Prozess um versuchten Totschlag

Gutachter liegt auf der Motorhaube

Analysen auf der Motorhaube: Mit einem solchen Mercedes soll die Tat in Büdesheim verübt worden sein.
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Analysen auf der Motorhaube: Mit einem solchen Mercedes soll die Tat in Büdesheim verübt worden sein. Symbol

Thomas Reichert hat sich auf seine Aussage sehr gründlich vorbereitet und eine Fülle von Fotos mitgebracht, die er auf die großen Bildschirme im Landgericht Hanau projiziert. Eines der ersten Fotos davon ist eigentlich etwas zum Schmunzeln. Denn der 56-Jährige liegt selbst bäuchlings auf der Motorhaube eines schwarzen Mercedes CLS 350 CGI mit HU-Kennzeichen. Als Hostess für den großen Stuttgarter Autokonzern wäre er völlig ungeeignet. Und die Pose ist alles andere als witzig gemeint.

Hanau/Schöneck - Ganz im Gegenteil: „So dürfte das Opfer auf dem Wagen aufgekommen sein“, berichtet Reichert, anerkannter Ingenieur und Unfallanalytiker, der Schwurgerichtskammer unter Vorsitz von Landgerichtspräsidentin Susanne Wetzel. Es geht um versuchten Totschlag, der mit eben diesem schwarzen Mercedes verübt worden sein soll. Der 32-jährige T. aus Schöneck muss sich verantworten, weil er im Februar 2020 einen Kontrahenten angefahren haben soll – nach einem lautstarken aber im Grunde völlig nichtigen Streit um einen Einkaufswagen im und vor dem Lidl-Markt in Kilianstädten (wir berichteten).

Angaben gehen weit auseinander - Kann Sachverständiger den Fall klären?

Seit drei Verhandlungstagen ist die Kammer auf der Suche nach der Wahrheit, was im Dunklen an der Ecke Windecker Pfad/Bergstraße in Büdesheim geschehen ist. T. selbst hat ausgesagt, dass sein Widersacher, ein 42-Jähriger, auf ihn zugekommen und plötzlich einen „Satz auf die Straße“ gemacht habe. Er habe eine Vollbremsung versucht, den Unfall aber nicht verhindern können. Das Opfer sagt das Gegenteil. T. habe größeren Anlauf genommen und dann „Vollgas gegeben“. Anschließend sei der 32-Jährige ausgestiegen und habe ihn gegen den Kopf getreten. Hinzu kommen noch zahlreiche weitere Aussagen aus dem Umfeld der beiden Männer sowie die Angaben eines Augenzeugen. Alle Angaben gehen weit auseinander.

Thomas Reichert bringt daher Licht ins Dunkel. Er ist Sachverständiger. Er hat sich alles, was bisher gesagt worden ist, in Ruhe angehört. Nun ist der Ingenieur an der Reihe. Und er verteilt zunächst einmal ein dickes Lob an die Beamten der Polizeistation Maintal: „Die Motorhaube des sichergestellten Fahrzeugs war schmutzig. Die Polizisten haben hervorragende Fotos gemacht und damit die Spuren gesichert.“ Und so ist es für den Unfallanalytiker ein Leichtes, den genauen Hergang zu rekonstruieren. „Sehen Sie hier: Das sind die Spuren des Oberkörpers, der Bauchtasche und der Beine“, veranschaulicht er und kommt am Ende zu der „Pose“ mit der Lage des Opfers auf der Motorhaube.

Risse am Kühlergrill geben Hinweise

Hinzukommen noch zahlreiche andere Spuren wie Risse am Kühlergrill, eine Delle im Kennzeichen sowie Kratzer auf dem Dach. Eindrucksvoll veranschaulicht Reichert die physikalischen Gesetze. Und er widerlegt damit auch die Aussagen beider Kontrahenten: Bei einer höheren Geschwindigkeit wäre das Opfer viel weiter geschleudert worden und hätte wohl noch schlimmere Verletzungen erlitten.

Tathergang als „lebensgefährlich“ eingestuft

Bei einer von T. behaupteten, angeblichen Vollbremsung wäre der 42-Jährige umgefallen und vor dem Wagen gestürzt. Die Version des Sachverständigen: Der Mercedes hat aus etwa zehn Metern mit Vollgas beschleunigt und das Opfer – ungebremst – mit rund 30 Stundenkilometern erfasst. Plausibel sei, dass der Kontrahent „aufgeladen“ worden und dann seitlich über das Dach geschleudert worden sei, ehe er auf dem Asphalt aufschlug. Neben Reichert setzt auch der Gerichtsmediziner weitere wissenschaftliche Puzzleteile zusammen. Die Folgen des Geschehens – zwei gebrochenen Schienbeinköpfe, Brüche in Schulter und Ellenbogen – seien mit diesem rekonstruierten Hergang sehr wahrscheinlich. Und der Gutachter kommt ebenfalls zu einem Ergebnis, das gegen T. und für die Anklage sprechen könnte. Das Geschehen sei für den 42-Jährigen „lebensgefährlich“ gewesen. Der Prozess wird am Freitag im Hanauer Schwurgerichtsaal fortgesetzt (Von Thorsten Becker)

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