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Blind durch Granatsplitter: Frau gibt Ossig neuen Mut

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Bis heute ein glückliches Paar: Ute und Ernst Ossig aus Niederrodenbach. Foto: Bergmann
Bis heute ein glückliches Paar: Ute und Ernst Ossig aus Niederrodenbach. Foto: Bergmann

Rodenbach. Als Panzerfahrer wurde er während des Zweiten Weltkrieges durch Granatsplitter verwundet und verlor sein Augenlicht. Der Lebensmut des damals 18-jährigen Ernst Ossig ist seit dem dennoch ungebrochen - auch dank seiner Frau Ute. Am Donnerstag feiert Ossig seinen 90. Geburtstag.

Von Per Bergmann

Es sei gar nicht so einfach, über das Leben in Blindheit zu berichten. „Jedes Schicksal ist anders“ und so unterschiedlich wie die Menschen selbst, erklärt Ossig. Wie man mit diesem Handicap klarkomme, hänge unter anderem von der Herkunft, dem Umfeld, der Bildung und nicht zuletzt vom Charakter des Betroffenen ab. Er selbst stammt aus Sagen im Kreise Bunzlau, eine Kleinstadt in Schlesien, heute Polen, etwa 120 Kilometer von Breslau entfernt.Seine Frau Ute kommt ursprünglich ebenfalls aus dieser Region. Kennengelernt haben sich die Beiden, als diese dem Sportsanatorium in Isny im Allgäu einen Besuch abstatte. Ossig versuchte dort, sich weiter zu rehabilitieren und sich auf ein Leben in vollkommener Dunkelheit vorzubereiten.Zusätzliches Feuer entfachtUte Ossig verliebte sich in den lebensmutigen, offenen, humorvollen Mann, der sich seit jeher im Bund der Kriegsblinden engagiert, und entfachte ein zusätzliches Feuer in ihm. Schnell fand er den Weg in ein reguläres Leben zurück.Zuvor hatte Ossig in Thüringen eine blindentechnische Umschulung absolviert. „Dort traf ich auf viele Kameraden, die das gleiche Schicksal ereilt hatte.“ Er wurde zum Stenotypisten ausgebildet, lernte Maschinenschreiben, Blindenschrift und Stenographie. „Das war keine leichte Aufgabe. Ich hatte davor ja nur mit Schrauben, Drehen, mit Schmieröl, generell mit technischen Sachen zu tun.“Vom Handwerker zum Kopfarbeiter Ossig musste vom Handwerker zum Kopfarbeiter werden. Während seiner Zeit in Berlin schöpfte er weiteren Mut und wurde immer zuversichtlicher, sein Leben wieder selbst in die Hand nehmen zu können. Ein Blindenführhund, seine Schäferhündin Elli erleichterte ihm das Leben zusätzlich, begleitete beziehungsweise führte ihn zur Arbeit und wieder zurück.„Über Elli könnte ich ein ganzes Buch schreiben. Sie war ein so liebes, intelligentes und verständiges Tier“, ist Ossig bis heute dankbar. Als Elli starb, war er auf ihre Hilfe zum Glück nicht mehr angewiesen. „Ich hatte inzwischen meine Frau kennengelernt, die mich durchs Leben begleitete.“Zuhause in Niederrodenbach gefundenDer Rodenbacher wusste das Glück zu schätzen, das ihm zu Teil wurde und versuchte mit ehrenamtlicher Arbeit etwas davon an Leidensgenossen weiterzugeben. Unter anderem leitete er als Vorsitzender den Berliner Blindensportverein. Zehn Jahre arbeitete Ossig als Stenotyp für die Zeitung „Telegraf“ in Berlin.Gemeinsam mit seiner Frau führte ihn sein Weg nach Offenbach, wo er eine Anstellung bei der Stadtverwaltung fand, und von dort aus weiter nach Niederrodenbach. Seit 1999 haben die Ossigs hier ihr Zuhause gefunden.Liebe zur Musik wächst„Selbstständigkeit war für mich schon immer sehr wichtig“, betont der 90-Jährige. Seine Frau steckte ihn mit ihrer Begeisterung für Musik an.Im Rahmen mehrerer Rehabilitationslehrgänge lernte er den Umgang mit Schlagzeug, Gitarre und Saxophon. Seine letzte musikalische Errungenschaft war ein sogenanntes Digitalhorn, das er aufgrund seiner Ähnlichkeit zum Saxophon ebenfalls schnell zu spielen lernte. „Die Musik gab mir neue Kraft. Sie trug wesentlich zu meiner Schicksalsbewältigung bei. Das Hobby hat mir geholfen, meine Erblindung zu ertragen."Gehör verschlechtert sich Vor zirka fünf Jahren verschlechterte sich auch das Gehör von Ossig. Um dieses nicht zusätzlich zu belasten, stellte er die Musik als Hobby zurück. Er absolvierte einen Langstock-Lehrgang, der es ihm ermöglichte, die Welt schon mal auf eigene Faust zu erkunden. „Bis zu 45 Minuten war ich alleine unterwegs.“ Seine Frau nahm es in Kauf, dass sie „auch mal um ihn zittern“ musste, wenn er alleine unterwegs war. Heute tritt er wieder etwas kürzer.Nach wie vor benutzt Ossig eine Schreibmaschine für Blinde, um Briefe zu schreiben. Weitere Alltagsgegenstände für Blinde, wie Uhren, Blutdruckmesser, ein Computer oder spezielle Skat-Karten erleichtern ihm das Leben.

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