Prinzip einer halb-mechanisierten Geige

Unikate sind oft teurer als ein Klavier: Kurt Racky zeigt das Spiel mit der Drehleier

Hat den Dreh raus: Kurt Racky zeigt bei der Musikschule Main-Kinzig, wie eine Drehleier gespielt wird.
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Hat den Dreh raus: Kurt Racky zeigt bei der Musikschule Main-Kinzig, wie eine Drehleier gespielt wird.

Gelnhausen – Kurt Racky lässt seinen Blick liebevoll über die Drehleier gleiten, die quer über seinem Schoß liegt. Der ehemalige Pfarrer, von Kindheit an ein begeisterter Musiker, hat seine Begeisterung für das Instrument entdeckt, nachdem er 1988 eine Pfarrstelle in Lißberg erhielt. „Dort war ein internationales Festival für alte Musik, für die Drehleier und den Nudelsack, etabliert“, erinnert sich der Ruheständler, der „an die 30 Instrumente spielt“.

Diese erste Begegnung mit dem Streichinstrument, das mit einer Kurbel bedient wird, hat eine Leidenschaft ausgelöst, die sich bis heute hält. „Bei der Leier spiele ich noch selbst die Musik. Das ist anders als bei der Drehorgel - da ist die Musik auch schon einprogrammiert, über eine Walze oder ein Lochband“, so Racky.

Erhalten hat sich neben der Leidenschaft für das Instrument seit vielen Jahren auch der Kontakt zu Kurt Reichmann, einem Designer und Drehleierbauer, der sich dem Nachbau historischer Instrumente seit 1967 widmet.

Reichmann ist es auch, der ein neues Angebot der Musikschule Main-Kinzig Gelnhausen in Kooperation mit dem Musikinstrumenten-Museum Lißberg ermöglicht: Er stellt für einen Schnupperkurs für das historische Instrument die Drehleiern zur Verfügung.

„Reichmann war seinerzeit begeistert, dass ich spontan Interesse hatte und beim ersten Festival, das ich in Lißberg miterlebte, auch gleich den Drehleierkurs besuchte“, erinnert sich Racky. Im Folgejahr habe er die Organistin und ein Chormitglied für die Drehleier begeistern können, ein Auftritt beim Gemeindefest folgte und verlockte Marieluise Schmitz dazu nachzufragen, ob sie in der Gruppierung mitspielen dürfe.

„Sie hatte Geige gelernt und sich auf mittelalterliche Fideln spezialisiert“, weiß Racky noch heute. „Die hat aus jedem Scheit Holz Klänge herausgeholt, was sonst keiner schafft.“ Ab 1991 war mit den „Lißberger Leier-Leut“ eine Formierung aktiv, die sich insbesondere in der Mittelalterszene reger Nachfrage erfreute.

Ab 2004 folgte das „Bonifatius-Ensemble“, dessen Name zurück geht auf die 172 Kilometer lange Wanderstrecke von Mainz nach Fulda– oder umgekehrt, an deren Realisierung Racky maßgeblich beteiligt war.

Mittelalterliche Mechanik: Die Drehleiern werden nach altem Handwerk hergestellt.

„Die Drehleier ist im Wesentlichen im Orient entstanden und durch die Mauren im 11. und 12. Jahrhundert nach Spanien gekommen“, erklärt Racky die Geschichte des Instruments. Im „Pórtico de la gloria“ der Kathedrale von Santiago de Compostela sei ein Organistrum in Stein gemeißelt, der geistliche Vorläufer der Drehleier also, während die Symphonica der weltliche Vorläufer sei. Die Troubadoure und Trouvères brachten die Instrumente von Spanien nach Frankreich. Vermessungen, Fotoaufnahmen und Zeichnungen dienen Reichmann bis heute als Grundlage für seine Nachbauten der historischen Instrumente. „Wir haben im Musikinstrumenten-Museum in Lißberg zwölf Weltbesonderheiten“, freut sich Racky über die Geschenke von Reichmann.

Manches von Alarmanlagen gut bewachte Einzelstück „ist teurer als ein Klavier“. Eine „normale Drehleier“ dagegen kostet zwischen 1700 und 2800 Euro. In Handarbeit und nur in sehr kleinen Serien werden die Instrumente hergestellt – jedes für sich deshalb doch stets ein Unikat.

Der Kontakt zur Musikschule Main-Kinzig entstand dank der Planungen für die 850-Jahr-Feier in Gelnhausen in diesem Jahr. „Wir wollten mit alten Instrumenten zu jedem Jahrhundert ein passendes Musikstück spielen“, so Racky. Der Chor wäre in „aufsteigender Dramaturgie“ mit zwei, vier, schließlich zwölf Stimmen zu hören gewesen. Auch die Musikschule wäre an diesen Jubiläumsfeierlichkeiten beteiligt gewesen. Die Corona-Pandemie hat dies verhindert, aber den Weg eröffnet zu der neuen Kooperation.

„Sechs Teilnehmer machten mit, sie nutzten Renaissance-Drehleiern und lernen innerhalb von Minuten, etwas zu spielen“, erklärt Racky. Das Prinzip ähnele einer „halb-mechanisierten Geige“, wobei „links statt der Fingerfummelei feste Tasten“ seien, während rechts „die ewige Leier“ gekurbelt werden. Gelehrt werden auch Grundlagen des einfachen Melodiespiels mit der linken Hand und die Grundlagen der Schlagtechnik mit der rechten Hand.

Über eine beweglich installisierte Saite können mit der Hand durch Schlagimpulse während des Leierns schnarrende Rhythmen erzeugt werden.

Für Racky bedeutet das Vorbereiten der Instrumente stets viel Arbeit. „Die Drehleiern werden nach altem Handwerk hergestellt, die sind nicht unbedingt gleich. Das sind Diven. So wie bei Harry Potter: Der Zauberstab richtet sich nach dem Zauberer.“ Da muss geschaut werden, ob die „Schnarre“ richtig geht, ob an der Resonanzseite „was herumklirrt“.

Wenn neue Saiten aufgezogen wurden, dauert es, bis der Knoten sich nachgezogen hat und die Saite nicht mehr nachgibt.

Die Wattierung zur Schonung des Rades muss überprüft werden, „direkt auf die Leier batschen“ verbietet sich. Kolophonium muss – wie bei der Geige – aufgetragen werden, die Fähnchen werden justiert, damit die Tonhöhe stimmt. „Die Leier muss so vorbereitet sein, dass wir nur noch das Stimmen üben“, sagt Racky.

Wer sich für die Drehleier interessiert, kann komplette Kurse auf allen Niveaus im Musikinstrumentenmuseum in Lißberg besuchen.

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