WALDGESCHICHTEN: Wo ist das ganze Holz hin?

Rodenbacher Revierförster Nils Koch erzählt, wie er den Fortbestand des Waldes sichert

Neben der abgeschlagenen Eiche wachsen viele neue Sämlinge.
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Neben der abgeschlagenen Eiche wachsen viele neue Sämlinge.

Auch in diesem Sommer setzt unsere Zeitung in Kooperation mit dem Forstamt Hanau-Wolfgang die beliebte Waldserie fort. Heute starten wir in die neue Reihe, die in diesem Jahr unter dem Motto „Waldgeschichten“ steht. Ziel ist es, den Lesern das Thema Wald durch persönliche Geschichten mit Förstern und anderen Mitarbeitern von Hessen Forst näherzubringen.

Rodenbach – Während manch einer betrübt den Blick auf die dunklen Regenwolken richtet und sich die warme Maisonne herbeiwünscht, geht dem Rodenbacher Revierförster Nils Koch das Herz auf. „Vor allem die Regenschübe sind optimal für den Wald“, freut sich der 27-Jährige. „Die letzten Jahre waren aufgrund der langen Trockenperioden sehr, sehr schwierig. Im Frühjahr, vor allem im April, werden die neuen Bäume gepflanzt und die brauchen viel Wasser. Das Wetter gerade ist optimal.“

Koch, der gebürtig aus der Wetterau stammt, hat in Eberswalde bei Berlin Forstwirtschaft studiert und arbeitet seit dem Abschluss für das Land Hessen. Bevor er 2019 in die Revierförsterei Rodenbach wechselte, war er unter anderem in Schotten tätig.

Vielfalt an Baumarten

„Im Gegensatz zu meinen vorherigen Gebieten gibt es hier im Wald viel Publikumsverkehr“, sagt Koch schmunzelnd auf die Frage, wie es ihm in Rodenbach gefalle. Daran habe er sich erst mal gewöhnen müssen. In wettertauglicher Förstertracht steht Koch in einem Abschnitt des 1400 Hektar großen Gebietes, welches die Rodenbacher Revierförsterei betreut, und schwärmt von seinem Arbeitsplatz: „Im Rodenbacher Wald gibt es eine unglaubliche Baumartenvielfalt, fast alle Baumarten sind hier zu finden“, und fügt hinzu: „Leider mit ihnen auch fast alle Schädlinge, aber es ist sehr abwechslungsreich.“

Mit einladender Handbewegung weist er auf ein Waldstück hin: „Diesen Bereich nennt man ‘Die Leheren’. Er ist im Besitz des Landes Hessen. Hier findet sich ein Eichen-Buchen-Mischbestand.“ Vor allem die Eiche ist eine begehrte und robuste Baumart, daher kam bereits vor 15 Jahren die Frage auf, wie die alten Eichen im Bestand verjüngt werden könnten. Da die Buche ein Schattenbaum ist, die Eiche hingegen viel Licht benötigt, um zu wachsen, greift hier der Förster ein und drängt die Buche punktuell zurück, sodass die natürliche Verjüngung genügend Licht bekommt und auf eine aktive Pflanzung verzichtet werden kann.

Verjüngung der Eichenbestände als Ziel

„Die Bäume werden hier über 200 Jahre alt, sie können sich nicht so schnell an die sich verändernden klimatischen Bedingungen anpassen. Die Eiche würde es auf natürliche Weise nicht schaffen, sich zu verjüngen, da die Buche noch sehr konkurrenzstark ist“, sagt Koch. Das Ziel seien aber eichendominierte Mischbestände, da die Eiche in Zukunft auf den Standorten mehr Potenzial hat. „So, wie sich das Klima entwickeln wird, wird die Eiche mehr ins Optimum kommen und die Buche verlieren, allein schon wegen der enormen Wassermenge, die die Buche zum Wachsen benötigt.“ Um dennoch nicht nur auf ein Pferd zu setzen, pflanzt Koch im Wald zudem derzeit gezielt Baumarten wie die Tanne, Esskastanie oder die Vogelkirsche als Mischbaumarten.

Die Trockenperioden der vergangenen Jahre haben die Bäume stark geschädigt und die Schädlinge tun ihr übriges. „Wir rennen den Schädlingen förmlich hinterher und verkaufen fast nur noch die Bäume, die kaputt gehen.“ Früher wurden gesunde Bäume für den Verkauf genutzt, die ihre Zielstärke erreicht haben, also einen bestimmten Durchmesser. „Da kommen wir oft nicht mehr hin“, sagt Koch knapp.

Sieben Eichen wurden im letzten Jahr verkauft

Auch in dem Waldstück, in dem wir heute unterwegs sind, werden derzeit nur die Bäume für den Verkauf genutzt, die nicht mehr vital sind. Im vergangenen Jahr waren es insgesamt nur sieben gesunde Eichen, die vermarktet wurden.

Doch was wird aus den Rodenbacher Eichen? „Die hochwertigen Stämme werden zur Submission gebracht“, antwortet Koch. „Das ist eine Art Versteigerung, die im Forstamt Schlüchtern erfolgt. Jedes Revier liefert ausgewählte Stämme, die dort angeboten werden.“

Französischer Wein reift in Rodenbacher Eiche

Auf diese Weise können höhere Preise für das Holz erzielt werden und Käufer, die nach ganz bestimmten Eigenschaften des Holzes suchen, werden fündig. Doch es sei nicht so, dass ein Käufer einen ganzen Baum kaufe. Die Bäume werden in der Regel in drei Teile aufgeteilt und unterschiedlichen Verwendungen zugeführt: In den unteren Teil mit dem astfreien Stammholz, dann folgt der mittlere Baumstamm mit dem astigen Stammholz, welches das klassische Sägeholz ist, und zum Schluss die Baumkrone.

100 Brennholzbestellungen pro Jahr

„Das astfreie Stammholz hat in diesem Fall ein Furnierwerk in Lohr am Main erworben, das damit Möbel verkleidet“, zählt Koch auf. „Weitere Stämme des unteren Eichenteils erwarben ein Fassholzhersteller aus Frankreich und ein weiteres Furnierwerk aus Nordrhein-Westfalen.“ Das astige Stammholz ging gebündelt an ein Sägewerk ebenfalls in Nordrhein-Westfalen und das Holz der Krone kauften regionale Brennholzkunden aus Rodenbach. „Über 100 Brennholzbestellungen habe ich pro Jahr“, merkt Koch an.

Im Gegensatz zu Nadelhölzern erziele die Eiche konstant hohe Preise. „Der Erlös der sieben Eichen lag insgesamt bei 20 000 Euro“, fasst der junge Förster zusammen. „Das entspricht 600 Euro pro Festmeter.“

Trockenheit und Schädlinge mindern Wert erheblich

Aus Spaß habe Koch auch mal ausgerechnet, wie viel die Bäume wert wären, wenn sie der Trockenheit oder dem Eichenkernkäfer zum Opfer gefallen wären: „Da wären wir dann bei 60 bis 80 Euro pro Festmeter. Der Entwertungsprozess kann innerhalb eines Jahres erfolgen.“ Schadhölzer, die entnommen werden müssen, beispielsweise die Fichte, würden meist in der Region verkauft. „Was regional an Holzindustrie da ist, wird auch beliefert.“

Abgestorbene Bäume sind perfekte Nistplätze

Doch was ist mit den anderen Bäumen, die gefällt am Wegrand des Waldes oder von Straßen liegen? „Die wurden im Rahmen der Verkehrssicherungsmaßnahmen gefällt“, sagt Koch. 20 Prozent seiner Arbeit bestehe mittlerweile darin zu schauen, wo Gefahren von Bäumen ausgehen und diese zu beseitigen. Abgestorbene Bäume bleiben, wo es vertretbar ist, aber bewusst stehen und bieten perfekte Nistplätze für Spechte und andere Tiere. „Die Spechtpopulation geht mittlerweile bei uns durch die Decke“, sagt Koch lachend.

Forstwirtschaft sichert Waldbestände

Seit 300 Jahren setzt die Forstwirtschaft Hessen auf Nachhaltigkeit. „Es wird grundsätzlich weniger genutzt als das, was nachwächst. Deutschland hat in Europa die strengsten Auflagen, was Waldbewirtschaftung und die Nutzung von Holz betrifft.“ Dennoch müsse seitens der Forstwirtschaft weiterhin gezielt in die Waldbestände eingegriffen werden, um diese zu erhalten und Großschadenslagen zu verhindern.

Nils Koch blickt ehrfürchtig auf die ihn umgebenen Sämlinge: „Die Eichen, die ich hier fördere, werde nicht ich, nicht mein Nachfolger und auch nicht dessen Nachfolger voll ausgewachsen sehen. Die Arbeit, die ich hier leiste, wird erst in weit über 100 Jahren sichtbar.“ Und könnten die alten Eichen in den „Leheren“ sprechen, hätten sie viele Geschichten zu erzählen. (Von Patricia Reich)

Fotowettbewerb – Schicken Sie uns Ihren schönsten Waldmoment

Unsere Zeitung und das Forstamt Hanau laden die Leserinnen und Leser herzlich dazu ein, uns ein Foto ihrer schönsten Waldmomente per E-Mail an hanau@hanauer.de zu schicken. Der Fotowettbewerb läuft begleitend zu unseren Waldgeschichten den ganzen Sommer über. Einsendeschluss ist Sonntag, 5. September. Eine Auswahl der eingeschickten Fotos werden wir auf einer Bilderseite abdrucken. Zudem werden die drei schönsten Aufnahmen belohnt: Den Gewinnern, die mit maximal sechs Familienmitgliedern teilnehmen können, winkt ein geführtes Walderlebnis an einem Familienwandertag, veranstaltet vom Forstamt Hanau-Wolfgang. (kb)

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