INTERVIEW

Sascha Raabe zieht nach 19 Jahren in Berlin Bilanz

Letzte Plenarsitzung im Deutschen Bundestag: Nach 19 Jahren verlässt der SPD-Abgeordnete Sascha Raabe das Parlament in Berlin.
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Letzte Plenarsitzung im Deutschen Bundestag: Nach 19 Jahren verlässt der SPD-Abgeordnete Sascha Raabe das Parlament in Berlin.

Hanau/Berlin - Mit dem Ende der Legislaturperiode und der Bundestagswahl im September verlässt Dr. Sascha Raabe (SPD) den Bundestag. Eine erneute Kandidatur hatte der 53-Jährige bereits vor zwei Jahren kategorisch ausgeschlossen. Nach seiner letzten regulären Plenarsitzung im Berliner Parlament bezieht er in einem Interview Stellung und äußert sich zu seinen Zukunftsplänen.

Das war nach 19 Jahren Ihre letzte Plenarsitzung im Deutschen Bundestag. Wie denken Sie darüber?

Ich habe die Entscheidung, nach fünf Legislaturperioden aufzuhören, im Sommer 2018 freiwillig und bewusst getroffen. Ich verlasse sicherlich mit etwas Wehmut den Bundestag. Ich habe es immer als Ehre und Freude empfunden, meinen Wahlkreis in Berlin vertreten zu dürfen. Ebenso leidenschaftlich habe ich mich im Entwicklungsausschuss für den weltweiten Kampf gegen Hunger und Armut eingesetzt. Die Verabschiedung des Lieferkettengesetzes kurz vor Schluss hat mir meine letzten Sitzungstage persönlich sehr versüßt. Schöner hätte der Abschied für mich nicht sein können.

Was war für Sie als Bundestagsabgeordneter der größte Erfolg?

Für den Wahlkreis kommt in 19 Jahren viel zusammen: angefangen beim kommunalen Optionsgesetz zur Betreuung von Langzeitarbeitslosen bis zur Bundesfinanzierung vieler Verkehrsprojekte, unter anderem die Ortsumgehung Nidderau. Ich habe mich immer gefreut, wenn ich konkret Unternehmen, Kommunen und Bürgern helfen und im Teamwork Arbeitsplätze sichern konnte. Als Entwicklungspolitiker bin ich sehr stolz, dass ich wesentlich dazu beitragen konnte, den Entwicklungsetat von 2002 bis heute von 3,7 auf 12,4 Milliarden Euro nahezu zu vervierfachen und die EU-Konfliktmineralienverordnung sowie das jüngst beschlossene Lieferkettengesetz durchzusetzen. Das sind Erfolge, die bleiben und auch für die Zukunft das Leben von Millionen armer und hungernder Menschen verbessern werden.

… und was war der größte Misserfolg?

Mein jahrelanger engagierter Kampf für eine Verringerung des Fluglärms durch die Einführung höherer Anflugverfahren, den ich gemeinsam mit den Kommunen und dem Main-Kinzig-Kreis geführt habe, hat leider nur zu wenig Erfolg geführt. Verkehrsministerium und Flugsicherung haben alle guten Argumente immer abgeschmettert.

Welchen politischen Fehler würden Sie am liebsten korrigieren?

Ach, da haben wir bestimmt nicht nur einen Fehler gemacht. Wer viel macht, macht auch Fehler. Im Nachhinein ist man immer schlauer.

Sie haben Ihren Rückzug sehr früh bekannt gegeben. Warum wollen Sie nicht mehr im Bundestag arbeiten?

Als ich nach meiner sechsjährigen Bürgermeisterzeit 2002 mit 34 Jahren zum ersten Mal in den Bundestag einzog, hätte ich mir nie träumen lassen, dass ich einmal mit fünf Legislaturperioden genauso oft gewählt werde wie mein von mir sehr geschätzter Vorgänger Bernd Reuter. Die durchschnittliche Zugehörigkeitsdauer von Abgeordneten im Bundestag beträgt lediglich zehn Jahre. Ich bin den Wählern sehr dankbar, dass sie mir immer sehr gute Erststimmenergebnisse weit über dem Zweitstimmenergebnis meiner Partei geschenkt haben. Ich habe mich aus rein privaten Gründen entschieden in meiner zweiten Lebenshälfte nach 25 Jahren hauptberuflicher Politik nicht noch einmal anzutreten. Außerdem wollte ich Platz für jüngere Abgeordnete machen, denn der Bundestag ist sehr überaltert.

Sie haben auch nicht mehr für den Kreistag kandidiert? Heißt das, dass Sie komplett aus der Politik aussteigen oder werden Sie weiter politisch aktiv bleiben?

Ich hatte mich 2016 sehr gefreut, dass ich bei der Kreistagswahl von Listenplatz 17 auf Platz zwei nach vorne gewählt wurde und war gerne im Kreistag. Ein politisches Mandat möchte ich in Zukunft nicht mehr ausüben. Aber ich werde als Privatperson sicherlich weiterhin politisch sehr interessiert sein.

Die Umfragewerte Ihrer Partei sind derzeit nicht so rosig. Woran liegt das?

Leider ist unsere sehr gute Arbeit in der Regierung als Juniorpartner in einer Großen Koalition nicht sichtbar genug. Unsere Erfolge werden dann von Bundeskanzlerin Merkel und der Union vereinnahmt.

Wird Lennard Oehl Ihr Nachfolger, oder hat er gegen Katja Leikert keine Chance?

Lennard Oehl ist ein ausgezeichneter Kandidat, der unseren Wahlkreis hervorragend vertreten würde. Lennard hat als Neuling jedoch keinen sicheren Listenplatz. Ob er das Direktmandat gewinnen kann, wird entscheidend davon abhängen, wie groß der Abstand bei den Zweitstimmen zwischen Union und SPD sein wird. Wenn die SPD mit den Zweitstimmen wie seit 2009 um rund zehn Prozent hinter der Union liegt, ist es, faktisch unmöglich, den Wahlkreis direkt zu gewinnen. Dieses Mal tritt Kanzlerin Merkel jedoch nicht mehr an und der Abstand zwischen Union und SPD kann sich bis zur Bundestagswahl im September noch deutlich verringern. Dann traue ich Lennard Oehl absolut zu, das Direktmandat im Wahlkreis Hanau zu gewinnen.

Bei allem Respekt, aber gemäß der Rentengesetzgebung, die Sie in den vergangenen Jahren mit beschlossen haben, sind Sie für den Ruhestand viel zu jung . . . Was machen Sie nach der Bundestagswahl?

Ich habe mich ja bewusst entschieden, in meiner zweiten Lebenshälfte keine sogenannte Person des öffentlichen Lebens mehr zu sein. Deshalb bitte ich um Verständnis, dass ich mich zu meiner persönlichen Zukunft nicht konkret öffentlich äußern werde. Nur so viel: Ich werde mich sicherlich weiterhin in irgendeiner Form für mein Lebensthema, fairen Handel und die weltweite Überwindung von Hunger und Armut, engagieren. Am meisten freue ich mich darauf, mehr Zeit für meine Frau, Familie, Freunde und natürlich für Eintracht Frankfurt zu haben. (Das Gespräch führte Thorsten Becker)

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