Schöneck

104-Jährige seit 90 Jahren im Volkschor Niederdorfelden

"Meine Mutter gewinnt einfach immer", sagt Anita Kreienbruch (recht) und schmunzelt. Mensch-ärgere-dich-nicht ist das Lieblingsspiel ihrer 104-jährigen Mutter. Neben Singen ist das Brettspiel eines der Dinge, die die hochbetagte Katharina Böttcher besonders gerne macht. Foto: Fritzsche

Schöneck. Ehrungen für langjährige Mitglieder finden üblicherweise im Rahmen einer Jahresversammlung statt. Doch für Katharina „Käthe“ Böttcher wurde eine Ausnahme gemacht.. Denn Böttcher ist nicht nur seit 90 Jahren Mitglied des Chors, mit 104 Jahren ist sie auch Niederdorfeldens älteste Bürgerin.

Von Mirjam Fritzsche

Mit Blumen, einer Ehrenurkunde und -nadel sowie einem Gutschein im Gepäck haben die Vorsitzende Gudrun Horn und ihre Stellvertreterin Jutta Zwettler-Krug die Jubilarin zu Hause besucht. „Es war eine große Freude, sich mit Frau Böttcher über die zahlreichen Jahre des aktiven Mitsingens im Alt zu unterhalten“, berichten sie.

Auch der HANAUER hat sich wegen des außergewöhnlichen Jubiläums auf den Weg gemacht, um der betagten Dame einen Besuch abzustatten. „Wie schafft man das?“, will unsere Zeitung von Käthe Böttcher wissen. „Mit Glück“, sagt die 104-Jährige und lächelt. Auf Fragen antwortet sie, doch selber erzählen fällt ihr mittlerweile schwer. Tochter Anita Kreienbruch, die mit ihrer Mutter im gleichen Haus lebt, springt ein.

„Viele Leute staunen, dass meine Mutter noch lebt, obwohl ich selbst schon 80 Jahre alt bin“, erzählt sie. Bis zu ihrem 100. Geburtstag, der im Bürgerhaus gefeiert wurde, sei diese noch recht fit gewesen und habe regelmäßig am gesellschaftlichen Vereinsleben des Volkschors teilgenommen. „Mittlerweile hört sie aber schlecht und Treppensteigen fällt ihr sehr schwer“, erklärt Kreienbruch.

Mutter war bis zum 98. Geburtstag noch im Seniorensport aktivIhre Mutter habe immer gerne gesungen, aber da sie mit 87 Jahren nicht mehr gut lesen konnte, habe sie leider den aktiven Gesang beenden müssen. Seitdem ist sie passives Mitglied beim Volkschor. Bis zu ihrem 98. Geburtstag habe sie sogar noch Seniorensport betrieben. „Bis sie 95 Jahre alt war, habe ich mit ihr zusammen Busreisen für Senioren unternommen“, sagt Tochter Anita.

Sie glaubt, dass die Jugend- und Kriegsjahre ihre Mutter gestählt haben. „Sie musste schon früh ihren Mann stehen“, sagt sie. Bereits im Alter von zwölf Jahren war Käthe Böttcher Vollwaise und wuchs in Niederdorfelden bei ihrer Tante auf. Mit 15 Jahren begann sie eine Ausbildung zur Näherin in Frankfurt. Mit dem Unternehmen wechselte sie nach Mühlhausen in Thüringen, wo sie ihren Mann Otto kennenlernte. 1938 kehrte sie in ihren Geburtsort Niederdorfelden zurück, wo im gleichen Jahr ihre Tochter zur Welt kam.

Mann war in KriegsgefangenschaftEinen Sohn verlor sie im letzten Kriegsjahr. Der sechsjährige Junge war sehr krank und wurde in ein Krankenhaus nach Bad Nauheim gebracht, wo er seinem Leiden erlag. Erst ein Jahr später kehrte ihr Mann, der als Soldat im Krieg war, aus der Gefangenschaft zurück.

Halt und Freude hat die Jubilarin stets bei der Singstunde gefunden. „Auch heute trällert sie noch regelmäßig ein Liedchen. Letztens hat sie mich überrascht mit dem Schlager: 'Wenn der weiße Flieder wieder blüht'“, sagt Kreienbruch.

„Hessenschau“ aus GewohnheitLesen klappt leider nicht mehr. Ein kleines Radio hält sich die betagte Dame dicht ans Ohr, um Musik zu lauschen. Die „Hessenschau“ guckt sie jeden Abend aus Gewohnheit im Fernsehen. Allerdings fällt es ihr zunehmend schwer, die Nachrichten zu verfolgen. Käthe Böttcher geht dann früh zu Bett.

Mit einer Gehhilfe kann sich die Rentnerin noch selbständig durch ihre Wohnung im Obergeschoss bewegen. Doch ihr Lieblingsplatz ist im Wohnzimmersessel vor dem großen Fenster. Auf dem grünen Feld, auf das sie blickt, entsteht in den kommenden Jahren das neue Baugebiet „Im Bachgange“. „Unser Dorf wächst“, sagt Kreienbruch. Das Leben in Niederdorfelden habe viele Vorteile. Ihre Mutter bekomme immer noch Besuch, obwohl es natürlich keine Freundinnen aus Jugendtagen mehr gibt. „Eine Bekannte, die selbst 96 Jahre alt ist, kommt aber noch vorbei. 'Weißt du noch?', fragt sie dann. Und meine Mutter antwortet: 'Ach ja.'“

Neben dem Singen spielt Käthe Böttcher zum Zeitvertreib gerne Mensch-ärgere-dich-nicht. „Meine Mutter nimmt immer die roten Spielfiguren. Die kann sie am besten sehen. Sie gewinnt einfach immer“, so Kreienbruch.

Quelle: Hanauer Anzeiger

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