Wahl am 1. November

Bürgermeisterwahl in Rodenbach: Fragen und Antworten der Kandidaten

Luftbild Niederrodenbach
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Am 1. November wird in Rodenbach gewählt.

Die Rodenbacher wählen am Sonntag, 1. November, einen neuen Bürgermeister. Amtsinhaber Klaus Schejna (SPD) strebt nach 18 Jahren als Rathauschef eine vierte Amtszeit an. Seine Herausforderin Marina Lehmann (Bündnis 90/Die Grünen) glaubt an ihre Chance, den Wechsel zu schaffen.

Der parteilose Kandidat Thorsten Zillinger tritt hingegen öffentlich nicht in Erscheinung, was auch die Nichtbeantwortung unserer Fragen belegt.

Das Neubaugebiet „Südlich der Adolf-Reichwein-Straße“ war in den letzten Jahren das Aufregerthema in Rodenbach. So bildete sich auch eine Bürgerinitiative, die sich – letztlich vergeblich – gegen das Projekt eingesetzt hat. Die Bebauung wird nun sukzessive umgesetzt. War das Ja des Gemeindeparlaments für das Neubaugebiet Ihrer Meinung nach richtig oder ein unverzeihlicher Eingriff in die Natur, der auch dem Gemeinde-Slogan „Natürlich Rodenbach“ zuwiderläuft?

Marina Lehmann (Bündnis 90/Die Grünen): Natürlich schadet dieses Projekt unserer Natur und läuft unserem Slogan zuwider! Zum maßgeblichen Entscheidungszeitpunkt war ich allerdings nicht in der persönlichen Verantwortung. Unter meiner Führung hätte es hier ein wesentlich besseres Ergebnis gegeben und das jetzige Dilemma wäre ausgeblieben. Ich bin froh, dass wir Grüne hier zumindest ein wenig Einfluss nehmen konnten und einige unserer Forderungen, beispielsweise die Vermeidung von Bodenversiegelung und Lichtverschmutzung, durchsetzen. Mit meiner Kandidatur kämpfe ich auch insbesondere für die Erhaltung unserer Streuobstwiese.

Klaus Schejna (SPD): Der Beschluss war richtig und konsequent, um die Gemeinde zukunftsorientiert aufzustellen. Wir brauchen Wachstum durch Neubürger und erreichen dies durch neuen Wohnraum und hohe Wohn- und Umweltqualität für junge Familien. Der Bebauungsplan spiegelt also unseren hohen ökologischen Anspruch und auch unseren Slogan „Natürlich Rodenbach“ wider. Zwei Grünachsen, die sich durch das Baugebiet ziehen, Baumpflanzungen, Brauchwasserzisternen, E-Tankstellen, das Verbot von Steingärten sowie die Reduzierung der Lichtverschmutzung sind nur einige der vielen Einzelaspekte, die hier berücksichtigt wurden.

Die Nahversorgung lässt insbesondere im Ortsteil Oberrodenbach sehr zu wünschen übrig. Dort gibt es nur noch einen Bäcker. Was wollen Sie, wenn Sie zur Bürgermeisterin oder zum Bürgermeister gewählt werden, dafür tun, um die Lebensmittelversorgung in Oberrodenbach zu verbessern?

Marina Lehmann (Bündnis 90/Die Grünen): Direkt nach meinem Amtsantritt werde ich mit den großen Lebensmittel-Discountern in den Dialog treten, um der Industrie klar zu machen, dass es hier in Oberrodenbach viele potente Bürgerinnen und Bürger gibt. Auch möchte ich die Räumlichkeiten der bestehenden Bäckerei Kunzmann ausweiten. Familie Schlie, die ihr Bestes gibt, um uns Oberrodenbachern wenigstens ein Stück weit Nahversorgung zu bieten, kenne ich gut. Wir haben bereits über eine potenzielle Erweiterung der Räumlichkeiten gesprochen. Hier wäre ein Unverpackt-Laden durchaus realisierbar.

Klaus Schejna (SPD): Das Thema Nahversorgung in Oberrodenbach beschäftigt mich schon lange. Ich bin zunächst einmal sehr froh, dass es uns gelungen ist, einen Betreiber für das Geschäft in Oberrodenbach gefunden zu haben, der tatsächlich mehr als Bäckereiprodukte verkauft, nämlich auch weitere Produkte für den täglichen Grundbedarf. Ein größeres Geschäft lässt sich innerörtlich aufgrund fehlender Flächen leider nicht realisieren und im Außenbereich ist dies planungsrechtlich schwer abzubilden. Zur Wahrheit gehört im Übrigen aber auch, dass wie in vielen anderen kleineren Ortschaften die Nachfrage für einen Betreiber, der das entsprechende kaufmännische Risiko eingehen könnte, wahrscheinlich zu begrenzt ist.

Um die Ärzteversorgung steht es ebenfalls nicht zum Besten. Ende 2019 hat in Oberrodenbach der letzte Hausarzt seine Praxis geschlossen. Wie wollen Sie nun Haus- und auch Fachärzte dafür gewinnen, sich neu in Ober- und Niederrodenbach niederzulassen?

Marina Lehmann (Bündnis 90/Die Grünen): Nachdem der jetzige Amtsinhaber dem Ärztesterben fast 20 Jahre munter zugeschaut hat und dieses zugelassen hat, wird es seine Nachfolgerin/sein Nachfolger schwer haben, diesen Missstand aufzuarbeiten. Dies verlangt einen fast übermenschlichen Einsatz. Ich bin davon überzeugt, dass es vor zwei Jahrzehnten bereits ein Leichtes gewesen wäre, hier zum Beispiel mit Grundstücksförderungen entgegenzuwirken.

Klaus Schejna (SPD): Die Gemeinde Rodenbach ist aufgrund ihrer guten Infrastruktur mit verlässlicher Kinderbetreuung, Freizeitmöglichkeiten und der Nähe zum Ballungsraum auch attraktiv für junge Ärzte. Mit dem geplanten Ärztehaus sind wir hier auf einem guten Weg, langfristig die Versorgung zu sichern und eventuell sogar auszubauen (Fachärzte). Die Gemeinde hat zudem bereits Pläne, die ehemaligen Diakonieräume in der Talstraße für Zweigstellen-Sprechstunden umzubauen. Falls die derzeitigen Verhandlungen mit einem Arzt für Oberrodenbach scheitern, werden die Pläne umgesetzt. Dieses Zweigstellenkonzept würde auch mit einem künftigen Ärztehaus im Neubaugebiet fortgesetzt werden.

Wo würden Sie als Bürgermeisterin respektive Bürgermeister ansetzen, um die Gemeinde für junge Familien attraktiver zu machen, damit sie nach Rodenbach ziehen?

Marina Lehmann (Bündnis 90/Die Grünen): Bei der Schaffung neuer und guter Wohnräume für junge Familien, die deren Ansprüchen genügen. Hier könnte eventuell das alte, sehr gut funktionierende Projekt des Sozialbaus auf Aspekte der Nachhaltigkeit geprüft werden. Auch ein Förderprogramm für Familien (mit Kindern) mit finanziellen Anreizen ziehe ich in Betracht.

Klaus Schejna (SPD): Rodenbach hat sich einen ausgezeichneten Ruf als familienfreundliche Gemeinde im Main-Kinzig-Kreis gerade auch während meiner Amtszeit erarbeitet. Der jüngste Ausbau unserer Betreuungskapazitäten mit der Kita Kinzigwichtel und dem Wald- und Naturkindergarten setzt diese Linie konsequent fort. Zudem haben wir kürzlich eine zentrale Servicestelle für Kinderbetreuung und Kindertagespflege geschaffen, die künftig zusammen mit der Jugendarbeit im geplanten Familienzentrum ihre Räume haben wird. Unser Medientreff sowie Grund- und Realschule decken den Bereich Bildung gut ab. Abgerundet wird dieses Angebot durch den hohen Freizeitwert in Rodenbach, den unter anderem unsere Vereine mit ihrem großen ehrenamtlichen Engagement gerade im Sport- und Kulturbereich bieten.

Vereine und Gewerbetreibende sind besonders stark von den Auswirkungen der Pandemie betroffen. Was würden Sie als Rathauschef/Rathauschefin unternehmen, um diesen zu helfen, Insolvenzen oder Vereinsauflösungen entgegenzuwirken?

Marina Lehmann (Bündnis 90/Die Grünen): Zunächst sollten sowohl Vereine als auch Gewerbebetreibende je nach Möglichkeit auf Rücklagen zurückgreifen. Sollten diese aufgebraucht sein, könnte die Gemeinde Übergangslösungen, zum Beispiel bei der Vermittlung von Krediten, anbieten. Auch eine beratende Funktion muss hier seitens der Gemeinde eingenommen werden.

Klaus Schejna (SPD): Unsere Hilfe für Gewerbetreibende mit zinslosen Stundungen kam umgehend und unbürokratisch! Darüber hinaus haben wir zu Bundes- und Landesprogrammen beraten. Damit schöpft die Gemeinde den bestehenden rechtlichen Rahmen voll aus. Für weitergehende – etwa finanzielle – Hilfen haben wir keine gesetzliche Grundlage. Unsere Vereine erhalten ihre üblichen Vereinszuschüsse auf Grundlage der bestehenden Vereinsförderrichtlinien. Zudem nutzen sie die gemeindlichen Räume kostenfrei – das war allerdings auch schon vor Corona der Fall! Denn gerade die Unterstützung der Vereinsarbeit ist ein wichtiger Beitrag zur Lebensqualität in unserer Gemeinde. Im Übrigen gibt es aktuell die Absicht, die eingesparten Mittel für die 50-Jahr-Feier der Gemeinde zur Kompensation von Einnahmeausfällen den Vereinen zur Verfügung zu stellen.

Trotz der Corona-Pandemie bleibt der Klimaschutz ein wichtiges Thema. Was kann in Rodenbach für den Klimaschutz und für mehr Nachhaltigkeit getan werden? Wie steht es beispielsweise um den Öffentlichen Nahverkehr?

Marina Lehmann (Bündnis 90/Die Grünen): Um unseren öffentlichen Nahverkehr steht es sehr schlecht. Oberrodenbach wurde in den letzten Jahren komplett vernachlässigt. Auch die Verbindung in Niederrodenbach ist verbesserungswürdig. Zum Beispiel müssen wir Pendler motivieren, weiterhin den ÖPNV zu nutzen, indem wir einen Bus vom Rodenbacher Bahnhof zum Hanauer Hauptbahnhof und Langenselbolder Bahnhof stellen. So kann sichergestellt werden, dass die Pendler nicht in ihr Auto steigen, um zum Beispiel nach Frankfurt zu fahren, wenn wieder die Bahn ausfällt, weil wir ihnen eine Ausweichmöglichkeit bieten.

Klaus Schejna (SPD): Klimaschutz hat in Rodenbach einen hohen Stellenwert. Konkret bedeutet dies: Energiemanagement seit 18 Jahren, Fotovoltaik auf gemeindeeigenen Liegenschaften, E-Autos im Fuhrpark, konsequente Umstellung auf LED-Beleuchtung, Erhaltung der Biodiversität durch unsere Teilnahme an „Main-Kinzig blüht“, Hochzeitswiesen mit Streuobst, Mitgliedschaften bei der AG Nahmobilität Hessen und „Hessen aktiv – die Klimakommunen“. Einen kleinen lokalen Beitrag zur Verkehrswende erhoffen wir uns mit der Einführung des Ein-Euro-Tickets für den innerörtlichen Busverkehr. Und mit der Fortschreibung des Nahverkehrsplans gilt es, den ÖPNV noch attraktiver und kundenfreundlicher zu gestalten.

Ein Kandidat, der Rätsel aufgibt und Antworten schuldig bleibt

Von Lars-Erik Gerth

An dieser Stelle hätten wir Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, gerne die Antworten des unabhängigen Bürgermeisterkandidaten Thorsten Zillinger zu den sechs Fragen präsentiert, die wichtige Rodenbacher Themen betreffen. Wie seinen Mitbewerbern, Marina Lehmann und Klaus Schejna, haben wir auch Herrn Zillinger die Fragen am 20. Oktober per E-Mail mit der Bitte zugesandt, uns seine Antworten bis spätestens 25. Oktober zuzumailen.

Während Frau Lehmann und Herr Schejna der HA-Redaktion ihre Antworten innerhalb der gesetzten Frist zukommen ließen, lag bis Montagmorgen von Herrn Zillinger keine elektronische Rückmeldung mit seinen Antworten vor. Der umgehende Versuch, ihn telefonisch zu erreichen, endete auf der Mailbox seines Handys. Die aufgesprochene Bitte, uns die Antworten doch so schnell wie möglich zuzusenden, blieb genauso ungehört wie der zweite Versuch gestern Vormittag. Die letzte Frist, uns die Antworten bis 13 Uhr zuzumailen, verstrich so ohne elektronische oder telefonische Reaktion durch den Kandidaten.

Wir bedauern das sehr, denn wir hätten insbesondere den HA-Lesern in Rodenbach gerne die Möglichkeit geboten, die Aussagen aller drei Bewerber zu den wichtigen Themen in der 11 500-Einwohner-Gemeinde vergleichen zu können.

Nicht ohne Grund hatten wir am 17. Oktober unseren Artikel über Thorsten Zillinger mit dem Titel „Der bislang unbekannte Kandidat“ überschrieben, denn der 29-Jährige war nach Bekanntwerden seiner Nominierung Anfang März in der Folge öffentlich nicht in Erscheinung getreten. Auch brauchte es geraume Zeit und mehrere Versuche, bis es endlich zweieinhalb Wochen vor der Wahl zu dem HA-Redaktionsgespräch kam.

Es stellt sich die Frage, wieso jemand ein so wichtiges öffentliches Amt wie den Posten eines Bürgermeisters anstrebt, wenn er gleichzeitig die Öffentlichkeit meidet. Und das mitten im Wahlkampf. Für uns unerklärlich und fast schon respektlos.

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