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Zum Hexenprozess auf der Ronneburg hat der Scharfrichter seine Folterinstrumente mitgebracht

In der ehemaligen Braustube der Ronneburg stehen heute Folterinstrumente, wie sie sonst nur in Stätten der Gerichtsbarkeit zu finden waren. Die Ronneburg hingegen war hauptsächlich eine Residenz und Befestigungsanlage.
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In der ehemaligen Braustube der Ronneburg stehen heute Folterinstrumente, wie sie sonst nur in Stätten der Gerichtsbarkeit zu finden waren. Die Ronneburg hingegen war hauptsächlich eine Residenz und Befestigungsanlage.

Gefangene waren auf der Ronneburg in der Regel nur auf der Durchreise. Bis sie zu einem Gericht weitertransportiert werden konnten, bei dem ihnen der Prozess gemacht wurde. Bis ins 17. Jahrhundert war die Burg vor allem eine Residenz- und Befestigungsstätte von der aus unter anderem Raubritter von der Hohen Straße vertrieben wurden. Anschließend galt sie als Freistätte des Glaubens. „Hier bekamen Menschen, die aus religiösen Gründen verfolgt wurden, Exil“, erzählt Marcus Hofer, der als Hausmeister die Burg seit drei Jahren auf Vordermann bringt. Eines der dunkelsten Kapitel der Ronneburg spielte sich allerdings in einem Turm der Befestigungsanlage ab: dem sogenannten Hexenturm.

Ronneburg Der 1550 gebaute Turm diente der Befestigungsanlage als Geschützturm. „Oben auf der Plattform standen vermutlich Kanonen“, erzählt Hofer und zeigt auch auf die Schießscharten der angrenzenden Burgmauer samt Wehrgang. Unter der Plattform war zeitweise ein Kerker untergebracht: Dort wurde einst auch die einzige Frau, die auf der Ronneburg historischen Quellen zufolge gefoltert und umgebracht wurde, gefangen gehalten. Anna Koch aus Hailer wurde im 16. Jahrhundert auf der Ronneburg der Prozess gemacht.

Eine unbekannte Nachbarin hatte Koch, die allerlei Tinkturen und Salben für Menschen und Tiere anrühren konnte, der Hexerei bezichtigt. Der Nachbarin zufolge hatte sie Vieh verzaubert und die Frucht der Bauern mit einem Fluch belegt. Zudem wurde ihr Ketzerei vorgeworfen.

Auf der Burg selbst gab es keine Folterkammer

Da Koch ihre vermeintlichen Vergehen nicht sofort gestand, ordnete Graf Heinrich von Ysenburg-Büdingen, der als Vorsitzender den Prozess gegen sie führte, die Folter an. Auf der Burg existierte jedoch zu keiner Zeit eine Folterkammer. Der Scharfrichter musste damals seine Folterinstrumente selbst mitbringen. „Anna Koch wurde dort wahrscheinlich so lange gefoltert, bis sie gestand, eine Hexe zu sein“, erzählt Hofer. Infolgedessen wurde sie zum Tode verurteilt und wurde laut Gerichtsprotokollen mit dem Schwert hingerichtet.

In der ehemaligen Braustube ist heute eine Folterkammer eingerichtet. Die Streckbank soll den Museumsbesuchern die Methoden der mittelalterlichen Gerichtsbarkeit vor Augen führen.

Um den Besuchern des Burgmuseums einen Eindruck von den Methoden der Gerichtsbarkeit im Mittelalter zu geben, sind heutzutage allerdings Repliken einzelner Folterinstrumente ausgestellt. An den Wänden der ehemaligen Braustube hängen massive Holzbretter mit sechs Löchern und schweren Ketten. „Bei einem Streit wurden dort zwei Personen eingespannt“, erzählt der Burgwart. In die größeren Löcher kam der Kopf, in die kleinen die Hände. „Auge in Auge konnten die beiden Konfliktparteien so in Ruhe ihre Probleme ausdiskutieren – das war quasi eine Kommunikationshilfe, die verhinderte, dass die Fäuste fliegen.“

„Das war eine grausame Zeit“

Auch ein Pranger, wie er heute im Innenhof der Burg steht, war im Mittelalter eher auf dem Marktplatz oder vor der Kirche zu finden. „Dort, wo möglichst viele Menschen entlanglaufen“, erklärt Hofer. „Die Menschen standen dort teilweise tagelang, das müssen neben der psychologischen Belastung körperliche Qualen gewesen sein.

Im Mittelalter, erzählt er, habe er selbst nicht leben wollen. „Ich lehne jegliche Romantisierung dieser Epoche ab. Das war eine ganz fürchterliche Zeit“, sagt der 41-jährige Museums-Mitarbeiter ernst. „Das war eine grausame Zeit.“ Kriege, Trinkwasserverunreinigung und schwere Krankheiten zählt er auf. „Heute haben wir bei einer Epidemie ganz schnell drei Impfstoffe parat“, sagt er, „und Folter ist in Deutschland glücklicherweise nicht mehr legal.“

Burgwart Marcus Hofer zeigt die Folterkammer der Ronneburg. Gefoltert wurde allerdings nur im Hexenturm.

In der Krise gab es mehr Hexen

„Die Hexenprozesse wurden damals mit einem immensen Druck aus der Bevölkerung geführt“, sagt Hofer ernst. „In Krisenzeiten kann man beobachten, dass die Prozesse gegen vermeintliche Hexen zunahmen, in Kriegszeiten etwa oder wenn Krankheiten ausgebrochen sind wie die Pest oder Cholera.“

Als Koch im September 1599 der Prozess gemacht wurde, wütete gerade die Pest im Büdinger Land.

Kochs Geschichte soll im kommenden Jahr in die Ausstellung integriert werden

Dass Anna Koch der Prozess allerdings in der Ronneburg gemacht wurde, war eine Ausnahme. Wegen vermeintlicher Hexerei musste man sich sonst vor der Gerichtsbarkeit in Büdingen verantworten. „Der damalige Graf Heinrich I. von Ysenburg-Büdingen zu Ronneburg war der Vorsitzende des Gerichtsverfahrens. In den letzten Jahren seines Lebens war er schwer krank, sodass der Prozess zu ihm gebracht werden musste“, erklärt Hofer.

Anna Kochs Geschichte soll sich im kommenden Jahr im Museum der Ronneburg widerspiegeln. Die Ausstellung soll dazu erweitert und mit neuen Infotafeln versehen werden.

Gefiederte Burgherren vor dem Hexenturm: Die Pfauen Giaccomo und Josefine sind neben den Vögeln der Falknerei nunmehr die einzigen Bewohner der Ronneburg. (Archiv)

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