Sie können die Situation nur aussitzen

Weil viele Patienten Angst vor Ansteckung haben, brechen Heilmittelerbringern Umsätze weg

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„Die Menschen haben einfach Angst“, sagt Beate Mistygacz (links), die in Hanau mit Kollegen eine Praxis für Physiotherapie führt.

Heilmittelerbringer sind systemrelevant. Aber weil viele Patienten Angst vor Ansteckung haben, sagen sie die Termine ab. Das hat in den Praxen zu massiven finanziellen Einbrüchen geführt – auch in den Praxen in und um Hanau herum.

„Den Heilmittelerbringern droht der finanzielle Ruin. Die Politik nimmt das Verschwinden der Therapiepraxen in Kauf“, lautet eine Kritik des Spitzenverbands der Heilmittelverbände (SHV). Die Heilmittelbereiche, also Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie und Podologie, würden bereits seit Jahren unter sehr geringen Vergütungssätzen leiden. Hinzu kämen nun auch noch Corona-bedingte Umsatzeinbußen, zum Teil bis zu 90 Prozent, weil viele Patienten ihre Termine von sich aus absagen. Weil sie Angst haben, dass sie sich anstecken könnten. Der Spitzenverband fordert für seine Mitglieder daher finanzielle Soforthilfen von der gesetzlichen Krankenversicherung in Form von Ausgleichszahlungen. 

„Heilmittelerbringer sind systemrelevant, das heißt, sie gehören ausdrücklich zum Kern der Gesundheitsversorgung wie Krankenhäuser, Ärzte und Apotheker auch. Sie dürfen – und müssen – weiterhin Patienten behandeln. Deshalb muss ein weiterer Rettungsschirm selbstverständlich auch für Therapeuten gelten“, fordert der SHV in einer Presseerklärung. 

Liquiditätsengpass würden sie erst in einem Vierteljahr spüren

Hanna Jakobs ist Ergotherapeutin in Erlensee. Auch sie verzeichnet einen Rückgang um rund 50 Prozent. „Als

50 Prozent Rückgang: Ergotherapeutin Hanna Jakobs aus Erlensee.

Mitte März die Corona-Welle auf uns zurollte, war es, als würde ein Schalter umgelegt. Das Telefon klingelte pausenlos. Nur Patienten, die ihre Termine auf unbestimmte Zeit stornierten“, berichtet sie. Eigentlich seien sie zu fünft, doch derzeit fiele nur Arbeit für zwei an. Ihr sei deswegen nichts anderes übriggeblieben, als Kurzarbeit anzumelden. „Diese Macht- und Hilflosigkeit macht uns betroffen, auch wenn wir den Beweggrund sehr gut verstehen; schließlich gehört ein Großteil unserer Patienten zu den Risikogruppen. Mit der Kurzarbeit versuchen wir, alles am Laufen zu halten.“ 

Den Liquiditätsengpass würden sie erst in einem Vierteljahr spüren, da die Rezepte immer für zehn Termine ausgestellt seien. „Ich würde mir wünschen, dass die Krankenkassen die Behandlungen, die nicht stattfinden können, anteilig erstatten.“ Im Normalfall müsse eine Verordnung bei längerer Pause abgebrochen werden. Sie müssten aber angefangene Verordnungen abrechnen, da sie sonst nicht liquide blieben. „Hätte das Gesundheitsamt meine Praxis geschlossen, hätte mir eine Entschädigung zugestanden.“ Würde sie selbst diese schließen, bekäme sie kein Geld. „Selbst Mundschutz und Desinfektionsmittel bekommen wir als Praxis nicht gestellt. Zufällig hatte ich erst vor Kurzem einiges geordert, sodass wir erst einmal versorgt sind“, sagt sie noch zum Schluss.

Preise für Hygienemittel seien mittlerweile in die Höhe geschnellt

„In der Praxis haben wir diverse Maßnahmen getroffen. So behandeln wir keine erkälteten Patienten, haben im

Sarah Rausch ist Logopädin in Schöneck-Büdesheim. Ihre Praxis bleibt jetzt meist leer.

Wartezimmer den größtmöglichen Abstand zwischen den Stühlen hergestellt und die Patienten müssen bei Ankunft ihre Hände desinfizieren“, zählt sie als Beispiele auf. Sarah Rausch ist Logopädin in Schöneck-Büdesheim. Auch sie beklagt einen 60-prozentigen Rückgang der Behandlungen. „Die Patienten sind einfach verunsichert“, bringt sie es auf den Punkt. Vor allem spüre sie die Ausfälle der Patienten in den Altersheimen. „Seit einer Woche etwa hat es sich etwas eingependelt, aber wir verzeichnen deutlich weniger Neuanmeldungen als früher“, sagt sie. Als Sicherheitsmaßnahmen hätte sie in ihrer Praxis eine Plexiglasscheibe an der Rezeption anbringen lassen. Und sie sei bemüht, keine Wartezeiten aufkommen zu lassen. „Bevor wir mit der Behandlung starten, wird der Patient gebeten, sich die Hände zu waschen und zu desinfizieren“, erzählt Rausch. 

Die Preise für Hygienemittel seien mittlerweile in die Höhe geschnellt. Diese müssten sie als Praxis selbst tragen. Sie fühle sich von der Politik allein gelassen, sagt sie. „Wir müssen uns die Informationen zusammensuchen, für die Heilmittelerbringer gibt es keinen Masterplan.“ Als Mutter von zwei kleinen Kindern müsse auch sie den Spagat zwischen Arbeit und Familie hinbekommen. Es fehle die Betreuung, in Hessen hätte sie keinen Anspruch darauf. So hätte sie vor Kurzem sogar eine Behandlung absagen müssen, weil sie niemanden hatte, der in dieser Zeit auf ihre Kinder hätte aufpassen können. „Die Menschen haben einfach Angst“, sagt auch Beate Mistygacz, die in Hanau mit zwei anderen Kollegen eine Praxis für Physiotherapie führt. Daher beklagt auch sie einen Einbruch von über 50 Prozent. 

Praxis breche täglich mehr ein

„Unsere älteren Patienten haben wir gebeten, vorsichtshalber zu Hause zu bleiben. Einige von ihnen haben Vorerkrankungen und gehören damit zu den Risikogruppen“, gibt sie als Grund an. Aber Neuanmeldungen – mitnichten. „Im März ging alles noch so, doch die Lage wird jetzt immer schlimmer“, fährt sie fort. Aus diesem Grund hätten sie staatliche Hilfe beantragt und sogar recht schnell bewilligt bekommen. Nun müssten sie die Zeit irgendwie finanziell überbrücken. „Uns fehlt es an Mundschutz und Desinfektionsmitteln. Viel haben wir gar nicht mehr im Bestand. Aber geholfen wird uns nicht, obwohl wir dies schon mehrfach an die Verantwortlichen weitergeleitet haben. Aber schließen dürfen wir auch nicht.“ 

Die Praxis gebe es nun schon seit 20 Jahren, erzählt Mistygacz, doch täglich müssten sie hilflos mit ansehen, wie sie immer mehr einbreche. „Wir wünschen uns genügend Schutzkleidung, damit wir uns zumindest so sicher fühlen. Uns wird nichts anderes übrigbleiben, als die Situation wohl oder übel auszusitzen“, resümiert sie am Ende des Gesprächs.

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