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Prädikant aus Leidenschaft

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Mit Bembel und einem Bembel Brunnenwasser; Bernd Schminke in seinem Ferienhäuschen. Foto: Breyer
Mit Bembel und einem Bembel Brunnenwasser; Bernd Schminke in seinem Ferienhäuschen. Foto: Breyer

RODENBACH.  Die Fliege ist sein Markenzeichen. Und die trägt Bernd Schminke auch unter dem Talar. Denn der 57-Jährige ist ehrenamtlicher Prediger. Seit 16 Jahren hält er Gottesdienste, er traut, tauft und gestaltet Trauerfeiern.

Von Reinhard Breyer

Wir treffen Schminke in seinem Wochenendhäuschen in Oberrodenbach. Dort kann er sich von der Hektik des Berufslebens als Projektleiter in einer Frankfurter Medien-Agentur entspannen und auf sein Ehrenamt vorbereiten. In den Bücherregalen stehen gesammelte Werke großer Philosophen und Theologen von Schopenhauer, Nietzsche und Kierkegaard, dazwischen fällt das Buch „Kriminalgeschichte des Christentums“ auf.Schminke stammt aus Nordhessen. Der Familien-Stammbaum lässt sich 450 Jahre zurückverfolgen. Seine Vorfahren lebten überwiegend von der Landwirtschaft, doch einige schlugen die theologische Laufbahn ein, wurden evangelisch-reformierte Pfarrer. Traditionell übernahm der älteste Sohn den Hof, so auch bei den Schminkes.Schon früh war Bernd Schminke fasziniert von Gottesdiensten, von der Schönheit und dem Reichtum der Bibel. Nach dem Abitur am Humanistischen Gymnasium in Kassel absolvierte er eine kaufmännische Lehre, wurde Prokurist.Dann holte ihn die Theologie wieder ein. Er studierte in Marburg und Basel; aus alter Verbundenheit schmückt eine Schweizer Flagge sein Gartengrundstück. In unzähligen Gesprächen mit Vertretern vieler anderer Glaubensrichtungen, von den Zeugen Jehova über Mormonen und Moon ging man religiösen Fragen auf den Grund. Diese Neugier an den unterschiedlichsten religiösen Strömungen und der Wunsch nach Austausch sind ihm bis heute erhalten geblieben.

Herzlichkeit in MaliEnde der 70er Jahre arbeitete Schminke an einem Jugendzentrum mit, stellte mit Kommilitonen ein tolles Projekt auf die Beine, wie er sagt, wurde Tutor. Mehrfach war er während des Studiums in Westafrika (Mali) und lebte in Bamako bei einer einheimischen Familie. Dort erlebte er eine Gastfreundschaft und Herzenswärme, von der er heute noch schwärmt. Vielleicht sei durch die Erfahrungen, die er in Mali machte, bei ihm auch das starke Interesse an das ganz Andere entwickelt worden, glaubt er. Der Kontakt zu „seiner“ malischen Familie bestehe auch heute noch.Es waren damals sehr starke Jahrgänge, die nach den wilden 68er Jahren an die Unis strömten, um Theologie zu studieren. Politisch waren sie in Marburg meist rot und grün gesinnt. „Vielleicht wäre er in den kirchlichen Dienst gegangen. Doch ihm fehlte der Esprit des Ganzen. Die Stellen waren ohnehin rar, es drehte sich zu viel um das Verwalten. Die Perspektiven für Theologie als Broterwerb fehlten ihm, sagt er in der Rückschau. Deshalb der Wechsel in einen handfesten Beruf. In einem Marburger Pressehaus wurde Schminke Projektleiter.Ende der 90er Jahre siedelte er sich in Rodenbach an. Hier fühlt er sich mit seiner Familie wohl, er warf auch kommunalpolitisch seinen Hut in den Ring und ist seit 2010 Vorsitzender des CDU-Ortsverbandes.Und wieder wurde eines Tages das Interesse für die Religion geweckt. Er besuchte Wochenendseminare der Evangelischen Landeskirche Kurhessen-Waldeck in Hofgeismar, schloss mit einer Arbeit über die Bergpredigt ab und ist seit nunmehr 16 Jahren Prädikant. Schminke geht gerne in Altenheime, redet mit kranken und alten Menschen, schenkt ihnen Zeit und Zuwendung. Im St. Vinzenz-Krankenhauses hält er Gottesdienste. Sein „Kerngebiet“ aber ist Rodenbach. Dort hält er immer wieder Gottesdienste und er ist froh über einen gewissen Grad der Unabhängigkeit, die ihm dieses Ehrenamt bietet. Schminke will kein strohtrockener Theologe sein. Er tritt den Mitmenschen gerne mit Herzlichkeit und Humor entgegen, grüßt gerne auch Fremde auf der Straße. „Ich darf sein, wie ich bin, das ist doch eine fantastische Sache.“

Tätigkeit erfülltSeine Gottesdienste will der Prediger lebendig gestalten. Er möchte, dass sich die Menschen angesprochen fühlen. Leicht und unverbindlich nach dem Motto „Wir haben uns alle lieb“ will er allerdings nicht „rüberkommen“, betont er.Seiner Erfahrung nach brauchen die Menschen immer etwas Übergeordnetes, an das sie glauben. „Der Mensch ist ein Beziehungswesen. Das betrifft auch den Bezug zu Gott. Wenn ich keine Gottesbeziehung habe, dann muss ich letztlich mit dem Nichts leben.“ Und er fügt hinzu: „Die Beziehung zu Gott kann nicht erst am Ende des Tages aufgebaut werden.“In diesem Sinne will der Prädikant wirken und auf seine Mitmenschen zugehen. Seine Tätigkeit erfüllt ihn. Die Aufwandsentschädigung, die er für seine Dienste erhält, ist für ihn Nebensache, wie er betont. Und die Vorbereitung auf Predigten stellt für ihn eine Herausforderung dar, der er sich gerne stellt.

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