmal bewusst zu werden, dass man selbst nicht über sein Leben bestimmt. Zu wissen, dass man in den Händen Gottes und in dem Fall der Ärzte ist.
Können Sie mit dieser Erfahrung Menschen helfen, die jetzt Angst haben?
Es gibt einen guten Grund, warum man Abstand halten sollte zueinander, warum man eine Maske tragen sollte, wenn man sich im öffentlichen Raum bewegt. Und wir werden wahrscheinlich auf dem Weg zu diesem „neuen Normal“, von dem ich ja schon sprach, ganz neue Regeln des Umgangs miteinander finden müssen, um uns dann wieder begegnen zu können und auch nahe zu sein. Wenn wir alle miteinander rücksichtsvoll umgehen, dann braucht man keine Angst zu haben.

Corona-Pandemie kann auch positive Aspekte haben

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