„Manche häkeln, ich male“

Reiner Erdt ist ein wandelndes Geschichtsbuch mit großem Zeichentalent

Gut organisiert: Reiner Erdt hat tagtäglich einen straffen Zeitplan. Für das Feriengespräch hat er bereits eine Auswahl seiner Werke zur Ansicht zusammengestellt.
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Gut organisiert: Reiner Erdt hat tagtäglich einen straffen Zeitplan. Für das Feriengespräch hat er bereits eine Auswahl seiner Werke zur Ansicht zusammengestellt.

Wenn jemand Fragen zur Ronneburger Geschichte hat, der ist bei Reiner Erdt an der richtigen Adresse. Es ist erstaunlich, wie viel der 51-Jährige über seine Heimat weiß. Aus diesem Grund engagiert Erdt sich auch bereits seit Jahren im Ronneburger Geschichts- und Heimatverein, in dem er als zweiter Vorsitzender im Vorstand sitzt. Und er berät auch mal die Verwaltung, wenn es beispielsweise um die Nachkonstruktion einer Treppe geht – wie kürzlich im Rahmen der Umgestaltung des Kirchenumfelds.

Ronneburg – Doch der Gastronom, Küchenmeister und Inhaber der Ronneburger Gaststätte „Zur Krone“ hat noch viele weitere Talente, die im Mittelpunkt unseres Feriengesprächs stehen. Er zeichnet nämlich für sein Leben gerne – und das schon seit Kindheitstagen. Warum er sein Hobby nicht zum Beruf gemacht hat, verrät der viel beschäftigte Mann bei unserem Treffen an seiner Arbeitsstätte.

Als Kind bereits Burgen gezeichnet

Erdt ist durch und durch Ronneburger: „Ich wurde ins Gasthaus reingeboren, lernte Fleischer, dann Koch, dann machte ich die Meisterprüfung und habe den Familienbetrieb übernommen“, fasst er im Schnelldurchlauf seinen beruflichen Werdegang zusammen. In frühster Kindheit griff sich Erdt bereits die DIN-A2 großen Papierbögen im Metzgerladen seiner Eltern, die eigentlich zum Verpacken der Ware gedacht waren. „Ich nutzte sie als Zeichenpapier“, erinnert sich Erdt. „Burgen und Schlösser malte ich, oftmals inspiriert von Märchenfilmen.“ Doch bei den Papierbögen blieb es nicht. „Alles was weiß war, wurde von mir angemalt, von Tapeten bis zu den freien Seiten der ‘Hanni und Nanni’-Bücher meiner Schwester. Das war mein Graffiti.“

Dennoch bekam das Zeichentalent eine Vier in der Grundschule im Kunstunterricht. „Das Thema war Ritter und Burgen. Genau mein Ding. So habe ich für alle aus meiner Klasse die Burgen gemalt. Die sahen sich natürlich sehr ähnlich und die Lehrerin erkannte schnell den Schwindel.“ Das Resultat war eine schlechte Note, weil er geholfen hatte. „Ich habe es aber gerne gemacht“, kann Erdt im Nachhinein darüber schmunzeln.

In der Grundschulzeit nutzte er Bleistifte, Feinliner und Kugelschreiber, später kamen Tuschefeder und Isograph hinzu. „Heute nutze ich alles: Aquarelle, Öl, Tusche, Kalligrafiestifte“, zählt Erdt auf.

Motive aus dem 19. Jahrhundert

Seine Leidenschaft für vergangene Zeiten hat er sich bis heute erhalten. Meist sind seine Bilder geprägt von Motiven um das 19. Jahrhundert herum oder früher. „Es gibt auch ein paar moderne Ausrutscher, aber die Zeitreise ist mein Leben.“

Doch das ist nicht alles. In seinen Werken verstecken sich stets kleine Details, die entweder nicht in die dargestellte Zeit passen, wie ein VW Beetle auf einem Bild von 1901, oder bedeutsame Symbole und Botschaften. So stehen Uhren auf seinen Werken stets auf kurz vor zwölf – ein Hinweis auf die Zeit kurz vor dem Ersten Weltkrieg. „Es war eine ungetrübte Zeit um 1900“, erläutert er seine geheime Botschaft. „Diese gute alte Zeit war in einem Märchenschlaf. Es war noch Zeit, politisch eine Kehrtwende zu machen. 30 Jahre später war alles kaputt. Die Uhrzeit in meinen Bildern ist ein Mahnmal für die Zeit, die verloren gegangen ist; für die Zeit, in der noch etwas geändert werden hätte können“, fasst Erdt zusammen.

Versteckte Symbole und Zeichen

Doch auch der ein oder andere Smiley, ein lateinisches Zitat oder ein Yin-Yang-Zeichen lassen sich bei genauer Betrachtung auf seinen Bildern finden. Ab und an blickt auch eine dunkle Gestalt aus einem Fenster oder ein Hund läuft seiner Wege. „Ich mache mir einen Spaß daraus und das macht es auch interessant“, erklärt er sein Faible für das Versteckte. „Ich hatte mal eine Ausstellung und beobachtete, wie die Leute ahnungslos an den Bildern vorbeigingen. Es ist das Geheimnis des Künstlers.“

Auf dieser Karte um 1700 hat Erdt sich selbst mit einer Dame vor dem Römer gezeichnet.

Abgesehen von diesen „Gags“, wie Erdt es nennt, lege er größten Wert auf Authentizität: „Jeder Fachwerkbalken muss stimmen.“ Wie penibel er es damit nimmt, zeigt seine Nachkoloration einer Ansichtskarte aus dem Jahr 1935, die er auf dem hier abgebildeten Foto in der Hand hält. „Die Postkarte habe ich bei Ebay für 75 Euro entdeckt. Es ist die einzige Aufnahme aus der Zeit.“ Die Karte digitalisierte er zunächst, dann malte er die verblichenen Häuser mithilfe seines IPads nach.

„Ich bin durch den Ort gelaufen, habe mir die alten Scheunen angesehen und abfotografiert. Und wie so oft habe ich viel Unterstützung von den Leuten hier im Ort bekommen. Das sind halt so Sachen, die man mal machen kann“, sagt Erdt lapidar und spricht zugleich sein weiteres Hobby an: die Fotografie. Genau genommen geht das Hobby mit seiner Kunst Hand in Hand. Denn die Motive müssen als Vorlage abgelichtet werden und das macht Erdt am liebsten selbst. In seiner Freizeit zieht es ihn immer raus in historische Städte und stets hält er jedes interessante Motiv mit seiner Kamera fest. „Von Notre Dame bis Kloster Eberbach“, fasst er zusammen.

Auch eine Drohne hat er ab und an im Einsatz. Dank dieser Aufnahmen konnte er beispielsweise die Ronneburg aus einer völlig neuen Perspektive zeichnen.

Kochbücher veröffentlicht

Trotz seines „komplizierten Zeitmanagements“, wie er seine Umtriebigkeit selbst bezeichnet, hat er sogar zwei Kochbücher herausgebracht. „Das Kinzigtal Kochbuch“ und „Das Kochbuch Ronneburger Hügelland“ sind Sammlungen alter Rezepte, die er in Kooperation mit den Landfrauen und weiteren Akteuren aus dem Kreis zusammengestellt hat. „In den Büchern ist alles drin, Mundart, Geschichte, Fotografie. Es war ein Wahnsinnsprojekt, bei dem jedes Buch zwei Jahre Vorbereitungszeit gebraucht hat“, sagt der Autor nicht ohne Stolz.

Bereits seit Jahren engagiert Erdt sich zudem im Austausch mit der Ronneburger Schwestergemeinde Amana in Iowa, USA. „Eigentlich war für dieses Jahr wieder eine Tour nach Amana geplant, doch wegen Corona wurde sie abgesagt. Aber nächstes Jahr soll es wieder hingehen“, ist er überzeugt.

Ausstellung in den USA geplant

Damit die Zeit bis dahin nicht zu lange wird, bereitet er aktuell eine Ausstellung in den USA vor – in seiner Abwesenheit. „Ich habe vor, meine Bilder digital nach Amana zu schicken. Dort sollen sie ausgedruckt und ausgestellt werden“, so der Plan. Dazu fertigt er teils typisch amerikanische Motive, die sich von seinen historischen Bildern unterscheiden. „Da sind auch Menschen oder Tiere drauf, obwohl ich es nicht mag, die zu zeichnen. Lieber zehn historische Gebäude als eine Dame“, sagt er scherzhaft.

Doch wann macht er denn das alles? „Ich stehe meist bis 20 oder 20.30 Uhr in der Küche und danach, beim Fernsehen schauen, mache ich dann nebenbei so was. Ganz ungezwungen und entspannt, ohne Ziel. Wie eine Oma, die häkelt. Manche häkeln, ich male“, verbildlicht er. Da zeitlich aber nicht alles gemacht werden kann, würde er viele Anfragen für Ausstellungen seiner Bilder ablehnen.

Hobby sollte kein Zwang werden

Dass er nicht sein Hobby zum Beruf gemacht hat, dafür hat Erdt eine einfache Erklärung: „Mein Vater sagte damals schon zu mir, dass ich etwas mit Malen machen sollte. Architektur hatte ich mir überlegt. Aber wenn man das Hobby dann beruflich macht, wird es zum Zwang und die Begeisterung des Künstlers geht verloren.“ Außerdem habe er die Chance auf einen eigenen Betrieb gehabt und es sei auch ein Stück weit seine Aufgabe, diesen weiterzuführen. Für die Vorfahren, die das alles aufgebaut hätten. „So, wie es ist, passt das alles ganz gut“, sagt Erdt.

Wenn er noch einmal bei null anfangen könnte, würde er vielleicht in der Baudenkmalpflege oder im Staatsarchiv arbeiten. „Aber wenn man beruflich zu viel Druck hat, geht die Passion verloren.“ (Von Patricia Reich)

Auch Modellbau liegt dem Küchenmeister.
Auf dem Bild von Hüttengesäß im Jahr 1901 ist mittig gelegen auf der rechten Seite ein VW Beetle versteckt.
Wer genau hinsieht, entdeckt links im Erker der Ronneburg ein Yin-Yang-Zeichen.

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