Tierarzt

Neues Konzept: Bei Steffen Ziesing bleiben die Besitzer vor der Tür, während die Tiere behandelt werden

Aus der Praxis: Auszubildende Sofia Alijia und Tierarzt Steffen Ziesing untersuchen Hund Poppy, während die Besitzer vor der Tür warten.
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Aus der Praxis: Auszubildende Sofia Alijia und Tierarzt Steffen Ziesing untersuchen Hund Poppy, während die Besitzer vor der Tür warten.

Das Risiko, seine Haustiere mit Covid-19 anzustecken, ist nach heutigem Erkenntnisstand eher gering. Dennoch hat der Rodenbacher Tierarzt Steffen Ziesing mit eines der strengsten Hygienekonzepte entwickelt. Seit Mitte März hat kein Patientenbesitzer die Praxis in der Straße Vorm Stichel in Niederrodenbach betreten.

Rodenbach –„Tierarzt Drive-in“, nennt Ziesing sein Konzept, bei dem die Tiere vor der Praxis in Empfang genommen werden. Zuvor muss allerdings eine telefonische Anmeldung unter z 06184 990595 erfolgt sein. Die Besitzer müssen, solange die Behandlung dauert, vor der Tür warten. Viele setzen sich dann in ihr Auto. Falls Gesprächsbedarf besteht, können die Besitzer die Behandlung auch per Videokonferenz mitverfolgen. „Das klappt erstaunlich gut“, freut sich der 53-jährige Kleintierarzt. „Die Tiere sind so viel entspannter, wenn der Besitzer nicht dabei ist.“ Denn die Anspannung der Bezugspersonen würden sich oft auf die Tiere übertragen und deren Beschützerinstinkt aktivieren.

„Wir haben hier einen Rhodesian Rigdeback, der ließ sich seit drei Jahren nur mit Maulkorb behandeln. Jetzt klappt das auch ohne ganz locker“, gibt Ziesing ein interessantes Beispiel. Die meisten Tierbesitzer fänden die Regelungen in Ordnung: „Nur wenige haben bisher Termine abgesagt. Durch die strengen Regeln haben wir stattdessen viele neue Kunden gewinnen können. Wer keine Angst haben will, angesteckt zu werden, kommt auch gerne hierher.“

Strengen Regeln beim Tierarzt werden mit seiner Stellung als „Einzelkämpfer" begründet

Die strengen Regeln begründet Ziesing mit seiner Stellung als „Einzelkämpfer“: „Wenn hier ein Fall auftritt, dann ist die Praxis für mindestens 14 Tage dicht. Zum einen habe ich die Verantwortung gegenüber meinen Mitarbeitern, aber auch gegenüber meinen Patienten. Zum anderen wären zwei Wochen Verdienstausfall einfach tragisch.“ Wenn Besitzer mit in die Praxis kämen, müsse er volle Schutzausrüstung tragen, was die Tiere auch verschrecken könnte. „Ohne die Anwesenheit von Herrchen oder Frauchen reicht ein einfacher Mundschutz aus und ich kann wie gewohnt mit den Tieren umgehen und kuscheln.“ Nicht jeder Tierarzt habe derart strenge Regeln. Aber er habe auch schon von Praxen gehört, die geschlossen werden mussten. „Die haben sich dann schon geärgert“, berichtet Ziesing.

Obwohl eine Übertragung von Mensch auf Tier so gut wie nicht stattfände, gebe es doch einige Fälle. „Wenn so etwas passieren sollte, muss die Katze oder der Hund natürlich auch in Quarantäne. Veterinäramt und Gesundheitsamt müssen informiert werden. Die Ansteckung von Tier zu Tier ist möglich. Von Tier zu Mensch aber eher unwahrscheinlich. Die Viren hätten auf dem Fell keine große Überlebenschance“, erläutert der Tierarzt.

Auch Tiere könnten auf Corona getestet werden

„Wenn der Besitzer positiv auf Covid-19 getestet ist und das Haustier Symptome wie Atemwegserkrankungen und Durchfall zeigt, wird natürlich getestet“, so Ziesing. Sein Labor habe mittlerweile über 5000 Tests gemacht und kein einziger davon sei positiv gewesen. Dennoch sei es wahrscheinlicher, dass ein Tier an einer anderen Krankheit leide. Allerdings müsse man auch bedenken, dass sich der Erkenntnisstand zu dem Virus jeden Tag ändern könne.

Eigentlich hätte der „Rodenbacher Dorftierarzt“, als der sich Ziesing selbst bezeichnet, vor wenigen Tagen sein 25-jähriges Jubiläum mit einem großen Hoffest und Tag der offenen Tür gefeiert. Geplant war auch eine große Tombola, deren Erlös einem gemeinnützigen Zweck zugutegekommen wäre. Bei der Feier des 20-jährigen Bestehens konnte die Praxis durch die Einnahmen daraus die Patenschaft für einen Luchs in der Alten Fasanerie übernehmen. „Aber wir holen das in fünf Jahren nach.“

Seit mittlerweile 15 Jahren befindet sich Ziesings Praxis in der Straße Vorm Stichel, davor behandelte er die Tiere in Räumlichkeiten an der Bahnhofstraße. „Mit Operationsraum im Gewölbekeller,“ wie er sich schmunzelnd erinnert.

Tierarzt war schon als Kind von Tieren fasziniert

Schon als kleiner Junge war Steffen Ziesing fasziniert von Getier aller Art. Jede kranke Katze wurde eingesammelt, mit dem Vater zusammen Tauben gezüchtet und mit 14 Jahren hatte er sogar ein eigenes Pferd. Als dieses erkrankte, wollte er unbedingt Pferdearzt werden. „Allerdings stellte sich schnell raus, dass es angenehmer ist, im Winter in einem beheizten Operationsraum zu stehen als mit nacktem Oberkörper hinter einem Pferd im Freien“, so Ziesings stichhaltige Erklärung, warum er dann den Weg zum Kleintierarzt eingeschlagen hat.

Mittlerweile habe er viele Patienten „von der ersten bis zur letzten Spritze begleitet“ und ist Dorftierarzt aus Leidenschaft. Seine Patienten bestehen aber längst nicht nur aus Katzen, Vögeln und Hunden: „Klar kommt auch mal eine Vogelspinne oder ein Waran, aber für solche Exoten gibt es Spezialisten.“ Wildtiere wie Falken oder Kaninchen habe er öfter einmal in der Praxis. Als jemand von einem gastierenden Zirkus einmal Hustensaft für einen Schimpansen brauchte, aber kein Affe zu sehen war, bekam Ziesing allerdings Zweifel an der Echtheit dieser Geschichte.

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