Corona-Lockerungen

Kritik an der vollständigen Öffnung der Grundschulen: Eltern reagieren mit Brief an Kultusminister Lorz

Kultusminister Alexander Lorz (CDU) steht wegen der vollständigen Öffnung der Grundschulen in der Kritik. Einige Eltern haben nun mit einem Brief reagiert.

  • Am Montag soll der Regelbetrieb in Grundschulen wieder aufgenommen werden
  • Kultusminister Alexander Lorz (CDU) steht deswegen in der Kritik
  • Eltern haben nun mit einem Brief reagiert.

Die Entscheidung von Kultusminister Alexander Lorz (CDU), an den hessischen Grundschulen ab Montag, 22. Juni, wieder zum normalen Präsenzunterricht an fünf Tagen zurückzukehren, wie er vor dem Lockdown üblich gewesen ist, wird von vielen Eltern und Lehrern kritisch gesehen

Das gilt auch für die Adolf-Reichwein-Schule in Rodenbach. Unter deren Dach gehen etwa 400 Kinder in die Grundschule und weitere rund 300 Mädchen und Jungen besuchen die Förderstufe beziehungsweise die angeschlossene Haupt- oder Realschule. Thorsten Schuster, der Vorsitzende des Schulelternbeirats, hat nun einen offenen Brief an Lorz geschickt, in dem er die Bedenken der Rodenbacher Eltern zur geplanten vollständigen Öffnung aller Grundschulen darlegt, die sie für zu risikohaft halten. 

Kritik vom Schulleiter: Informationen zu Schließungen und Öffnungen immer sehr kurzfristig

Über sein Vorgehen hatte Schuster zuvor Schulleiter Ulrich Vormwald informiert, der auf HA-Nachfrage Verständnis für die besorgten Eltern zeigt. Zugleich hätte er sich einen deutlich längeren Zeitraum zwischen der Mitteilung, an den Grundschulen wieder zum normalen Unterricht zurückzukehren, und dem Tag der Öffnung gewünscht. „Diese Informationen zu Schulschließungen und -öffnungen erfolgen während der Corona-Krise in Hessen leider immer sehr kurzfristig, was uns an den Schulen die Planungen nicht leichter macht“, so Vormwald. 

Die vollständige Öffnung der Grundschulen stößt auf heftige Kritik.

Zugleich spricht er seinem Kollegium ein großes Lob aus, das in der Corona-Krise bisher hervorragende Arbeit geleistet habe, zum Teil auch während der Osterferien, an Wochenenden und Feiertagen im Einsatz gewesen sei, um die Notfallbetreuung zu realisieren und die Schüler mit Lernmaterialien zu versorgen. Dabei habe es sich auch als Vorteil erwiesen, dass die Reichweinschule im Main-Kinzig-Kreis zu den Projektschulen in Sachen Digitalisierung zählt. Entsprechend stehe seine Schule beim Homeschooling gut da. „Wir haben bisher auch viele positive Rückmeldungen der Eltern erhalten, die sich bezüglich des Homeschoolings gut bei uns aufgehoben fühlen“, freut sich Vormwald. 

Lorz steht wegen der Öffnung der Grundschulen in der Kritik

Weniger gut sind die Eltern der Reichweinschule hingegen auf den Kultusminister zu sprechen, wie Schulelternbeiratsvorsitzender Schuster in seinem offenen Brief an Lorz schreibt. In diesem heißt es unter

Thorsten Schuster ist Vorsitzender des Schulelternbeirat der Reichweinschule in Rodenbach bei Hanau.

anderem: „Natürlich ist es richtig, den berufstätigen Eltern helfen zu wollen, deshalb ist der Ausbau der Notbetreuung unumgänglich. Es ist aber nicht in Ordnung, dass Lehrkräfte und Schülerinnen und Schüler zu Versuchskaninchen gemacht werden. Sie haben diesen Aspekt der Öffnung der Grundschulen in Ihrem Interview mit der ‘Frankfurter Rundschau’ vor dem Hintergrund des epidemiologischen Erfahrungsgewinns als ‘spannend’ bezeichnet. Als Kultusminister sollten Sie aber primär die Interessen der Schulen, Eltern und Schüler vertreten. Nicht die Interessen der Virologen sollten im Vordergrund stehen, sonst wäre diese Schulöffnung nichts als ein gigantischer Feldversuch.“ Schuster weist ebenso auf mögliche Folgen für Schüler, Lehrer und deren Familien hin, in dem er ausführt: „Denken Sie bitte auch an die Familien, die sich auf den lang ersehnten Urlaub freuen und mit dieser erweiterten Schulöffnung vor den Ferien in den Grundschulen das Risiko einer Zwangsquarantäne zu Beginn der Ferien eingehen.“ 

Laut des Schulelternbeiratsvorsitzenden begrüße die Elternschaft auch an der Adolf-Reichwein-Schule die Weiterentwicklung der Schulöffnungen, die sich möglichst nahe am Regelbetrieb orientiert. „Aber diese Änderungen sollten behutsam angegangen werden, sicher nicht überstürzt alleine in der Grundschule vor den Ferien“, so Schusters Kritik an diesem Schnellschuss aus Wiesbaden. Schuster erinnert daran, dass die vergangenen Wochen sowohl für die Schülerschaft, die Eltern als auch die Lehrkräfte „eine sehr aufregende und auch sorgenvolle Zeit“ gewesen seien. „Seit einigen Wochen ist nun auch an unserer Schule ein Stück Normalität eingekehrt“, so Schuster weiter, der davon spricht, dass sich „gemeinsam eine gute Lernbalance und auch emotionale Stabilität entwickelt“ hätten. 

Kritik an der Öffnung: „Warum wird diese Stabilität kurz vor den Ferien riskiert und aufs Spiel gesetzt?“

Deshalb fragten sich an der Rodenbacher Schule viele: „Warum wird diese Stabilität kurz vor den Ferien riskiert und aufs Spiel gesetzt?“ Stattdessen würden die Kinder und die Lehrkräfte nun wieder emotional und psychisch so angegriffen und stark aus der Bahn geworfen. Entsprechend stellt Schuster für die Elternschaft der Reichweinschule klar: „Die Schulen benötigen im Moment besonders Verlässlichkeit und Stabilität und keine Experimente, die kaum pädagogisch zu begründen sind.“ Abschließend spricht er in seinem Brief an den Kultusminister das konkrete Problem der Reichweinschule an, dass sie sowohl Grund- als auch weiterführende Schule ist und es derzeit für die älteren Schüler noch keine Rückkehr zum normalen Regelunterricht gibt. Somit stelle sich die Frage: „Wie soll man Schülerinnen und Schülern und deren Eltern, auch der Lehrerschaft erklären, dass an einem Schulstandort zwei unterschiedliche Hygienestandards gelten?“ 

Ulrich Vormwald verweist derweil auf Zeitungsberichte, wonach sich die von Lorz angeführte Studie aus Baden-Württemberg, nach der Kinder weniger infektiös als Erwachsene seien, auf schwachem Fundament bewege. Und auch der bekannte Virologe Christian Drosten sei der Ansicht, dass es keinen Unterschied bei der Infektiosität von Kindern und Erwachsenen gebe. Dessen ungeachtet halte man sich an die Weisung aus Wiesbaden: „Die Planung steht und die Vorbereitungen laufen, um unseren Grundschulbereich am 22. Juni komplett für den Regelunterricht öffnen zu können.“ 

Schuster denkt, dass die Kritik kein Umdenken beim Kultusminister bei der Öffnung der Grundschulen bewirke

Thorsten Schuster glaubt derweil nicht daran, dass sein offener Brief beim Kultusminister für ein Umdenken sorgen wird. „Wir wollten damit aber ein Zeichen setzen, dass wir die Entscheidung nicht unwidersprochen hinnehmen“, streicht der Elternbeiratsvorsitzende die Beweggründe für das Schreiben heraus. Er habe allerdings bereits die Rückmeldung von einer ganzen Reihe von Eltern, denen das Risiko einfach zu groß sei und die deshalb ihre Kinder am Montag nicht in die Grundschule der Adolf-Reichwein-Schule schicken würden.

Rubriklistenbild: © Pixabay (Symbolbild)

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