Schöneck

Schönecker Missbrauchs-Prozess: Erste Zeugenaussagen

Justitia muss entscheiden: Auf der Anklagebank des Landgerichts Hanaus sitzt ein 38-jähriger Schönecker. Er soll seine Stieftochter sexuell missbraucht haben. Archivfoto: Thorsten Becker

Schöneck/Hanau. Der schwere Vorwurf des sexuellen Missbrauchs Schutzbefohlener in 78 Fällen steht im Raum A216 des Hanauer Landgerichts. Sechs Zeugen harren am zweiten Verhandlungstag bis nach 18 Uhr vor dem Saal aus. Vergeblich, denn auch ein Gericht kommt irgendwann einmal an seine Grenzen.

Von Rainer Habermann„Obwohl wir hier auch schon bis nach 23 Uhr gesessen haben“, heißt es hinter vorgehaltener Hand. Doch das, was im Saal verhandelt wird, verlangt von allen Prozessbeteiligten absolute Konzentration.

Stieftochter 78 Mal missbraucht?

Auf der Anklagebank sitzt ein 38-jähriger Schönecker, der seine minderjährige Stieftochter 78 Mal missbraucht haben soll. Die entsprechende Konzentration aufzubringen, wird für alle nach neun Stunden immer schwerer. Gerade aber in solchen Fällen, in denen Aussagen des mutmaßlichen Opfers – aus gut verständlichen Gründen – nicht öffentlich sind, kommt es auf Nuancen an.

Zunächst sitzt die Ehefrau des Angeklagten und leibliche Mutter des mutmaßlichen Opfers auf dem Zeugenstuhl. Ihre Vernehmung dauert den gesamten Vormittag. Sie verzichtet auf ihr Aussageverweigerungsrecht. Wie schon bei der Tochter wird die Öffentlichkeit bei intimen sexuellen Fragen aus dem Gerichtssaal verbannt.

Schwieriges Verhältnis von Mutter und Tochter

Doch eines wird klar: Das Verhältnis von Mutter und Tochter aus erster Ehe war nie das beste. Sie hatte schließlich auch im September 2017 (die angeblichen Taten lagen zwischen den Jahren 2014 und dem 23. Mai 2017, als die Anzeige des Missbrauchs bei der Polizei erfolgte) einer Inobhutnahme der damals 17-jährigen Tochter durch das Jugendamt zugestimmt. Die 41-jährige Frau hat zudem mit dem Angeklagten zwei leibliche Kinder.

Bei den Fragen des Gerichts zu ihrer Ehe, zu den Vorfällen, zu der Gesamtsituation im Schönecker Haus der Familie, kommt von ihr mehr oder weniger nur: „normal“. Ihr Satz: „Wenn meine Tochter etwas wollte, ist sie immer zu meinem Mann gegangen“, spricht Bände.

Dass sie selbst im Alter von etwa zwölf Jahren von ihrem eigenen Bruder sexuell belästigt worden sei, mag vielleicht erklären, dass sie außer über WhatsApp-Dialoge zu ihrer eigenen Tochter nicht so richtig eine Beziehung hatte. „Meine Tochter lügt manchmal“, stellt sie kurz fest.

Zeugin erhebt schwere Vorwürfe

Die zweite Zeugin wird nach der Mittagspause in den Gerichtssaal gebeten: eine 29-jährige Freundin der Ehefrau, selbst Mutter und auch mit dem Opfer gut bekannt. Der Angeklagte würdigt sie keines Blickes. Ihr Belastungseifer gegen ihn wird bereits in ihrem ersten Satz deutlich: „Den Stiefvater habe ich kennengelernt im Bett der Stieftochter. Er lag auf der Seite, sie saß im Schneidersitz. Sie wirkten sehr vertraut. Das gehört sich doch nicht!“ Aber: Beide waren bekleidet.

Alles weitere, was sie aussagt, sind „Vorwürfe aus zweiter Hand“. So habe die Stieftochter ihr später anvertraut, dass sie zum Baden mit dem Stiefvater gezwungen worden sei, auch noch mit 14 Jahren. Der Stiefvater hatte ausgesagt, dass er das ab 14 unterbunden habe, und dass sie freiwillig und auch mit ihrer Mutter anwesend im Badezimmer, in die Eckwanne gestiegen sei; sich die Haare habe waschen und den Rücken schrubben lassen. Wie auch die anderen Kinder.

Opfer vertraute sich spät einer Freundin an

Über die intimen Übergriffe habe das Mädchen erst später berichtet. Da sei es „aus ihr herausgebrochen“. Die dritte Zeugin schließlich ist die beste und gleichaltrige Freundin des Opfers (19). Sie war es auch, die dem Opfer schließlich riet, Anzeige bei der Polizei zu erstatten. Bei ihrer Aussage gibt es ein Kuriosum in der Geschichte des Landgerichts: Eine „Base Chat“-Audiodatei, vom Verteidiger Christian Freydank auf USB-Stick offenbar spontan mitgebracht, wird abgespielt. Er will die Zeugin offenbar in ein anders Licht rücken.

Staatsanwalt Martin Links verzichtet ausdrücklich auf Strafverfolgung, obwohl die Gesamtumstände und das Gehörte schon grenzwertig sind: Telefonsex der Zeugin mit einem unbekannten Mann offensichtlich höheren Alters. Im Hintergrund zu hören: Lacher der Stieftochter und eines dritten Mädchens. Ein Spaß? Ein jugendlicher Streich? Das wird schließlich das Hanauer Landgericht entscheiden.

Der FallEinem 38-jährigen Schönecker wird vorgeworfen, seine minderjährige Stieftochter in 78 Fällen sexuell missbraucht zu haben.3. Dezember: Prozessauftakt vor der 5. Großen Strafkammer am Hanauer Landgericht. Der Angeklagte bestreitet die Vorwürfe, das Opfer sagt unter Ausschluss der Öffentlichkeit als Zeugin aus.11. Dezember: Die Mutter und die beste Freundin desOpfers sagen aus.Der Prozess wird am Freitag, 20. Dezember, im Saal A216, des Hanauer Landgerichts fortgesetzt.

Quelle: Hanauer Anzeiger

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