Einkaufswagen-Prozess

Staatsanwältin fordert drastische Strafe für Verbrechen in Schöneck

Gefängnis oder Freispruch? Nach der Beweisaufnahme im Einkaufswagen-Prozess sind nun die Plädoyers vor dem Hanauer Schwurgericht gehalten worden. Der 32-jährige T., hier zusammen mit seinen Verteidigern, hält sich weiterhin für unschuldig.
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Gefängnis oder Freispruch? Nach der Beweisaufnahme im Einkaufswagen-Prozess sind nun die Plädoyers vor dem Hanauer Schwurgericht gehalten worden. Der 32-jährige T., hier zusammen mit seinen Verteidigern, hält sich weiterhin für unschuldig.

Was ist genau am 2. Februar vergangenen Jahres vor dem Lidl-Markt in Kilianstädten und etwas später an der Kreuzung Bergstraße/Windecker Pfad in Büdesheim geschehen? An diesem Abend wurde ein 42-Jähriger angefahren und schwer verletzt. Selbst nach tagelanger Beweisaufnahme und zahlreichen Zeugenaussagen gehen die Meinungen vom der Schwurgericht Hanau dabei weit auseinander.

Hanau/Schöneck - Unterschiedlicher könnten die Plädoyers nicht sein: Staatsanwältin Lisa Pohlmann sieht den 32-jähigen T. des versuchten Totschlags für überführt und fordert eine Freiheitsstrafe von sechs Jahren und sieben Monaten. Strafverteidiger Hans-Dieter Henkel plädiert dagegen auf Freispruch für seinen Mandanten.

Eloquent verdeutlicht zunächst die Anklägerin ihren Standpunkt zum Fall, der sich aus einem völlig nichtigen Grund entwickelt habe. Beide Männer seien nach einer flapsigen Bemerkung im Discounter aneinandergeraten, der Streit setzte sich dann auf dem Parkplatz fort. Beide Seiten schaukelten sich mit Kraftausdrücken gegenseitig hoch.

Vorwurf: Den am Boden liegenden Verletzten gegen den Kopf getreten

„Da sind die richtigen Männer zum falschen Zeitpunkt aneinandergeraten. Keiner der beiden hat sich auszeichnungswürdig verhalten“, so die Staatsanwältin, die süffisant auf das gesteigerte Testosteron hinweist mit der Bemerkung, die Konfrontation erinnere sie an an einen ganz bestimmten Ausdruck, den sie „aus Respekt vor dem Gericht nicht nennen werde“. Wer wen beleidigt oder sogar geschubst habe, sei jedoch für die juristische Bewertung völlig irrelevant, so Pohlmann, die es als erwiesen ansieht, dass T. später in Büdesheim mit Vollgas auf seinen Kontrahenten losgefahren sei und dem am Boden liegen Mann gegen den Kopf getreten habe.

Auseinandersetzung in Schöneck wegen flapsiger Bemerkung um Einkaufswagen

„Unbegreiflich“ bezeichnet die Staatsanwältin die Behauptung von T., er habe bereits ein Anti-Aggressionstraining absolviert. „Wenn jemand einem blöd kommt, dann geht man doch einfach weg.“ Doch T. habe in ihren Augen die Auseinandersetzung gesucht. Seine Version, dass der 43-Jährige ihm vor das Auto gesprungen sei und er gebremst habe, hält sie für eine Schutzbehauptung. „Das ist lebensfremd und unerklärlich.“

Ebensowenig glaubt die Staatsanwältin der Version des Opfers, der einen viel größeren Anfahrtsweg angegeben hatte. Sie stützt sich auf die Aussage eines Augenzeugen, die mit den Gutachten der beiden Sachverständigen „eins zu eins“ übereinstimme. T. habe den Entschluss gefasst, den Streit in Kilianstädten nicht auf sich beruhen zu lassen und habe seinen Gegner bis in der Bergstraße verfolgt.

Anklägerin: Tod billigend in Kauf genommen

Mit der Tat, so Pohlmann, habe der Angeklagte den Tod des Opfers zweimal billigend in Kauf genommen. Als ebenso unverständlich bezeichnet es die Staatsanwältin, dass T. sich bislang nicht bei dem schwer verletzten Opfer angesichts der schweren Verletzungen und Folgeschäden entschuldigt habe. Da T. bereits zehn Vorstrafen hat und zum Zeitpunkt des Verbrechens zweifach unter laufender Bewährung stand, fordert Pohlmann das drastische Exempel.

Verteidiger Henkel wirft danach alles in die Waagschale, um die Unschuld seines Mandanten zu beweisen. Es habe keine Entschuldigungen geben können, weil sein Mandant „völlig davon überzeugt ist, dass er unschuldig“ an dem Geschehen sei. Besonders greift der Rechtsanwalt die „schlampige Arbeit“ der Maintaler Polizei am Tatort an, weil keine ordentlichen Fotos gemacht oder Abstände gemessen worden seien. „Das war eine katastrophale Unfallaufnahme.“

Verteidiger plädiert auf Freispruch

Das wiederum habe die Folge, dass nur Augenzeugenberichte und Gutachten zur Rekonstruktion vorlägen. Da er erhebliche Zweifel an dem Zeugen habe und der Unfallsachverständige sein Gutachten vor allem darauf gestützt habe, seien diese Annahmen falsch, meint Henkel, der auf ein Gegengutachten verweist, in dem der Unfall als „unvermeidbar“ eingestuft wird. Da der tatsächliche Hergang nicht eindeutig geklärt werden könne, sei T. freizusprechen.

Percy Meiser, der das Opfer als Nebenkläger vertritt, sieht dagegen eine „vorsätzliche Tötungsabsicht“ und verweist auf die Schwere der Verletzungen seines Mandanten sowie den Antrag, dem 42-Jährigen ein Schmerzensgeld von mindestens 25 000 Euro zuzusprechen: „Ich forderte die volle Härte des Gesetzes“ Das Schwurgericht will sein Urteil am Freitag, 11. Juni, verkünden. (Von Thorsten Becker)

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