Myanmar-Kenner spricht über seine Eindrücke

Der Schönecker Berater Andreas Hammer erinnert sich an sein Treffen mit Aung San Suu Kyi

Bewegender Moment: Andreas Hammer (links) durfte im Juli 2013 als Teil einer deutschen Delegation zu Gast sein in der Privatvilla der Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi.
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Bewegender Moment: Andreas Hammer (links) durfte im Juli 2013 als Teil einer deutschen Delegation zu Gast sein in der Privatvilla der Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi.

Es gibt Momente im Leben, die brennen sich für immer ins Gedächtnis ein. Für Andreas Hammer ist einer dieser besonderen Augenblicke der 17. Juli 2013. Als Teil einer deutschen Delegation ist der Unternehmensberater aus Schöneck bei der Demokratie-Ikone Aung San Suu Kyi in Myanmar zu Gast, darf in ihrer Privatvilla sogar neben ihr sitzen. „Für mich war es eine einzigartige Begegnung“, sagt Hammer. Er sei fasziniert von der starken Persönlichkeit der Demokratie-Ikone, erzählt er im Gespräch mit dem HA.

Schöneck – Aufgrund seiner Expertise als Asienkenner kann Hammer die damalige Staatsministerin im Auswärtigen Amt, Cornelia Pieper, bei ihrem Besuch in Myanmar begleiten. „Die Parlamentssitzung dauerte etwas länger, wir haben in einem Eiscafé in der Nähe des Privathauses von Suu Kyi in Naypyitaw gewartet“, erinnert sich der Schönecker. „Als wir dort waren, hat sie uns persönlich die Tür geöffnet und in ihr Wohnzimmer geleitet.“ Es gab chinesischen Tee und etwas Gebäck. „Ich durfte sogar neben ihr sitzen. Aung San Suu Kyi spricht ein erstklassiges Oxford English. Sie hat berichtet, dass sie die Pressefreiheit gerne im Gesetz verankern würde, aber sich nicht durchsetzen kann“, erzählt Hammer. Die Einladung von Bundeskanzlerin Angela Merkel nach Deutschland wolle sie annehmen, sagt sie Hammer. „Diese Frau ist so eng mit dem Schicksal ihres Landes verbunden. Ich bewundere sie für ihre bestimmte und kraftvolle Art“, sagt Hammer, dem kurz nach dem Besuch aufgeht, dass er gar kein Bild machen konnte. Handys und Kameras durfte er nicht mit ins Haus nehmen. Allerdings hatten Fotografen das Treffen abgelichtet. Hammer bittet Suu Kyis Assistentin um Bilder und erhält sie tatsächlich. „Das hätte mir zu Hause ja sonst keiner geglaubt“, sagt Hammer. So besitzt er doch noch eine Erinnerung an diesen besonderen Besuch.

Bis kurz vor erstem Lockdown in Myanmar unterwegs

Beruflich ist der 56-Jährige, der sich auf die Beratung von Existenzgründern spezialisiert hat, auch heute noch viel in Asien unterwegs. „In Myanmar war ich zuletzt im Februar 2020, kurz vor dem Lockdown“, erzählt er. Über die Nachrichten und über seine zahlreichen Kontakte in das Land verfolgt er mit Sorge die Entwicklung nach dem Militärputsch im Februar (siehe Kasten). „Die Geschichte scheint sich zu wiederholen“, sagt er besorgt. Er leide mit den Menschen, sei persönlich betroffen von der barbarischen Brutalität der Militärs.

Demonstranten halten Bilder der entmachteten myanmarischen Regierungschefin Aung San Suu Kyi, um gegen den Militärputsch zu protestieren. In Rangun gehen regelmäßig Zehntausende Menschen gegen die neue Junta auf die Straße.

Hammer hat Myanmar oft besucht. „Es ist ein unheimlich junges Land, aber selbst für asiatische Verhältnisse arm“, berichtet er. Die Menschen seien nach der Demokratisierung hoch motiviert gewesen, sprächen durchgängig Englisch. Bei seinen Aufenthalten habe das Militär aus seiner Sicht im Alltag nur eine nebensächliche Rolle gespielt.

Chinesen haben viel investiert

Als sich das ehemalige Burma 2012 öffnet, sind viele deutsche Firmen an dem neuen Markt interessiert. In Workshops vermittelte der Asienexperte Hammer sein Wissen. „Myanmar ist ein tolles Land für Direktinvestitionen. Die Riesenchance sollte schnellstens genutzt werden, denn auch andere Länder liebäugeln damit und fordern ihre Firmen zu Gründungen auf“, schreibt er 2014 in seinem Gründer-Journal. Myanmar warb damit, dass ausländische Firmen in den ersten fünf Jahren keine Einkommens- und Körperschaftssteuer zahlen müssten – ein attraktives Angebot. „Doch typisch deutsch haben sich die Investoren abwartend verhalten. Sie wollten erst sehen, ob sich die Demokratie dauerhaft festigt“, sagt Hammer. Investiert haben vor allem die Chinesen. Aus Hammers Sicht hat die Großmacht wenig Interesse an einem demokratischen Myanmar. „Es ist doch viel einfacher, mit einer Militärjunta zu verhandeln als mit Volksvertretern“, sagt er.

Bettelmönch-Figuren stehen auf seinem Schreibtisch in Kilianstädten. Der Unternehmer hat sie von einer seiner zahlreichen Reisen mitgebracht. Hammer bewundert die jungen Menschen, die in Myanmar ihr Leben aufs Spiel setzen und weiter demonstrieren. „Wie lange können sie das ohne Hilfe von außen durchhalten?“, fragt er sich. Hammer berichtet: „Ich bin von einem Bekannten aus Myanmar gefragt worden, ob ich schusssichere Westen und Helme aus Thailand ins Land bringen kann. Dazu fehlen mir allerdings die Kontakte“, sagt der Betriebswirt.

Zeigt den Drei-Finger-Gruß, den die Demonstranten in Myanmar als Symbol ihres Protests nutzen: Berater Andreas Hammer in seinem Büro in Kilianstädten. Im Vordergrund sind Bettelmönch-Figuren zu sehen, die aus dem Land stammen.

Doch völlig tatenlos will er nicht zusehen, hat einen Brief an den Vorstand der Deutschen Bahn formuliert. Über sein Netzwerk in Myanmar hat er die Information erhalten, dass das deutsche Unternehmen ein Objekt in Yangon mietet, das der Staatsjunta gehört. Nun will er wissen, was dran ist. „In Anbetracht der täglichen Gräueltaten macht mich der Umstand, dass die Deutsche Bahn AG ein Staatsunternehmen der Bundesrepublik Deutschland ist, ungeheuer betroffen.“ Er bittet um Auskunft. Bisher ist die Deutsche Bahn eine Antwort schuldig geblieben. Hammer will dranbleiben. „Man muss im Kleinen etwas tun“, sagt er.

(Mirjam Fritzsche)

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