Erweiterung des Gewerbegebiets Kilianstädten Nord II

Bauern, Jagdpächter und Hamsterschützer machen gegen Gebietserweiterung mobil

Zwischen dem Feldweg Marköbeler Weg und der Grenze zum Gelände des Autokontor Bayern soll ein IT-Unternehmen angesiedelt werden. Dazu müsste die Planfläche für das Gebiet Kilianstädten Nord II um fünf Hektar erweitert werden.
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Zwischen dem Feldweg Marköbeler Weg und der Grenze zum Gelände des Autokontor Bayern soll ein IT-Unternehmen angesiedelt werden. Dazu müsste die Planfläche für das Gebiet Kilianstädten Nord II um fünf Hektar erweitert werden.

Der Tagesordnungspunkt 11 für die heutige Sitzung der Gemeindevertretung hat einen sperrigen Titel: „Ergänzender Aufstellungsbeschluss für den Bebauungsplan‚ Gewerbegebiet Kilianstädten Nord II’, Ortsteil Kilianstädten, gemäß 2 Abs. 1 Baugesetzbuch sowie Änderung des Regionalen Flächennutzungsplanes“. Doch auch wenn man über solche bürokratischen Sprachmonster gern hinwegliest, könnte der Punkt heute ab 20 Uhr im Bürgertreff Kilianstädten zum Aufreger werden. Denn es gibt Widerstand.

Schöneck – Landwirte, Jagdpächter und ein ehrenamtlicher Feldhamsterschützer stehen den Plänen ablehnend gegenüber, das Gewerbegebiet für die Ansiedlung eines IT-Unternehmens zu erweitern. Und auch die Grünen haben eigene Vorstellungen in Sachen „konkreter Klimaschutz“ in diesem Gebiet.

In der Vorlage für die Sitzung wird die Dringlichkeit durch die Verwaltung damit begründet, dass erst seit Mitte Februar feststehe, um welche Fläche sich die im derzeitigen Regionalen Flächennutzungsplan (RegFNP) festgesetzte Gewerbegebietserweiterungsfläche verändere. Ein Antrag auf Änderung des RegFNP für die Sitzung der Verbandskammer im Juni 2021 müsse jedoch spätestens bis Mitte der neunten Kalenderwochen eingereicht sein. Der Mitte 2015 von der Gemeindevertretung gefasste Aufstellungsbeschluss für das Gewerbegebiet Kilianstädten Nord II habe sich im Wesentlichen auf die Abgrenzungen der durch den Regionalen Flächennutzungsplan vorgegebenen möglichen Gewerbegebietserweiterungsfläche bezogen. Mit dem Ergänzungsbeschluss soll die Gebietsabgrenzung um etwa 35 Meter nach Norden und 139 Meter nach Osten erweitert werden.

Gemeinde hofft auf 100 hochqualifizierte Arbeitsplätze

Die Gebietserweiterung sei für die mögliche Ansiedlung eines Unternehmens erforderlich, das auf dem Gebiet der IT-Datendienste tätig ist, etwa „100 hoch qualifizierte Arbeitsplätze“ schaffe und „die Gewerbesteuerentwicklung in hohem Maße positiv beeinflussen“ werde, heißt es in der Vorlage weiter. Da sich die im derzeitigen RegFNP festgesetzte Gewerbegebietserweiterungsfläche um mehr als 5000 Quadratmeter vergrößern würde, sei eine Änderung des Regionalen Flächennutzungsplanes erforderlich, wird der Sachverhalt dargestellt.

Auf Anfrage unserer Zeitung erläutert Bürgermeisterin Cornelia Rück (SPD), dass mit dem Antrag an die Verbandsversammlung – so er denn vom Gemeindeparlament verabschiedet wird – lediglich die Grundvoraussetzung für die Ansiedlung des Unternehmens geschaffen werde. Ob dies letztlich klappe und wie im Bebauungsplan dann die Belange von Arten- und Naturschutz berücksichtigt werden müssten, sei erst der zweite Schritt, so die Bürgermeisterin.

Sie sehen die Pläne äußerst kritisch: Der stellvertretende Kreislandwirt und Kilianstädter Bauer Matthias Wacker, Feldhamsterschützer Manfred Sattler und Jagdpächter André Vigano (von links) sind gegen die Erweiterung des geplanten Gewerbegebiets.

Dennoch macht der stellvertretende Kreislandwirt und Kilianstädter Bauer Matthias Wacker bereits jetzt gegen die Pläne mobil. „Das geplante Gewerbegebiet Kilianstädten Nord II vernichtet sowieso schon reichlich gute Ackerflächen. Und nun sollen weitere fünf Hektar auf immer und ewig versiegelt und aus der Nahrungsmittelproduktion herausgenommen werden“, kritisiert der Landwirt die Pläne.

Die Erweiterung würde konventionell wie biologisch bearbeitete Ackerflächen betreffen, eine bereits bestehende Ausgleichsfläche müsste zum Regenüberlaufbecken umfunktioniert werden und würde dadurch ihren Charakter verlieren. Das neue Gewerbegebiet würde durch die Erweiterung das bestehende an Größe überbieten, zerstöre den Grüngürtel um Kilianstädten, der nicht nur wertvolle, nahezu von Nitrat unbelastete Anbaufläche sei, sondern auch Naherholungsgebiet.

„Ich habe nichts gegen moderates Siedlungswachstum, aber jedem Parlamentarier muss klar sein, dass dieses Gebiet für immer verloren sein wird“, stellt Wacker bei einem Ortstermin mit unserer Zeitung fest.

Jagdpächter befürchtet Wegfall der Wechselstelle für Wild

Ein weiterer Kritiker der Erweiterung ist der Jagdpächter für Kilianstädten und Oberdorfelden, André Vigano. Er bemängelt, dass gerade an dieser Stelle, wo künftig das Internetunternehmen seinen Sitz haben soll, dem Wild aus dem Kilianstädter Wald eine wichtige und relativ ungefährliche Stelle für den Wechsel über die Landesstraße auf die Äsungsflächen genommen werde. „Dort gab es kaum Unfälle, im Gegensatz zur zweiten Wechselstelle hinter der S-Kurve in Richtung Windecken, wo schon viele Tiere zu Tode gekommen sind“, sagt der Jagdpächter. Auch die Platzierung der Ausgleichsflächen sei nicht sinnvoll, denn sie dienten nicht als sinnvolle „Brücken“ zu Rückzugs- und Ruhegebieten für das Wild. „Eine weitere Versiegelung ist kontraproduktiv für den Artenschutz“, bemängelt Vigano.

Kritiker Nummer drei ist der seit fast 20 Jahren ehrenamtlich im Feldhamsterschutz tätige Gärtnermeister Manfred Sattler aus Hochstadt. „Der Bestand der geschützten Tiere, deren Fortbestand das Land Hessen mit nicht unbeträchtlichen finanziellen Mitteln versucht zu erhalten, ist von vormals 50 auf etwa elf Populationen zurückgegangen. Die Zersiedlung der Landschaft und die Zerschneidung durch Straßen – zum Beispiel durch die Umgehung Nidderau – ist Gift für die Feldhamster“, stellt der Tierschützer fest, der seit Jahren im Auftrag des Landes Feldhamstervorkommen im westlichen Main-Kinzig-Kreis kartiert.

Hamsterschützer sieht „Sabotage“ von Artenschutz

Im direkten Umfeld der geplanten Erweiterung seien Feldhamster erfasst worden, nachdem die Tiere im Bereich Windecken nach dem Bau der Umgehung verschwunden sind. „Umsiedlungen stehe ich sehr skeptisch gegenüber. Auch Ausgleichsflächen bringen oft für die Feldhamster nichts“, so der Experte.

Nicht nur die trockenen Sommer hätten mit ihren frühen Ernten, dem dadurch bedingten Nahrungsausfall und dem Wegfall von Schutz dem Feldhamster die Aufzucht des zweiten Wurfs unmöglich gemacht, auch die zunehmende Zersiedlung mit den Störfaktoren Spaziergängern, Radfahrern, Hunden und Katzen setzten dem Feldhamster massiv zu. Eine Vergrößerung des geplanten Gewerbegebiets ist für Manfred Sattler ein „absolutes No Go“ und grenze an „Sabotage“.

Grüne fordern klimafreundliche Infrastruktur

Die Schönecker Grünen stellen an die Erweiterung einige Anforderungen: „Schon bei Erschließung und Verkauf der Grundstücke soll eine klimafreundliche Infrastruktur gefordert und gefördert werden“, heißt es in einer Stellungnahme. Nach den Plänen der Grünen würden Grundstückskäufer vertraglich verpflichtet, Sonnenenergie auf den neuen Gebäuden zu nutzen und „eine erwartete künftige Vollausstattung mit Elektrofahrzeugen vorzubereiten“. Weiter schreibt der stellvertretende Fraktionsvorsitzende Wolfgang Seifried: „Wir als Gemeinde Schöneck stellen den Gewerbebetrieben kostbare Flächen zur Verfügung. Für den Klimaschutz und das Gemeinwohl ist es erforderlich, dass auf diesen nun ohnehin versiegelten Flächen als Zusatznutzen Sonnenenergie gewonnen wird.“ Für den Fall, dass sich dort das avisierte Rechenzentrum ansiedele, fordern die Grünen, die durch den immensen Stromverbrauch und die notwendige Kühlung anfallende Abwärme aus Klimaschutzgründen nicht verpuffen zu lassen, sondern diese sinnvoll zu nutzen, „zum Beispiel durch den Aufbau eines Nahwärmenetzes“.

Die geplante Erweiterung des Gewerbegebiets Kilianstädten Nord II wird an diesem Donnerstag, 20. Mai, ab 20 Uhr eines der Themen in der Gemeindevertretersitzung im Bürgertreff Kilianstädten sein. Die Sitzung ist öffentlich.

(Von Thomas Seifert)

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