Herkunft des „Rätselsteins“ ungelöst

Ein altes Rätsel beschäftigt
die evangelischen Kirche in Ronneburg

Seine Geschichte ist nicht niedergeschrieben: Haben langobardische Steinmetze den Stein angefertigt und in welcher Mauer war er vorher?
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Seine Geschichte ist nicht niedergeschrieben: Haben langobardische Steinmetze den Stein angefertigt und in welcher Mauer war er vorher?

Er gilt als der älteste Stein in Hüttengesäß, doch die wenigsten wissen von seiner Existenz. Gleichwohl verbirgt er sich geschickt an der nordöstlichen Ecke der evangelischen Kirche hinter hohem Gebüsch. Wer sich nicht gezielt durch das Geäst schlägt, wird ihn auch nicht bemerken.

Ronneburg – Ein Hingucker ist er aber im Gegensatz zu den anderen Mauersteinen. Bereits im Jahr 1912 reiste Ludwig Bickell, Landes-Bezirkskonservator des heutigen Staatsarchives Marburg, auf Bitten des damaligen Hüttengesäßer Pfarrers Dr. Heck nach Hüttengesäß, um den Stein genauer unter die Lupe zu nehmen. „Bickell war ein Vorreiter, der viele Fotos von Kirchen gemacht hat, als es noch keinen richtigen Denkmalschutz gab“, erzählt Reiner Erdt, zweiter Vorsitzender des Ronneburger Geschichts- und Heimatvereins.

Im Staatsarchiv Marburg ist dazu folgender Eintrag zu finden: „So kam Ludwig Bickell aus Marburg angereist und fotografierte den Stein mit dem Vermerk – ein Löwenkopf, frühromanisch oder langobardisch mit Zackenrelief versehen. Ein großer Sandstein wohl aus einem Vorgängergebäude oder einer früheren Bauphase der vormaligen Burg Hüttengesäß hier wiederverwendet und eingesetzt. Schätzungsweise aus der Zeit um 1100, was in die zeitliche Einordnung passen könnte.“

Existenz wenigen bekannt

Den Akten des Marburger Staatsarchivs ist es auch zu verdanken, dass der Stein entdeckt wurde. Erdt, der leidenschaftlich gerne Federzeichnungen anfertigt, hat für sein kreatives Hobby Vorlagen gesucht. Hierzu durchforstete er das Staatsarchiv und stieß auf die Akte über Hüttengesäß. „Ich habe mir gleich Abzüge bestellt und mich auf die Suche nach dem Stein gemacht“, erinnert sich der Ronneburger Geschichtsexperte. Zudem ist er sich sicher: „Es gibt keine 30 Ronneburger, die den Stein kennen.“ Mittlerweile dominiert die Annahme, dass der Stein langobadisch ist, das heißt, er dürfte in der Zeit zwischen 100 vor Christus und 500 nach Christus entstanden sein.

Die Fachleute vor Ort: Reiner Erdt und Heidi Rauch, beide Vorsitzende des Ronneburger Geschichts- und Heimatvereins, sowie Küster Klaus Euler (von links), kennen jeden Stein der Kirche.

Zusammen mit Heidi Rauch, der ersten Vorsitzenden des Geschichtsvereins, und Klaus Euler, dem Küster der Kirche, versucht Erdt die Geschichte des Steins für unsere Zeitung zu rekonstruieren: „Ursprünglich stand hier nur ein frei stehender Turm, der noch heute in die Kirche integriert ist und wohl das älteste Fundament von Hüttengesäß ist. Daneben stand eine Kapelle“, beginnen die Experten ihre Erzählung. Die Kapelle gehörte zum Kloster in Langenselbold und wurde zum ersten Mal 1236 urkundlich erwähnt. Im Zuge der Reformation ging das Kloster mit seinen Besitztümern, also auch mit der Hüttengesäßer Kapelle, in den Besitz des Landesherren Graf Anton von Isenburg-Büdingen über.

1579 wurde Hüttengesäß eine eigene Pfarrei und im Zuge dessen die Kapelle aus Platzgründen erweitert. Die heutige Größe der Kirche entspringt den Baumaßnahmen im Jahr 1718, als das Kirchenschiff nach Osten hin erweitert wurde. Das ist auch der Moment, in dem der schmucke Stein wahrscheinlich eingesetzt wurde.

Im Zuge der Kirchenerweiterung im Jahr 1718 wurde vermutlich der Rätselstein in die Hüttengesäßer Kirche eingebaut.

„Wir gehen davon aus, dass er der kleinen Burg entnommen wurde, die um 1100 herum von den Gründern des Ortes errichtet wurde. Oder von einem der Gebäude, die dazugehörig waren“, vermutet Erdt. „Früher wurde Baumaterial sehr oft wiederverwendet.“

In den Chroniken nicht erwähnt

Eigentlich war es zu dieser Zeit Sitte, dass die Steinmetze ihre Initialen an versteckten Stellen hinterließen, doch das blieb bei dem Stein aus. „Auch als die Orgel abgebaut wurde, gab es eine genaue Dokumentation bis hin zum vergoldeten Wetterhahn, aber vom Stein kein einziges Wort.“

Dass er allerdings bereits zu früheren Zeiten als etwas Besonderes angesehen wurde, zeigt ein altes Foto von 1912: „Der Putz um den Stein war ausgespart“, sagt Erdt, und auch Küster Euler bestätigt: „Der Stein stand schon immer frei und war nicht verdeckt.“ Eine besondere Pflege für das Schmuckstück gibt es laut Euler nicht. „Er steht einfach da.“

In den sozialen Medien wird er in der Gruppe „Mystische Orte im Main Kinzig Kreis“ bereits in einem Eintrag von 2016 als „Schmuckstück aus der Vorzeit beschrieben“, dessen Herkunft ewig enthalten bleiben wird. Für Erdt ist es ein „schönes Bauteil einer früheren repräsentativen Kapelle.“

Weitere Informationen

Klaus Euler weiß viel über „seine“ Kirche zu berichten und bietet auf Nachfrage Führungen an. Wer sich für die Geschichte Ronneburgs interessiert, kann sich an den Geschichts- und Heimatverein wenden. Neben öffentlichen Veranstaltungen können auch hier Führungen gebucht werden. Zudem lohnt es sich, durch die Homepage zu stöbern. Dort gibt es viele interessante Dinge zur Ortsgeschichte nachzulesen. (Von Patricia Reich)

Weitere kleine Besonderheiten der evangelischen Kirche in Hüttengesäß

Wer in den hinteren rechten Bankreihen der Kirche Platz nimmt, sollte einen Blick auf den Boden werfen. Genau parallel verlaufend zum Gang findet sich eine Grabsteinplatte. Die Schrift ist bei genauem Hinschauen noch zu erkennen: „Nvfe Ronneburg so von des Obristen Balthasar mordthatischer Weise erstochen“. Ein Mitglied der fürstlichen Ysenburgischen Besitzerfamilie wurde wohl Opfer eines Mordes, den Oberst Balthasar Rüdinger, ein Obristleutnant des 30. Jährigen Krieges, verübt hat. Wer das Opfer genau war, ist aufgrund der unleserlichen Schrift nicht geklärt.

Der heutige Pfarrer in Hüttengesäß, Helmut Stradal, ist der letzte Pfarrer fürstlichen Gnadens. Bis vor Kurzem war es noch nach alter Handhabe gängig, dass bei einer Neubesetzung der Pfarrstelle der Fürst von Birstein gefragt wurde, ob dieser dort Pfarrer werden darf. Das wurde allerdings abgeschafft, sodass Pfarrer Stradal der Letzte ist, der diesen „Titel“ tragen darf. Die in die Kirche eingearbeiteten Steinmetzzeichen sind auch auf der Ronneburg und im Oberhof Büdingen zu finden.

Der Kelch, der für das Abendmahl verwendet wird, stammt aus dem Jahr 1688 und wurde von dem Offenbacher Fürst Johann Philipp Graf zu Isenburg und Birstein gestiftet. Küster Euler hat die Information in einem Buch, welches er in Birstein-Unterreichenbach kaufte, gefunden.

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