Vor 25 Jahren: Erster Waldkindergarten in Hessen

Allen Widerständen getrotzt

„Ich habe gemerkt, wie sehr mir das fehlt, mit den Kindern im Wald zu sein.“: Berit Zeber leitet die Gelnhäuser Waldkindergärten.
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„Ich habe gemerkt, wie sehr mir das fehlt, mit den Kindern im Wald zu sein.“: Berit Zeber leitet die Gelnhäuser Waldkindergärten.

„Für mich ist dieser Waldkindergarten eine Gesundheits- und Energiequelle“, sagt Berit Zeber. Regen tropft auf ihre Kapuze, die sich die Geschäftsführerin der Waldkindergärten in Gelnhausen lässig halb über den Kopf gezogen hat. Vor 25 Jahren eröffnete Zeber den ersten hessischen Waldkindergarten auf einer Streuobstwiese am Rande des Gelnhäuser Stadtwalds.

Inzwischen arbeiten 35 Mitarbeiter mit 140 Kindern in vier Gelnhäuser Waldkindergärten. Sogar ein Aufnahmestopp musste dieses Jahr verhängt werden. „Wir sind überall voll, und der Bedarf steigt und steigt“, berichtet Zeber. Das Konzept, sich der Förderung der Bewegungserfahrungen, der sinnlichen Wahrnehmung, der Naturerfahrung, der Sprachentwicklung und Kommunikation und des sozialen Lernens schwerpunktmäßig zu widmen, trägt Früchte.

Eine Erfolgsgeschichte, die unter dem Motto „Wir arbeiten anders“ auf ein immer größeres Publikum stößt. „Früher musste ich Klinken putzen, wie hatten zu viele Plätze und zu wenige Kinder. Mittlerweile bewerben sich Eltern um einen Platz“, freut sich die Leiterin, die auch Kommunen im Umkreis bei der Einrichtung von Waldkindergärten berät.

Und dennoch widmet sie sich jede Woche auf der Streuobstwiese am Gelnhäuser Blockhaus denen, die ihr an ihrem Beruf am meisten Freude bereiten: den Kindern. „Ich bin zwar die Geschäftsführerin der gemeinnützigen GmbH und mache sehr viel Verwaltungstätigkeit, aber ich habe gemerkt, wie sehr mir das fehlt, mit den Kindern im Wald zu sein.“

Da gibt es beispielsweise einen „wunderschönen Platz am Bach, wo man Staudämme bauen kann, Rindenschiffe ins Wasser setzt, erforscht, klettert. Der Platz liegt in einem Stück Fichtenwald, ist ganz voller Moos. Das ist ein Platz, der unheimlich viel bietet.“ Von solchen Orten und der Kraft, die sie ihr geben, kann Zeber lange erzählen, aber: „Es sind so unglaublich viele Erinnerungen, da fällt es schwer, eine besondere herauszupicken.“ Und doch sei ihr gerade bei den Jubiläumsüberlegungen zu genau diesem Ort eine Geschichte in den Sinn gekommen, die sie lange vergessen hatte: „Im zweiten oder dritten Jahr waren wir mit den künftigen Schulkindern dort und feierten das Ende der Kindergartenzeit. Für jedes Kind gab es eine bemalte Kiste mit schönen Sachen für die Schule. Der Wunsch der Kinder war es, dass die Kisten auf der kleinen Insel mitten im Teich liegen sollten. Tatsächlich habe ich dann ein Schlauchboot organisiert und die Eltern sollten mit den Kindern zu der Insel rudern und die Kiste holen. Aber das Schlauchboot hatte ein Loch“, erzählt Zeber und lacht. „Die Letzten waren wirklich nass. Das war total schön. Wenn das heute gemacht würde: Oh Gott. Mit Kindern am See mit einem Schlauchboot. . . “

Dabei, so sagt die 51-Jährige, sei es wichtig, dass „auch mal was schiefläuft“. Und auch davon kann sie rückblickend berichten: Davon, dass sie 15 Jahre für ihre Einrichtung gekämpft habe, über die Thorsten Stolz als damaliger Gelnhäuser Bürgermeister sagte, sie sei „ein betriebswirtschaftliches Wunder.“

Waldkindergarten: Viel Solidarität erfahren

Gerade in der Anfangszeit habe sie „ganz viele Widerstände erfahren“, ein Hörfunk-Mitarbeiter habe sie beispielsweise gefragt, „ob das jetzt Wolfskinder wären“, die da heranwachsen würden. Eines der schlimmsten Ereignisse sei gewesen, dass ein Vorstand des damals verantwortlichen Vereins versucht habe, „den Waldkindergarten zu übernehmen und mir eine Kündigung geschickt hat. Das hat mich sehr geprägt“. Zwar sei die Sache damals gut ausgegangen, denn sie habe sehr viel Solidarität erfahren. Generell könne sie rückblickend sagen, es habe unglaublich viele Menschen gegeben, die sie unterstützt haben.

„Ich werde noch lange hier durch den Wald laufen“, sagt die Oma zweier Enkel, die natürlich ebenfalls den Waldkindergarten besuchen. Unterstützung findet die Erzieherin bei ihrer Familie, Ehemann Marko Seeling, und ihren vier Kindern. „Fünf Hühner und zwei Hunde gibt es bei uns auch noch.“

Sie kann in der gegenwärtigen Zeit Positives erkennen: „Wir hatten bei 140 Kindern keinen einzigen Fall von Corona. Wir haben aber auch sonst nicht diese Ansteckung wie in normalen Kindergärten.“ Das Immunsystem der Kinder werde nirgends besser gefördert als im Wald. Dort werde dem Immunsystem Energie zugeführt und die „Hintergrundimmunität“ verstärkt. Im Wald sei das Immunsystem die ganze Zeit gefordert. „Vielleicht entdecken wir das durch Corona wieder“, hofft Berit Zeber.

Die Kinder jedenfalls lieben „ihren Waldkindergarten“. Die sechsjährige Nele erzählt, „es macht mir gar nichts aus, wenn es regnet. Und wenn es schneit, gehen wir in den Bauwagen“.

Die fünfjährige Elin freut sich, jetzt ebenfalls im Wald zu sein. In ihrem vorherigen Kindergarten sei besonders eine Erzieherin „saustreng“ gewesen. Auch Lionel, Oscar, Johann und Valentin, die in ihren Regenjacken und Gummistiefeln Schutz in einer Jurte gefunden haben, sind sich alle einig: In einem „normalen Kindergarten zu sein, also: Das wäre überhaupt nix“. (Von Andrea Euler)

„Ein betriebswirtschaftliches Wunder“: Seit 25 Jahren hat sich das Konzept der Waldkindergärten durchgesetzt.

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