Schöneck/Region

Awo-Skandal: Ehrenamtler bekommen Unmut zu spüren

Der Seniorentreff der AWO in Schöneck ist beliebt. Alle zwei Wochen kommen die Teilnehmerinnen zu Kaffee und Kuchen zusammen. Foto: Mirjam Fritzsche

Schöneck/Region. Seit Wochen kommt die Arbeiterwohlfahrt nicht aus den negativen Schlagzeilen heraus. Es geht um falsche Abrechnungen, zu hohe Gehälter und Luxusautos. Die Ermittlungen ziehen weite Kreise. Auch in Schöneck gab es eine Wohnungsdurchsuchung. Die Folgen des Skandals bekommen die Ehrenamtlichen vor Ort zu spüren.

Von Mirjam Fritzsche und Monica Bielesch

Es ist Dienstagnachmittag. Sabine Forchel und Inge Ulrich kochen Kaffee und legen Stückchen auf die Kuchenplatten. „Gleich kommt der Bürgerbus aus Büdesheim, dann fangen wir an“, erklären die beiden stellvertretenden Vorsitzenden der AWO Schöneck. Seit wenigen Monaten hat der Ortsverband sein Domizil im Raum Büdesheim des Bürgertreffs Kilianstädten.

Mitglieder im Rentenalter

Ein großer Teil der rund 100 Mitglieder hat bereits das Rentenalter erreicht. Es mangelt – wie fast überall – an Nachwuchs. Heute findet wie alle zwei Wochen der Seniorentreff statt. Die Teilnehmerinnen sind oftmals bereits zwischen 80 und 90 Jahren alt. Die Damen trinken zusammen Kaffee und tauschen im Gespräch Neuigkeiten aus. „Viele sind verwitwet. Sie freuen sich, über die AWO Kontakt mit anderen zu haben“, sagt Sabine Forchel. Die Kaffeetafel für Senioren ist beliebt und sei im Bürgertreff sogar noch länger geworden.

Eine Dame erzählt, dass sie bereits seit 50 Jahren in Schöneck lebt. Ihr Mann sei vor einigen Jahren verstorben. An der Stuhlgymnastik nehme sie noch teil und eben an den regelmäßigen Treffen bei der AWO. Der Skandal um die Hauptamtlichen ist auch bei ihr Thema. „Weihnachten haben wir eine rote Tasche mit dem Logo geschenkt bekommen. Mit der gehe ich im Moment lieber nicht spazieren“, sagt die Kilianstädterin.

Vorwürfe gegenüber den Ehrenamtlern

Die AWO ist in Verruf geraten. „Beschimpft worden ist bei uns noch keiner“, erzählt die stellvertretende Vorsitzende Sabine Forchel. Die Leute wüssten ja, dass sie für das Ehrenamt kein Gehalt bezieht. Doch den Unmut der Menschen bekommt auch sie zu spüren. „Beim Einkaufen bin ich schon oft drauf angesprochen worden. 'Was ist denn bei euch los?', wird gefragt.“

Inge Ullrich kann von ähnlichen Erlebnissen berichten. „Die ersten drei Wochen waren schlimm. Die Leute sind erbost. Gerade die überzogenen Gehälter kommen nicht gut an“, sagt sie. Manche drohen mit Austritt, wenn es nicht besser wird.

Stimmung seit dem Skandal im Keller

Kreisweit hat die AWO rund 1200 Mitglieder, mit über 200 ist der Ortsverband Rodenbach/Ronneburg der größte, es gibt insgesamt 14 Ortsverbände. Und überall ist die Stimmung gedrückt. „Es ist deprimierend“, meint auch Rita Hoffmann, AWO-Vorsitzende in Bruchköbel. „Wir Ehrenamtlichen betteln um jede Spende und dann so etwas.“

Sie wünscht sich, dass den Ortsvereinen vom Landes- und Bundesverband mehr Interesse entgegengebracht wird. Zu sehr seien die Ehrenamtlichen auf sich alleine gestellt, kritisiert Hoffmann, die seit 38 Jahren Mitglied ist.Forchel wünscht sich, dass der Skandal schnell aufgeklärt wird, „dass er nicht noch dreimal hochkocht.“

Awo steht für Zusammenhalt

Schließlich investiert sie viel Zeit für ihre AWO, ist traurig über die Entwicklung. „Bei uns geht es doch um Zusammenhalt“, betont die 55-Jährige. Sie selbst ist vor 22 Jahren in den Verband eingetreten, weil sie ihren Mitmenschen Gutes tun möchte. Am Abend will sie wieder in den Bürgertreff kommen. Flagge zeigen beim Neujahrempfang der Gemeinde. „Wir können uns wegen des Skandals ja nicht einfach verstecken.“

Mit Flyern und Fotos wirbt der Ortsverband für seine Aktionen. Die Mitglieder organisieren an zwei Wochenenden im Jahr einen Kinder- und einen Hobbykünstlerflohmarkt. Die Einnahmen aus dem Kuchenverkauf spenden sie an die örtlichen Grundschulen. Die AWO Schöneck beteiligt sich zudem an der Aktion „Mein neuer Schulranzen“. Sie spendiert die teuren Schulutensilien für bedürftige Familien.

Für einen Friedhof wurden im Sommer Gießkannen übergeben, im Winter Weihnachtspäckchen für die Hanauer Tafel gepackt. „Vor allem die Flohmärkte kommen gut an“, weiß Forchel.

Verdächtigungen gegen jeden

Am Abend ist viel los im Bürgertreff. Zu Gast beim Neujahrsempfang ist auch Schönecks bekanntestes AWO-Mitglied: Schönecks ehemaliger Bürgermeister Erwin Schmidt, 18 Jahre lang AWO-Kreisvorsitzender. Auch er ist vor Verdächtigungen nicht gefeit, wie er dem HA berichtet.

„Bei AWO und Schöneck denken die Menschen sofort an mich. Als es dann hieß, es habe Durchsuchungen in der Gemeinde gegeben, hat die Gedankenkette direkt zu mir geführt“, sagt Schmidt. Er habe selbst nicht gewusst, dass einer der Hauptamtlichen aus Wiesbaden hier lebt. Bei diesem Mann gab es die Durchsuchung.

Awo will Aufklärung schaffen

Als stellvertretender Vorsitzender des AWO-Bezirksverbands Hessen Süd hat Schmidt aber mit der Aufklärung zu tun. „Wir wollen demnächst einen Brief an alle Mitglieder schreiben und erklären, wie es nun weitergeht“, sagt er.Das Image der AWO sei aber bereits jetzt nachhaltig ramponiert, zieht er eine bittere Bilanz.

„Es dauert bestimmt zehn Jahre, um das wieder auszubügeln.“ Ihm täten die vielen Ehrenamtlichen leid. Denn der Verband leiste eine wirklich gute Arbeit. „Rechtlich wird vielleicht nicht viel von den Verdächtigungen übrigbleiben, doch der Schaden ist bereits angerichtet.“

Quelle: Hanauer Anzeiger

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