Ein Werk für die Ewigkeit

Schneider, Künstler, Anatom: Tierpräparator Berthold Mösinger

Tierpräparator Berthold Mösinger muss genau hinschauen, damit die präparierten Tiere später täuschend echt aussehen.
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Tierpräparator Berthold Mösinger muss genau hinschauen, damit die präparierten Tiere später täuschend echt aussehen.

Alle Museen geschlossen, kein Zugang zu naturkundlichen Sammlungen – während andere unter Corona-bedingten Einschränkungen leiden, kann Berthold Mösinger aus dem Vollen schöpfen. Er wird jeden Tag nicht nur von Fuchs, Mufflon und Mauswiesel begrüßt, wenn er seine Werkstatt betritt, sondern auch von Vogelspinne, Leopard, Wisent oder Oryx-Antilope. Dabei hat er all seinen Schutzbefohlenen das Fell über die Ohren gezogen – mit positiven Auswirkungen: Mösinger ist Tierpräparator und sorgt dafür, dass Tiere wieder zu neuem Leben erweckt werden, zumindest optisch.

Main-Kinzig-Kreis – Wer die Werkstatt an der Alten Leipziger Straße in Gelnhausen betritt, kommt sich ein klein wenig vor, als sei er im Frankfurter Senckenberg Museum gelandet. Und aus dem naturkundlichen Museum in Frankfurt kam in der Tat vor fast 50 Jahren auch der Initialfunke, als der 16-jährige Gelnhäuser sich für eine Berufsausbildung entscheiden sollte. Auf einen Platz an der Forstschule hätte der mit und in der Natur aufgewachsene Jugendliche noch ein Jahr warten müssen. Da kam die Anregung einer Bekannten, die im Senckenberg arbeitete, wie gerufen.

Die Frage, wie jemand Tierpräparator wird, hat Mösinger schon unzählige Male gehört und genauso oft beantwortet. Er erlernte den Beruf in einem Handwerksbetrieb im Taunus und legte seine Prüfung vorm Berufsverband der Präparatoren in Bochum ab. Mit gerade mal 19 Jahren wagte er sich in die Selbständigkeit und hat diesen Schritt bis heute nicht bereut. Seine Berufswahl machte den heute 66-jährigen „alten Hasen“ zu einem gefragten Mann. Denn Tierpräparatoren gibt es nicht allzu viele. „Ich bin der einzige, der das Handwerk von der Pike auf gelernt hat und noch immer in dem Beruf arbeitet“, sagt Mösinger, der das Ausstopfen in der Anfangszeit noch mit Holzwolle und Draht praktiziert hat. Durch seinen Beruf stehe ihm die Welt offen. Die Tiere, die er im Auftrag von kleineren Museen, Vereinen oder Privatleuten präpariert, entführen ihn auch in exotische Länder.

Zu den Kunden gehören Jäger, Schulen und Museen

Zu den Kunden des Präparators gehören viele Jäger, Schulen und Museen, Infozentren oder Naturschutzverbände, die jungen und alten Menschen einen näheren Zugang zur Natur ermöglichen wollen. Für das Urwelt-Museum in Bayreuth hat er vor Jahren eine eiszeitliche Höhle mit Höhlenbär und Höhlenlöwen gebaut. „Das war ein spannender großer Auftrag, der viel Spaß gemacht hat“, erinnert er sich. Bevor er sich an die praktische Arbeit machen konnte, musste er – wie das bei seiner Arbeit häufiger der Fall ist - Fachliteratur wälzen und Skizzen studieren: Wie genau sahen Bär und Löwe vor 12 000 Jahren aus? Wie waren ihr Fell oder ihr Gebiss beschaffen? Welche Unterschiede im Aussehen bestanden vor und nach dem Winterschlaf?

Dass Mösinger dabei nach dem Präparieren der Höhlenlandschaft, die er in einer Halle nahe seiner Werkstatt baute, um sie dann nach Bayreuth zu transportieren, künstliche Bärenkrallen bei einem Spezialversand bestellen musste, weil der Höhlenbär nach seinem Winterschlaf extrem lange Krallen hat, ist nur eines der Details, die er gerne erzählt.

Egal ob Waschbär, Hase, Wildschwein oder Rehbock – Der Tierpräparator bearbeitet eine Vielzahl verschiedenster Tiere.

Der Präparator hat es nicht nur mit toten Tieren zu tun

Auch im Main-Kinzig-Kreis war Mösinger schon häufiger im Einsatz. Und ihm ist wichtig zu betonen, dass er keineswegs nur „mit toten Tieren“ zu tun hat. Zu seinen Projekten gehörten der Bau und Einrichtung des neuen Wildkatzengeheges und des neuen Fuchs-, Dachs- und Steinmardergeheges in der Alten Fasanerie Klein-Auheim, wo er von der Planung bis zur Vollendung gefordert war. Wölfe, Biber und das Diorama im alten Infogebäude mit dem angeschnittenen Fuchs- und Dachsbau stammen ebenfalls von dem Gelnhäuser. Im Naturpark Spessart oder im Jugendwaldheim in Niedermittlau kann man ebenfalls Arbeiten von ihm anschauen.

Aktuell sind Mösingers Kunden in erster Linie Jäger, die sich ein besonderes Jagderlebnis konservieren lassen möchten: etwa den ersten selbst geschossenen Bock. „Es ist immer etwas, woran sich die Menschen gerne erinnern möchten“, sagt der Präparator.

Sobald das Fell aus einer Spezialgerberei zurück ist, beginnt die Arbeit

Meist sieht er die erlebten oder toten Tiere nicht mehr so, wie sie einmal aussahen. Er bekommt das abgezogene Fell und den Schädel gebracht und macht sich dann an die Arbeit. Die Vermessung des Schädels und die Größe des Fells verraten ihm, wie groß und breit Reh oder Hirsch waren. Von diesen Maßen leitet er die Größe der Form ab, die er bestellt (oder bei kleineren Tieren auch selbst herstellt). Sobald das Fell aus der weit entfernten Spezialgerberei zurück ist, beginnt die praktische Arbeit.

Wer dem Handwerker zuschaut, versteht, wie vielseitig diese Arbeit ist. Denn Mösinger ist Anatom, Chirurg, Modellierer, Dekorateur, Kürschner und Schneider in einem. Und wenn er sich um ein Projekt für ein Museum bewirbt, auch mal Marketingexperte in eigener Sache.

Die leichte Form des Tierkörpers, die aus PU-Schaum besteht, wird zurechtgeschnitten und geschliffen und der Untergrund wird vorbereitet, etwa ein Podest, eine Platte oder Wurzeln. Mösinger streift dem Tier das Fell über – er zieht es auf die Form auf – verklebt es und näht die Haut zusammen. Der Kopf muss sorgsam ausmodelliert werden, wobei die Ohren besonders große Fingerfertigkeit verlangen. „Hier muss ich den Knorpel herausschneiden und Ohrmodelle aus Polyester einarbeiten“, erklärt der Meister am Beispiel einer Antilope, die er von einem Jäger aus Namibia bekommen hat. An den Augen, Maul und Nase wird das Fell mit Nadeln fixiert, weil es beim Trocknen noch schrumpft. Die Tierpräparate sehen dann aus wie nach einer Akupunkturbehandlung. Danach modelliert Mösinger mit Wachs die Augenlider und verpasst dem Gesicht mit der Airbrushpistole den letzten Schliff. Nase, Naseninnenwände und Lider werden dunkel gefärbt.

Ein Präparat wird meist in mehreren Tagen gefertigt

Für einen Fuchs, der laut Mösinger wegen der besonderen Form seines Kopfes besonders schwer zu bearbeiten ist, braucht der Präparator mindestens zwei Tage. Den Kunden kostet Meister Reineke rund 530 Euro inklusive Steuer. An einer „Kopf-, Schultermontage eines Moschusochsen muss er fast vier Tage arbeiten. Auch andere exotische Tiere, deren Körper er beispielsweise von Zoos bekommt oder von einer Jagdfarm in Namibia, sind aufwendig zu präparieren. Mösinger achtet darauf, dass die Tiere nicht illegal ins Land gelangt oder auf fragwürdige Weise ums Leben gekommen sind. „In Namibia auf der Farm wird sehr genau gewirtschaftet und beispielsweise nur so viel geschossen, wie wieder nachwächst. Vom erlegten Tier wird auch alles verwertet. Mit dem Fleisch werden zum Teil noch Kindergärten beliefert“, beschreibt er eigene Beobachtungen bei Besuchen auf der Farm.

Wer sein Geschäft weiterführen wird, wenn sich Mösinger einmal zur Ruhe setzt, weiß er nicht. Die beiden Töchter haben andere Wege eingeschlagen. Die Enkelin ist erst sechs Jahre alt. Aber sie hat keine Berührungsängste und kommt gerne in die Werkstatt. „Als unlängst eine Klassenkameradin davon sprach, dass sie gerne mal eine echte Vogelspinne sehen würde, konnte meine Enkelin sagen, „das hab’ ich schon – bei meinem Opa in der Werkstatt!“

(Von Jutta Degen-Peters)

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