Interview: Bestseller-Autor Daniel Speck zu Gast im Bürgertreff Oberrodenbach

Ein Koffer voller Familiengeheimnisse

Menschen und Geschichten: Daniel Speck liest im Bürgertreff aus „Jaffa Raoad“.
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Menschen und Geschichten: Daniel Speck liest im Bürgertreff aus „Jaffa Road“.

Die berührende und spannende Geschichte einer Suche nach Völkerverständigung zwischen Deutschland, Israel und Palästina, in deren Zentrum ein Mann und drei Familienangehörige aus drei verschiedenen Kulturen und Lebenswelten stehen, erzählt Daniel Speck in seinem neuen Buch „Jaffa Road“. Nun war der Bestseller-Autor auf Einladung des Medientreffs in Oberrodenbach zu Gast und las aus seinem Buch.

Rodenbach – Wir haben den Autor im Rahmen der Lesung zum Interview gebeten.

Herr Speck, gibt es ein Leitthema in ihren Romanen?
Es geht immer um das Geschichtenerzählen, um Menschen die sich gegenseitig Geschichten ihrer Familie erzählen.
Und von welchen Geschichten handelt „Jaffa Road“?
Im Mittelpunkt steht die Geschichte des Exildeutschen Moritz Reincke über drei Generationen, der im Laufe seines Lebens drei Familien hat, die einander nicht kennen. „Jaffa Road“ beginnt damit, dass sich drei Erben dieses Mannes, der unter mysteriösen Umständen umgekommen ist, in seiner Villa in Palermo treffen. Diese drei Menschen kommen aus unterschiedlichen Ländern sowie Kulturen – eine christliche Deutsche, ein muslimischer Palästinenser und eine jüdische Israelin – und müssen nun wie Puzzleteile sein Leben zusammensetzen, das der einzelne jeweils nur aus der Perspektive seiner Mutter kennt. Denn Moritz hatte drei Frauen in seinem Leben, mit denen er auch Kinder hatte. Den geschichtlichen Rahmen bildet die Nachkriegszeit und den Konflikt zwischen Palästinensern und Israelis.
Was berührt sie besonders an Familiengeschichten, was macht diese für Sie so spannend?
In „Jaffa-Road“ ist es das transgenerationale Gedächtnis beziehungsweise . Trauma, für das ich als Metapher den Koffer gefunden habe, der sich auch als Illustration auf dem Buchcover zu sehen ist. Der Koffer ist ein Sinnbild für die Geschichten unserer Vorfahren, die wir mit uns tragen. Auch die drei Menschen in der Villa müssen sich ihres Koffers bewusst werden, diesen bildhaft auf den Tisch stellen, öffnen und sich gegenseitig die Geschichten ihrer Mütter erzählen. Nur so kann es ihnen gelingen, die eigenen Leerstellen in ihren Geschichten, auch zwischen den Völkern, zu füllen. Denn die Leerstellen des einen sind hier meist die Verletzungen des anderen.
Sie schreiben diesen Roman aus den verschiedenen Perspektiven der drei Erben, wechseln im Lauf der Geschichte dadurch mehrfach den Blickwinkel. Warum?
Das Multiperspektivische daran interessiert mich, dass jeder von den dreien eine Sicht auf die Wahrheit hat. Ich habe die Figuren so geschrieben, indem ich mich möglichst empathisch in sie hineinversetzt habe unter der Fragestellung: was würde ich an deren Stelle tun. Meine Figuren erleben im Roman aber die gleiche Geschichte aus ganz unterschiedlichen Perspektiven. Gerade beim Thema Nahost gibt es ja die Perspektive der Palästinenser oder die der Israelis, die sehr unterschiedliche Narrative haben.
In ihrem Roman findet sich folgende Textstelle: „Wer die ganze Wahrheit wissen will, muss dem eigenen Gedächtnis misstrauen und sich selbst in der Erinnerung der anderen suchen.“ Stellt sich die Frage nach der Subjektivität unseres Gedächtnisses?
Das Glück des einen ist manchmal das Unglück des anderen, also frage ich mich, inwiefern ist unsere Erinnerung verlässlich? Denn jeder hat seine eigenen Scheuklappen, bedingt durch das eigene Narrativ. So müssen die drei Erben in dem Haus auf Sizilien dem jeweils anderen zuhören, um herauszufinden, was die Wahrheit ist - also die eigene Geschichte aus der Perspektive des anderen erleben. Und es steht, gerade zwischen dem muslimischem Palästinenser und der jüdischen Israelin, die Frage im Raum, ob im Laufe der Gespräche Empathie entsteht: Kann es so etwas wie eine Annäherung geben durch Erzählen und Zuhören? Sind wir eine Familie oder nicht?
Wie recherchieren Sie Ihre Sujets?
Ich habe immer zwei Recherche-Stränge, zum einen die wissenschaftliche internationale Fachliteratur, um Fakten zusammenzutragen. Zum anderen habe ich einige Wissenschaftler auch vor Ort getroffen, um noch genauere Fragen zu stellen. Der andere Strang sind die „normalen Leute“, die mich erzählerisch viel mehr interessieren. Ich begebe mich also an die Orte, wo meine Romane spielen und spreche dort mit den Menschen, höre mir ihre Familiengeschichten an und schaue, wie diese Geschichten mit dem korrespondieren, was die Historiker in Archiven gefunden haben. Daraus entsteht dann der Hintergrund für meine Romanhandlung.
Eine sehr intensive und zeitaufwendige Recherche vorab also…
. . . ja. Aber das macht auch Sinn, gerade bei einem Thema, wo es sehr viel Halbwissen und Halbwahrheiten gibt, um wirklich fundiert zu arbeiten.
Wie sehen Sie ihren Protagonisten Moritz in dieser Geschichte?
Ganz allgemein, ohne zu viel zu verraten: Moritz ist ein Mann, der immer versucht, unsichtbar zu bleiben, sich vor seiner eigenen Biografie zu verstecken und trotzdem das Richtige zu tun und sich dabei aber neu in Schuld verstrickt und so Menschen verletzt.
Was bedeutet Heimat für Moritz?
Er ist immer auf der Suche nach einem Zuhause und immer wenn er dies meint, gefunden zu haben, zerrinnt es ihm zwischen den Fingern und er muss ein neues suchen – ein moderner Odysseus.
Sie haben ja bereits als Drehbuchautor gearbeitet. Haben Sie schon an eine Verfilmung von „Jaffa Road“ gedacht?
Ich würde gerne aus diesem Roman eine Serie machen. Es bietet sich hierfür an, weil jedes Kapitel wie die Folge eine Serie geschrieben ist inklusive Spannungsbogen und „Cliffhanger“.

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