Urteil

Schöneck: Angeklagter im Einkaufswagen-Prozess muss über sechseinhalb Jahre in Haft

Der Streit um einen Einkaufswagen an der Uferstraße in Kilianstädten war der Auslöser für einen versuchten Totschlag in Büdesheim. Am Freitag ist das Urteil verkündet worden.
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Der Streit um einen Einkaufswagen an der Uferstraße in Kilianstädten war der Auslöser für einen versuchten Totschlag in Büdesheim. Am Freitag ist das Urteil verkündet worden.

Das Verbrechen, über das die Schwurgerichtskammer zu urteilen hat, begann mit einer flapsigen Bemerkung über zwei leere Einkaufswagen im Kilianstädter Lidl-Markt. Der Prozess um das Geschehen im Februar vergangenen Jahres endet ebenfalls mit einer flapsigen Bemerkung, diesmal vom 32-jährigen Angeklagten T.: „Danke dafür. Und ein schönes Wochenende“, wünscht der den fünf Richtern unter Vorsitz von Landgerichtspräsidentin Susanne Wetzel, die sich durch den patzigen Tonfall nicht aus der Reserve locken lässt.

Schöneck/Hanau – Denn für T. selbst wird es kein so schönes Wochenende. Das liegt vor allem an den Zetteln, zu denen die Vorsitzende nach der Urteilsverkündung greift. Die leuchtend rote Farbe des mehrseitigen Papiers lugt über den Rand der Richterbank. Es ist eine Anordnung der Kammer.

Jeder im Gerichtssaal weiß bereits, was in diesem richterlichen Beschluss steht, noch ehe Wetzel den einleitenden Satz ausgesprochen hat. Es ist der Haftbefehl gegen T., der ihm den Weg ins Gefängnis weist.

Versuchter Totschlags, gefährliche Körperverletzung sowie gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr

Denn der 32-Jährige ist soeben wegen versuchten Totschlags, gefährlicher Körperverletzung sowie gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr zu einer Freiheitsstrafe von sechs Jahren und sieben Monaten verurteilt worden. Die Richter sahen es als erwiesen an, dass T. am Samstagabend, 1. Februrar, mit seinem 292 PS starken Mercedes CLS 350 CGI auf seinen 42-jährigen Widersacher zugerast ist und ihn schwer verletzt hat. „Sie haben Vollgas gegeben“, stellt die Richterin in ihrer ausführlichen Urteilsbegründung fest. „Sie haben nicht gebremst.“ Damit verwiest sie auf die Angaben von T., der das Geschehen an der Ecke Windecker Pfad/Bergstraße in Büdesheim als „Unfall“ dargestellt hat, weil der 42-Jährige ihm „vor das Auto gesprungen“ sei (wir berichteten). Dies sei „völlig lebensfremd“ und durch die technische Expertise der Unfallanalytik ausgeschlossen worden.

„Es kann nicht so gewesen sein, wie der Angeklagte es behauptet“, stellt Wetzel fest. Auch die Version des Opfers könne nicht stimmen, der von einem weitaus größeren Anfahrtsweg der Limousine gesprochen hatte.

Vielmehr stützt die Kammer ihr Urteil auf die Aussagen von zwei direkten Zeugen sowie zwei Sachverständigen, die das Geschehen bis ins kleinste Detail rekonstruiert hatten. Vor allem die Augenzeugen seien „übereinstimmend und glaubhaft“ gewesen.

Kammer stützt sich auf Gutachter und Zeugen

Vor allem: Beide hatten beobachtet, dass T. nach der Attacke mit dem Auto ausstieg und seinem Kontrahenten gegen den Kopf getreten hat. Durch das vorsätzliche Anfahren und den Tritt habe T. den Tod des 42-Jährigen billigend in Kauf genommen, urteilten die Richter.

„Auslöser des Verbrechens war eine Lappalie“, sagt Wetzel, die den genauen Ablauf des Geschehens schildert. So hätten sich im und vor dem Discounter die Emotionen gegenseitig hochgeschaukelt, was zu einer „testosterongesteuerten Auseinandersetzung gemündet sei. „Auf den Anlass kommt es gar nicht an. Fest steht, dass der Angeklagte seinem Widersacher mehrfach gefolgt ist. Er hat die Eskalation gezielt gesucht.“

Mit dem Urteil und dem Strafmaß entsprachen die fünf Richter in vollem Umfang dem Plädoyer von Staatsanwältin Lisa Pohlmann. Die Verteidigung hatte Freispruch gefordert. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Urteil und Strafmaß folgen Plädoyer der Staatsanwältin

Doch für T., der wegen Körperverletzungen sowie Straftaten im Straßenverkehr einschlägig vorbestraft ist, könnten die Folgen des Verbrechens, das unter laufender Bewährung verübt worden ist, noch drastischer ausfallen. Denn der Wiederuf von zweieinhalb Jahren auf Bewährung dürfte als sicher gelten und die Zeit hinter Gittern verlängern. Zudem folgte die Kammer dem Antrag der Nebenklage und sprach dem Opfer ein Schmerzensgeld von 25 000 Euro sowie die Bezahlung aller Folgeschäden zu.

T. bleibt am Schluss der Urteilsverkündung nicht viel Zeit für weitere patzige Bemerkungen, denn die Wachtmeister packen die Handschellen aus und führen den 32-Jährigen ab. Als die Tür sich schließt wünscht dann die Vorsitzende Richterin: „Allen Verbliebenen: Ein schönes Wochenende.“ (Thorsten Becker)

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