Mysteriöser Überfall in Rodenbacher Wohnung

Das Schweigen der Zeugen

Schläge gestanden, Motiv im Dunkeln: Ein mysteriöser Überfall in Niederrodenbach ist am Mittwoch vor dem Hanauer Landgericht nur zum Teil aufgeklärt worden. Symbol
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Schläge gestanden, Motiv im Dunkeln: Ein mysteriöser Überfall in Niederrodenbach ist am Mittwoch vor dem Hanauer Landgericht nur zum Teil aufgeklärt worden. Symbol

Sind es Wettschulden, die von den Buchmachern eingetrieben werden sollten, ein offenes „Darlehen“ oder Geld, das aus illegalen Geschäften stammt? Was genau zu dem brutalen Überfall in einer Niederrodenbacher Wohnung geführt hat, wird wohl nie aufgeklärt werden. „Reine Spekulationen“, meint selbst Staatsanwalt Christopher Orel vor der 7. Großen Strafkammer am Hanauer Landgericht.

Rodenbach/Hanau - Mysteriös sind die möglichen Motive für die Tat. Sehr seltsam ist zudem das Benehmen von drei Männern im Alter zwischen 30 und 35 Jahren, die am Mittwoch auf dem Zeugenstuhl vor den Richtern unter Vorsitz von Dr. Peter Graßmück Platz nehmen. Das Trio vereint eins: Sie wissen von nichts. Oder sie wollen es gar nicht. „Daran kann ich mich nicht erinnern“ oder „Das weiß ich nicht mehr, weil das ja schon lange her ist“, sind mehrfach gesagte Sätze. Doch das glaubt niemand im Saal 215 des Landgerichts. Denn Ende März 2018 halten sich diese drei zusammen mit Herrn H. in einer Wohnung auf, die an der Industriestraße liegt. Das Quartett will Rap-Musik aufnehmen, wird jedoch gegen 20.15 Uhr jäh in seiner kreativen Phase gestört, weil es an der Tür klingelt. „Ich habe geöffnet. Plötzlich sind vier Männer hereingestürmt“, sagt der damalige Wohnungsbesitzer aus.

Pistole vor das Gesicht gehalten

Das Ziel der ungebetenen Besucher ist Herr H., dem mehrfach ins Gesicht geschlagen wird. Dann erleidet er einen kleinen Stich in die Seite und schaut unfreiwillige in den Lauf einer Pistole. Die Ansage ist unmissverständlich: „Du hast eine Woche Zeit, mir das Geld zu geben.“ Der Satz, darin sich die drei Zeugen zumindest einig, ist mit einem „russischen Akzent“ gerufen worden. Schließlich fliegt H. eine leere Flasche an den Kopf. Die Folgen sind auf einem Selfie zu sehen, das die Polizei sichergestellt hat. „Er hat schon ein bisschen was abbekommen“, meint der Vorsitzende Richter angesichts des dicken Auges und der mit mehreren Stichen genähten Platzwunde.

Einsilbige Aussagen

Wer sind die Täter, wie ist der genaue Ablauf der Tat? Die drei Zeugen bleiben sehr einsilbig. „Alles ging ganz schnell“, sagen sie aus. Der Angriff habe eindeutig H. gegolten. Sonst sei niemand verletzt worden. Und die Hintergründe? „Keine Ahnung“, heißt es, „das ist nicht meine Welt, ich will nichts damit zu tun haben.“ Die Erinnerungslücken der Männer aus Erlensee und Großkrotzenburg werden von Minute zu Minute größer. Richter Graßmück nimmt ihnen das nicht ab und fragt fast schon inquisitorisch: „Wie oft ist Ihnen das schon einmal passiert, dass vier Männer in eine Wohnung stürmen und ein Opfer zusammenschlagen?“ Darauf kommt nur eine kleinlaute Antwort: „Nur einmal.“ Das Trio will nicht aussagen.

„Mein Name ist Hase. ich weiß von nichts“

Komplettiert hätte diesen seltsamen Reigen von Zeugen eigentlich nur noch der Jurist Karl Victor Hase. Denn von ihm – und nicht von den langohrigen Nagern – stammt der berühmte Satz: „Mein Name ist Hase, ich weiß von nichts.“ Der vierte Zeuge, der an der Reihe gewesen wäre, ist erst gar nicht vor dem Landgericht erschienen. Herr H. selbst, von dem nur das Selfie mit den schweren Gesichtsverletzungen vorliegt. H., der zuletzt in einer Hanauer Wohnsitzloseneinrichtung gemeldet war, ist wie vom Erdboden verschluckt. Alle Versuche, ihn zu finden, sind in den vergangenen Wochen fehlgeschlagen.

Opfer wie vom Erdboden verschluckt

„Unauffindbar“, bestätigt auch der Beamte aus dem Kommissariat 11 der Kripo, der in diesem Verfahren ermittelt hat. Überhaupt sei es nur ein Zufall gewesen, dass der Vorfall bekannt geworden ist. „Hätten die Nachbarn nicht den Notruf gewählt und alarmiert, hätten wir wahrscheinlich davon gar nichts mitbekommen“, gibt der Beamte zu Protokoll. Er bescheinigt allen vier Opfern, dass diese „kein großes Interesse an der Polizei oder der Strafverfolgung“ haben. Und dennoch hat der Kriminalist es geschafft, zumindest zwei der mutmaßlichen Täter zu identifizieren. Sie sitzen auf der Anklagebank, sind beide 25 Jahre alt und haben ihren familiären Hintergrund in den ehemaligen Sowjetrepubliken.

Angeklagter hört auf den guten Rat seines Verteidigers

Für einen ist der Prozess bereits vor dem Urteil beendet. Er beteuert, seinen Kumpel lediglich an der Industriestraße abgesetzt zu haben, zu der andere ihn herbeizitiert hätten. Die Ermittlungen der Kripo deuten ebenfalls darauf hin. So wird das Verfahren wegen geringer Schuld eingestellt, sobald er 500 Euro für einen gemeinnützigen Zweck gezahlt hat. Und der Hauptangeklagte? Der nennt keine weiteren Komplizen und sagt nichts zu den mysteriösen Hintergründen aus. Aber er hört auf den guten Rat seines Strafverteidigers Matthias Reuter und gesteht, an diesem Abend in der Wohnung gewesen zu sein und zugeschlagen zu haben. „Das ist kein Kavaliersdelikt“, betont am Ende der Vorsitzende im Urteil, mit dem er eine Freiheitsstrafe von 22 Monaten auf Bewährung verhängt, verbunden mit der Geldauflage von 1000 Euro. (Von Thorsten Becker)

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